Einige Erreger aus der Familie der Coronaviren zirkulieren seit langem in der menschlichen Bevölkerung. Diese sogenannten humanen Coronaviren (HCoV) lösen üblicherweise nur harmlose Erkältungen aus. Strukturell sind sie nur entfernt mit dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 verwandt. Einige charakteristische Oberflächenstrukturen haben sie jedoch gemeinsam. Das führt zu der Frage, inwieweit Antikörper gegen die harmlosen Erkältungs-Coronaviren auch an Sars-CoV-2 binden können und wie sich dies auf die Immunreaktion und den Krankheitsverlauf auswirkt.
Gewisser Schutz vor Covid-19
Ein Team um Irene Abela von der Universität Zürich hat sich dieser Frage nun mit Hilfe von Laboranalysen und Computersimulationen gewidmet. Die Forscher untersuchten Blutproben von 825 Spendern, die vor Februar 2020, also vor dem Auftreten von Sars-CoV-2 entnommen worden waren, 672 Blutproben von Mai 2020, als Sars-CoV-2 bereits begonnen hatte, sich zu verbreiten, sowie 389 Blutproben von Personen, die nachweislich mit Sars-CoV-2 infiziert waren.
In allen Blutproben bestimmten sie den Antikörper-Titer gegen die vier in der Bevölkerung zirkulierenden humanen Coronaviren. Dabei zeigte sich: Die Gruppe der Sars-CoV-2-Infizierten hatte im Durchschnitt den niedrigsten Titer an Antikörpern gegen Erkältungs-Coronaviren. Personen mit mehr HCoV-Antikörpern dagegen waren seltener mit Sars-CoV-2 infiziert. „Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass bereits vorhandene Immunreaktionen auf HCoVs bis zu einem gewissen Grad vor einer Sars-CoV-2-Infektion schützen können“, folgern Abela und ihre Kollegen.
Mildere Verläufe dank früherer Erkältungen
Zusätzlich analysierten die Forscher, wie sich die HCoV-Antikörper auf die Immunreaktion gegen Sars-CoV-2 auswirken. Dazu modellierten sie verschiedene Antikörper-Reaktionen am Computer. „Laut unseren Ergebnissen führt eine stärkere Antikörperreaktion gegen humane Coronaviren auch zu höheren Antikörpermengen gegen Sars-CoV-2“, sagt Abelas Kollegin Alexandra Trkola. „Eine Person, die gegen harmlose Coronaviren eine Immunität hat, ist somit auch besser vor schweren Verläufen bei einer Sars-CoV-2-Infektionen geschützt.“ Weitere Analysen bestätigten dieses Resultat: Demnach mussten Personen mit einem hohen HCoV-Antikörpertiter, die sich mit Sars-CoV-2 infizierten, seltener im Krankenhaus oder auf der Intensivstation behandelt werden.
Der schützende Effekt früherer Erkältungskrankheiten basiert den Forschern zufolge wahrscheinlich auf beiden Säulen der Immunantwort: zum einen auf der sogenannten humoralen Immunantwort, bei der Antikörper an das Virus binden, und zum anderen auf der sogenannten T-Zell-Immunität, bei der T-Zellen befallene Zellen aufspüren und zerstören, um die Ausbreitung des Virus im Körper zu stoppen. Damit haben frühere Erkältungskrankheiten einen ähnlichen – wenn auch deutlich schwächeren – Effekt wie eine Impfung. „Spezifisch gegen SARS-CoV-2 gerichtete Immunreaktionen, die von Gedächtniszellen ausgehen, sind natürlich weit wirksamer als kreuzreaktive“, sagt Trkola. „Aber obwohl der Schutz nicht komplett ist, verkürzen Kreuzreaktionen den Krankheitsverlauf und mildern dessen Schwere. Und genau das erreichen wir ja auch mit den Impfungen, nur viel, viel effizienter.“





