Menschenfiguren aus Marmor, ästhetisch ansprechend, wohlproportioniert, in der Form reduziert, uralt und doch zeitlos – sie haben die Kykladen-Kultur des 3. Jahrtausends v. Chr. berühmt gemacht. Wenn wir ehrlich sind, fasziniert uns nach wie vor zunächst die Schönheit der Figuren. Doch hat die Wissenschaft in den letzten Jahren so viele neue Aspekte dieser Kultur entdeckt, dass man sie schon fast als die erste europäische Hochkultur bezeichnen kann. Der Kultursprung geschah ausgerechnet auf den Kykladen, einer Gruppe kleiner Inseln in der Ägäis, windgebeutelt, sonnenverbrannt und scheinbar abgeschnitten von den Zentren der Weltgeschichte im Orient und im Okzident. Was hatte Menschen dazu gebracht, diese Eilande aufzusuchen und schließlich dort zu bleiben?
Die Kykladen boten schon in der Steinzeit einiges, was die Menschen gut gebrauchen konnten, an erster Stelle Obsidian. Das vulkanische Glas bildet sehr scharfe Kanten aus und eignete sich daher hervorragend für die Herstellung von Steingeräten aller Art wie Messer, Speer- und Pfeilspitzen. In einer Zeit, in der es noch keine Metallverarbeitung gab, war Obsidian sehr wertvoll und begehrt. Seit dem Spätpaläolithikum war es ein Exportschlager der Kykladen-Insel Melos, so dass man heute Obsidianklingen in den steinzeitlichen Schichten von Anatolien bis nach Nordgriechenland findet. Auch die anderen Kykladen-Inseln besaßen wichtige Bodenschätze, so etwa feinsten Marmor (Naxos, Paros, Keros), Schmirgel (Naxos), Blei und Silber (Siphnos), Kupfer (Kythnos). Überhaupt Kupfer: Im 3. Jahrtausend erlangte man aus Anatolien die Kenntnis, wie sich aus Kupfer und Zinn ein neues, viel härteres Metall herstellen ließ: Bronze. So entstanden auf den Kykladen um 2700 v. Chr. die ersten Waffen und Werkzeuge aus Bronze – eine Revolution in der Kulturentwicklung: Die Bronzezeit Europas begann auf den Kykladen.
Den Bewohnern der Inseln gelang es, die einfachen Einbäume weiterzuentwickeln und Boote zu bauen, mit denen man schnell von Insel zu Insel sowie zu den Küsten Griechenlands und Kleinasiens fahren konnte. Das Holz für die bis zu 23 Meter langen Boote wurde auf Euböa geschlagen, denn so große Bäume wuchsen auch damals nicht auf den Kykladen. Bis zu 40 Mann benötigte man, um ein Boot schnell zu bewegen. Das bedeutet auch: Die Inselgemeinschaft konnte es sich leisten, zeitweise auf 40 leistungsstarke Männer zu verzichten, ohne dass die Landwirtschaft zusammenbrach oder die Siedlungen gefährdet waren.
Schon die Organisation des Schiffsverkehrs erforderte eine Auffächerung der Gesellschaft in Berufszweige. Notwendig waren etwa Zimmerleute oder Seefahrer mit Navigationskenntnissen. Die frühbronzezeitlichen Kulturgruppen der Ägäis standen jedenfalls in regem Kontakt untereinander und mit der Außenwelt. Die vielen Schiffsdarstellungen auf den sogenannten Kykladenpfannen (Griffschalen) sowie Schiffsmodelle aus Blei belegen die Bedeutung von Schifffahrt und Handel. Handel mit Kleinasien, dem griechischen Festland und Kreta lässt sich seit dem Neolithikum (5500 – 2300 v. Chr.) nachweisen, ein großes, überregionales Beziehungsnetzwerk entstand aber erst in der Bronzezeit. Ihre zentrale Lage und das Know-how ihrer Bewohner im Schiffsverkehr machten die Kykladen zu eine Drehscheibe im östlichen Mittelmeer, über die nicht nur Waren, sondern auch neue Ideen ausgetauscht wurden.




