natur: Es gibt mehr als hundert Definitionen von Nachhaltigkeit. Welche ist Ihr Favorit?
Michelsen: Die Brundtland-Definition, benannt nach der früheren norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland, ist nach wie vor sehr klar in ihrem normativen Gehalt und in ihren Schlüsselkonzepten: Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der heutigen Generationen befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können. Es geht also um die Frage von Grenzen des Wachstums, der Belastbarkeit unseres Planeten, der Verteilung von Wohlstand. Und um die Frage, wie wir die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse für alle Menschen auf der Erde gewährleisten können.
Erfunden hat Brundtland die „nachhaltige Entwicklung” damit aber nicht.
Nein. Da muss das Konzept von nachhaltiger Waldwirtschaft genannt werden, wie es der sächsische Oberberghauptmann Carl von Carlowitz im Jahr 1713 beschrieben hat. Danach beruht eine nachhaltige Forstwirtschaft auf dem Grundsatz, dass in einem Jahr nur so viel Holz geschlagen werden soll, wie für eine „hiebsreife Menge” wieder nachwachsen kann.
Warum bieten Sie ein Studium „Nachhaltigkeit und Journalismus” an? Ist das Wort Nachhaltigkeit nicht schon genug strapaziert?
Strapaziert ist das Wort dadurch, dass es häufig nicht eindeutig verwendet wird. Problematisch ist auch, dass zukunftsrelevante Schlüsselfragen oft nur punktuell, ausschnitthaft und unverbunden behandelt werden. Die Idee der Nachhaltigkeit bietet einen Rahmen an, in dem wir konstruktiv über die Gestaltung unserer Welt nachdenken können – hierfür braucht es qualifizierte Journalistinnen und Journalisten.
Um was geht es in Ihrem Zertifikatsprogramm?
Nachhaltigkeitsjournalismus zeichnet sich dadurch aus, dass er ressortübergreifend Zusammenhänge aufzeigt. Er nimmt Gerechtigkeits- und Beteiligungsfragen in den Blick und ist transformativ ausgerichtet. Dafür braucht es Journalisten und Journalistinnen, die über fundiertes Sachwissen verfügen und einen Überblick über die Diskussion und die Akteure im Feld haben. Ein so verstandener Nachhaltigkeitsjournalismus fordert aber auch einen Wechsel im beruflichen Selbstverständnis vieler Journalisten heraus: weg vom mahnenden Chronisten des Untergangs, hin zum Mitgestalter einer nachhaltigen Zukunft. Wir wollen mit dem Angebot auf keinen Fall ein neues Themensegment des Fachjournalismus’ eröffnen und ein Ressort Nachhaltigkeit schaffen. Vielmehr sind Nachhaltigkeitsjournalisten Vermittler zwischen den Ressorts in den verschiedenen Medien.




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