Seit der berühmte Prähistoriker Gordon Childe 1925 den Begriff der Neolithischen Revolution prägte, beherrscht dieses „Ereignis“ die Diskussion um die Veränderungen der menschlichen Lebensweise in der Zeit um die Wende von der letzten Eiszeit zur jetzigen Warmzeit. Man kann sich zwar fragen, ob Veränderungen als „Revolution“ bezeichnet werden können, wenn sie sich über mehrere Jahrtausende erstreckten. Doch der Begriff der Neolithischen Revolution ist inzwischen so im Gedankengebäude der Urgeschichtswissenschaften verankert, daß er nicht mehr wegzudenken ist.
Entstanden ist er zunächst als Parallelbezeichnung zur Industriellen Revolution der Neuzeit. Auch hier handelt es sich ja nicht um eine Revolution im Sinn eines plötzlichen Umsturzes, sondern um tiefgreifende Wandlungen der menschlichen Lebensweise, die sich auf alle Bereiche unserer Existenz auswirken – Wandlungen, die bei genauer Betrachtung noch nicht abgeschlossen sind und deren volle Auswirkungen vermutlich ebenfalls erst aus dem Abstand weiterer Jahrtausende wirklich zu beurteilen sein werden. So gesehen ist es sicherlich richtig, wenn wir die Vorgänge, die unter dem Begriff Neolithische Revolution zusammengefaßt sind, aus heutiger Sicht zu einem wichtigen Entwicklungsschritt bündeln und ihn als eine Art Revolution betrachten.
Auch aus der umgekehrten Blickrichtung erscheint der Begriff „Revolution“ hier durchaus angebracht: Rund zwei Millionen Jahre lang lebten frühe Menschen als Jäger und Sammler, ohne daß sich in diesem unvorstellbar langen Zeitraum ihre Lebensweise grundlegend verändert hätte. Mit dem Ende der letzten Eiszeit setzten dann vor etwas mehr als 12 000 Jahren in rascher Folge die Wandlungen ein, die die existentiellen Grundlagen unserer heutigen Lebensform hervorgebracht haben. Auf die Entstehung der geplanten Nahrungsproduktion folgte die Seßhaftigkeit und damit die kontinuierliche Weiterentwicklung der Architektur. Aus der Nutzung von Feuer zum Heizen und für die Zubereitung der Nahrung entwickelte sich eine regelrechte Pyrotechnologie – zuerst zum Brennen von Keramik, aber bald auch zum Erschmelzen und Formen von metallischen Werkstoffen.
Die Auswirkungen dieser Veränderungen auf die menschliche Gesellschaft – Entstehung von Dörfern, Städten, Staaten und differenzierten Hierarchien – sollen hier nur angedeutet werden. Wandlungen, die ursächlich auf der Neolithischen Revolution basieren, folgten Schlag auf Schlag bis in die heutige Zeit, und ein Ende ist nicht abzusehen. Insofern begann mit der Neolithischen Revolution tatsächlich eine fundamentale Umwälzung der menschlichen Lebensweise. Das Interesse von Urgeschichtswissenschaft und aufgeschlossener Öffentlichkeit an den Ursachen dieser Entwicklung ist daher nur allzu verständlich.
Das Zusammenfallen der Neolithischen Revolution mit dem Ende einer Eiszeit läßt naturgemäß an einen ursächlichen Zusammenhang denken. Aber ganz so einfach ist es nicht: Auch vorher hatte die Menschheit schon solche starken Klimaänderungen erlebt, ohne daß sie zu revolutionären Veränderungen ihrer Lebensweise angestachelt worden wäre. Man wird annehmen dürfen, daß auch die physische und geistige Entwicklung des Menschen eine Rolle gespielt hat. Zwar gab es den „anatomisch modernen Menschen“ – wie man heute den Homo sapiens im Gegensatz zum Neandertaler oder zu anderen Frühmenschen meist bezeichnet – auch schon zur Zeit des vorletzten Wechsels von einer Eiszeit zu einer Warmzeit vor rund 120 000 bis 130 000 Jahren. Aber damals lebte er noch ausschließlich im tropischen Afrika, wo sich der Klimawandel sicher weniger bemerkbar machte als im sogenannten Fruchtbaren Halbmond, wo mehr als 100 000 Jahre später die Neolithische Revolution stattfand.




