Das Gespräch führte RAINER KURLEMANN
Herr Prof. Erb, wie reagieren Menschen, denen Sie erzählen, woran Sie forschen?
Ich habe selten das Gefühl, dass synthetische Biologie auf Ablehnung stößt. Für mich ist sie in erster Linie Grundlagenforschung. Aber sie hat natürlich auch Anwendungsbezüge, die ich immer hervorhebe. Natürlich ist es wichtig, dass die Implementierung von Technologie gesellschaftlich und politisch begleitet wird. Aber ich bin auch der Meinung, dass Grundlagenwissenschaft zunächst frei und ergebnisoffen sein sollte.
Sie sind seit zehn Jahren in Marburg und noch länger synthetischer Biologe. Konnte man absehen, dass sich Ihr Forschungsbereich zu dem entwickelt, was er heute ist?
Ich hätte nicht gedacht, dass wir heute so weit sein würden. Das Konzept der synthetischen Biologie in die Köpfe zu bekommen, war ein intellektueller Meilenstein. Aber es kam auch viel technologischer Fortschritt dazu: die Automatisierung, die Bioinformatik, günstigere DNA-Synthesemethoden. Man konnte damals zum Beispiel nicht absehen, dass wir heutzutage Gene ganz einfach und so günstig bestellen können. Vor zehn Jahren waren diese einzelnen Fäden noch lose verknüpft, sie haben sich nach und nach zusammengefügt. Wir haben gelernt: Wenn wir neue Biologie bauen wollen, brauchen wir auch neue Technologien – und umgekehrt.
Wie behält man als Forscher den Überblick, wenn sich ein Feld so dramatisch schnell verändert?
Die größte Schwierigkeit für einen leitenden Wissenschaftler wie mich ist es, eine gewisse Flexibilität und Demut zu behalten. Ich muss akzeptieren, dass die aktuelle Generation bei mir im Labor, die Postdocs, die PhDs, 10 bis 20 Jahre später als ich ihre Ausbildung gemacht haben. Sie sind viel firmer in Themen wie Bioinformatik oder KI, weil sie das schon im Studium gelernt haben. Aber wenn man das Team gut auswählt, komplementäre Expertisen in das Labor holt und auf das gemeinsame Ziel ausrichtet, dann entsteht etwas Neues und Spannendes. Hinzu kommen immer auch Kooperationen mit anderen Forschungsgruppen. In diesem Feld kann man gar nicht alles selbst machen und wissen.
In Ihrem Team arbeiten Sie mit Bakterien. Aber das ist erst der Anfang. Wie geht es weiter?
Wir haben schon erste künstliche Stoffwechselwege in die Chloroplasten von Algen einbringen können. Aber nicht alles, was im Reagenzglas oder dem Modellbakterium E. coli funktioniert, wird sich auch in der Alge realisieren lassen. Und nicht alles, was sich realisieren lässt, wird die Photosynthese auch tatsächlich verbessern. Deshalb müssen wir mehr testen. Der nächste Schritt nach den Algen sind dann Pflanzen.





