Ski fahren nahe am Äquator? In Kolumbien ist das möglich – auf dem Nevado del Ruiz, der 5389 Meter hoch aufragt. Der Vulkan trägt auf seinem Gipfel eine Eiskappe, rund 20 Quadratkilometer groß und nicht sehr steil, sodass die Bretter gut laufen. Wo der Gletscher endet und das Geröll beginnt, auf 4600 Meter Höhe, steht eine zweistöckige Schutzhütte. Hier haben vor der Katastrophe fast täglich Bergfreunde übernachtet, um im Morgengrauen zum Gipfel aufzubrechen. Viele hatten Skier dabei und nutzten den Rückweg für eine flotte Abfahrt.
Ende 1984 spürte das Ehepaar, das die Hütte versorgte, plötzlich schwache Erschütterungen. Bergsteiger erzählten später, als sie vom Gipfel zurückkamen, sie hätten den Krater gesehen, der sonst im weißen Einerlei des Gipfelplateaus verborgen war. Das Eis war auf einem Rund von 150 Meter Durchmesser eingesunken, und ein Schlammtümpel hatte sich gebildet. Es roch nach Schwefelwasserstoff, beißende Dampfschwaden hingen in der Luft, und der Schnee war mit gelben Schwefelkristallen bedeckt. „El Leon dormido”, der schlafende Riese, wie die Kolumbianer den Vulkan nennen, war nach über einem Jahrhundert erwacht.
Ein Jahr blieb den Menschen in den umliegenden Orten noch, um sich auf den Ausbruch vorzubereiten. Und die Kolumbianer gaben sich alle Mühe, die Zeit zu nutzen, denn sie kannten die Tücken des Vulkans: Schon ein schwacher Ausbruch konnte den Gipfelgletscher oder Teile davon schmelzen lassen. Das Wasser würde sich mit der Asche vermischen und als Schlammstrom – als „ Lahar” – durch die canyonartigen Täler herabdonnern. 1595 war das passiert – und 1845 wieder, als die zähen Fluten mindestens 1000 Menschen verschlungen hatten. Sie waren 100 Kilometer weit vorgedrungen und hatten dabei 5000 Höhenmeter überwunden. Auf ihren Ablagerungen entstand später Armero. Die Kleinstadt, 65 Kilometer vom Krater entfernt und fast auf Meeresniveau, entwickelte sich zu einem wohlhabenden Baumwollzentrum und hatte 1984 rund 30 000 Einwohner.
Die Kolumbianer bemühten sich zwar, doch ihnen fehlten sensible Geräte und erfahrene Wissenschaftler für eine brauchbare Vorsorge. Als der Vulkan immer bedrohlicher rumorte, reisten ausländische Forscher an, um zu helfen. Doch ihre Einschätzungen waren widersprüchlich. Darrel Herd vom U.S. Geological Survey gab Entwarnung. In einem viel beachteten Vortrag versicherte er, dass keine Gefahr drohe. Die Menschen waren erleichtert, zumal sie Vertrauen in die amerikanische Wissenschaft hatten.
Doch der Vulkan gebärdete sich immer wilder. Am 11. September regnete stundenlang feine Asche auf die umliegenden Orte und drückte auf die Stimmung. Meterdicke Blöcke flogen kilometerweit, und ein Schlammstrom wälzte sich 27 Kilometer durch einen Canyon, ohne jedoch Schaden anzurichten. Am 7. Oktober kamen kolumbianische Wissenschaftler zu einer deprimierenden Einschätzung: Armero werde bei einem Ausbruch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zerstört. Und so kam es dann auch.
Die Katastrophe bahnte sich unbemerkt an. Am Nachmittag des 13. November war der Himmel wolkenverhangen, sodass niemand die Eruptionswolke aufsteigen sah. Die Bewohner von Armero hätten ohnehin nichts bemerkt, weil sie aus ihrem Tal heraus keine Sicht auf den Gipfel hatten. Der Ausbruch war nicht sehr heftig, doch er reichte aus, um 9 Prozent des Gletschers abzuschmelzen: 60 Millionen Kubikmeter. Wahrscheinlich sammelte sich die schlammige, heiße Brühe zunächst in einem See unter dem Eis und durchbrach dann, gegen 21.30 Uhr, den Eisdamm.
Jetzt blieben Armero noch zwei Stunden – eigentlich Zeit genug für eine Evakuierung. Doch ein Frühwarnsystem fehlte noch immer, außerdem hätten die Menschen gar nicht gewusst, welchen Fluchtweg sie einschlagen sollten.
Die Schlammflut türmte sich derweil in den schroffen Canyons, 50 Kilometer entfernt und 4000 Meter höher gelegen, bis zu 60 Meter hoch auf und riss alles mit sich: Erde, Büsche, Bäume, Brücken, Häuser. Nach einer Stunde donnerte sie mit ohrenbetäubendem Lärm durch das Dorf Chinchiná und verschlang 2000 Einwohner. Nach anderthalb Stunden gingen in Armero immer mehr Schreckensmeldungen ein, und der Zivilschutz ordnete die Evakuierung an. Doch es war zu spät. Kaum jemand schaffte es, auf höheres Gelände zu fliehen. Da tauchte auch schon aus der Nacht die Flut auf, wie eine Wand aus schwarzem Schaum und laut wie eine galoppierende Rinderherde. Obwohl das Tal hier flach und breit war, hatte die Schlammlawine noch eine Höhe von drei bis fünf Metern. Kein Gebäude hielt ihrer Wucht stand, nicht einmal das mehrstöckige Hotel aus Stahlbeton. Etwa 23 000 Menschen starben. Nach der ersten Welle kam eine zweite. Und wer die überlebt hatte, musste gegen den heißen Schlamm kämpfen. Der zähe Brei hielt viele Opfer so fest umklammert, dass sie aus eigener Kraft nicht heraus kamen. Ein Mädchen, vom dem nur der Kopf herausschaute, starb vor laufenden Kameras.
Tage nach der Katastrophe wimmelte es am Vulkan von ausländischen Experten, die mit teurem Gerät angereist waren. Sie installierten ein modernes Frühwarnsystem. Bis heute musste es sich nicht bewähren. Der Ruiz hat sich beruhigt. Vorerst. ■
Ohne Titel
Land: Kolumbien
Höhe: 5389 m
Ausbruch: 13. November 1985
Tote: 25 000
Auswurf: weniger als 1 km3
Besonderheiten: Ein Zehntel des Gipfelgletschers wurde durch den Ausbruch abgeschmolzen; Folge: meterhohe Schlammlawine (Lahar) aus Asche und Schmelzwasser.





