Die Nase tropft, Hals, Kopf und Glieder schmerzen, mitunter kommen Heiserkeit und Fieber hinzu – eine Erkältung kann sehr lästig sein. Und teuer: Etwa 30 Prozent aller Arbeitsfehlzeiten gehen auf ihr Konto. Weil eine Erkältung jedoch zu den sogenannten Bagatellerkrankungen gehört, die keine besonderen therapeutischen Maßnahmen erfordern, wird sie oft in Eigenregie behandelt. Die Palette reicht von pharmazeutischen Fiebersenkern und Vitaminpräparaten bis zu Lutschpastillen, Hustensäften und Pflanzenextrakten. Vieles davon ist wirkungslos. Doch manche Mittel sind nachweislich hilfreich. bild der wissenschaft gibt einen Überblick.
Ibuprofen: Der Schnupfen wird schwächer, dauert aber länger
Weit oben auf der Liste der Medikamente, die Ärzte und Patienten gegen Erkältung einsetzen, sind Präparate mit den Wirkstoffen Paracetamol und Ibuprofen. Als Schmerzmittel und Fiebersenker können sie das Virus allerdings nicht ausschalten. Doch können sie zumindest die Symptome lindern?
Eine englische Studie untersuchte an knapp 900 Patienten in 25 Arztpraxen, wie sich Ibuprofen und Paracetamol allein oder kombiniert mit Dampfinhalationen auf den Verlauf eines sogenannten grippalen Infekts auswirken. „Es zeigte sich insgesamt keinerlei Auswirkung irgendeiner Dosierungsempfehlung auf die Schwere der Symptome”, konstatiert Studienleiter Paul Little. Auch das Inhalieren erwies sich als „heiße Luft”.
Immerhin brachte die Einnahme von Ibuprofen bei tiefer reichenden Infekten und kräftigem Husten einen leichten Nutzen. Bei jedem zweiten Patienten ging der Grad der Beschwerden von mäßig auf leicht zurück. Der Erfolg hatte allerdings seinen Preis: Ein Fünftel der Patienten musste erneut den Arzt konsultieren, weil einige Symptome wie Kratzen im Hals nicht verschwanden oder neue leichte Beschwerden auftraten. Die Krankheit verlief also einerseits milder, andererseits zog sie sich in die Länge. Der Grund: Für die Abwehr eines Infekts bedarf es einer Mindeststärke der Immunantwort – und die wird durch einen effektiven Entzündungshemmer wie Ibuprofen unterdrückt.
Vitamin C: wirkt nicht vorbeugend, aber die Erkältung verläuft schwächer
Vitamin-C-Präparate sind als vorbeugendes Mittel gegen Erkältungen beliebt. Der Nobelpreisträger Linus Pauling schluck-te das normalerweise im Milligramm- bereich vorhandene Vitamin täglich gleich teelöffelweise. Doch die Tatsache, dass Vitamin C die Funktionsfähigkeit der Fresszellen im Blut verbessert, bedeutet nicht automatisch einen Pluspunkt im Kampf gegen Schnupfenviren.
Peter Kardos von der Deutschen Atemwegsliga hält die These für ein Märchen: „Der Glaube daran resultiert aus der Zeit des Vitaminmangels vor 100 Jahren.” Mittlerweile herrscht eher Vitaminüberfluss – selbst eine Salamischeibe enthält zwecks Konservierung mehr Vitamin C als ein Apfel.
Immerhin ist ein Forscherteam um Harri Hemilä von der Universität Helsinki zu dem Schluss gekommen, dass Erkältungen oft etwas milder und kürzer verlaufen, wenn man 200 Milligramm Vitamin C pro Tag einnimmt. „Einen vorbeugenden Effekt konnten wir jedoch nicht nachweisen”, resümiert Hemilä.
Als Alternative zu Vitamin-C-Präparaten bietet sich eine Salz-Zitrone-Spülung an, wie sie in der rumänischen Volksmedizin üblich ist. Dazu wird eine halbe Zitrone in einen Eierbecher ausgedrückt, der Saft mit einem Teelöffel Salz vermischt und schließlich mit Wasser bis zum Rand des Eierbechers aufgefüllt. Die Flüssigkeit zieht man dann mit einem Strohhalm in die Nase ein – was sicherlich ein wenig Heroismus erfordert. Doch das Wirkprinzip klingt logisch: Die übersalzene Lösung entzieht den geschwollenen Nasenschleimhäuten Wasser, und das Vitamin C aus der Zitrone dichtet die Kapillaren ab, was die Entzündung lindert. Klinische Studien dazu gibt es keine, aber ein Selbstversuch kann nicht schaden.
Nasenspray: wirkungsvolle Soforthilfe für kurze Zeit
Die handelsüblichen Nasensprays gegen Schnupfen enthalten abschwellende Stoffe wie Xylometazolin oder Oxymetazolin. Ihre befreiende Wirkung auf die Nasenatmung ist unbestritten. Der Effekt ist bereits nach wenigen Minuten spürbar, und je nach Präparat hält er bis zu zwölf Stunden an. „Doch langfristig trocknen die Sprays die Schleimhäute aus und können sie sogar beschädigen”, warnt Infektiologe Peter Walger vom Universitätsklinikum Bonn. Er empfiehlt die Anwendung daher lediglich im Bedarfsfall, „beispielsweise vor einem wichtigen Gespräch”.
Die immer beliebter werdenden Nasenduschen mit Salzwasser sind keine Alternative. Sie schützen zwar vor Neuinfektionen, doch bei akuter Erkältung können sie die Keime auch in Atemwegsbereiche spülen, die vorher noch gar nicht infiziert waren.
Hustenmittel: Unterdrückung eines sinnvollen Reflexes
Der Husten gehört zu den typischen Symptomen einer Erkältung, und viele empfinden ihn als besonders lästig. Allein in Deutschland werden Jahr für Jahr 70 Millionen rezeptfreie Hustenmittel verkauft. Ob sie auch wirken, werteten kürzlich Forscher um den deutschen Mediziner Knut Schroeder für die unabhängige Cochrane Collaboration aus, ein globales Netzwerk von Ärzten, Wissenschaftlern und Patientenvertretern. Schroeder und Kollegen fanden nur wenige brauchbare klinische Studien zu dem Thema. In diesen Arbeiten präsentierten sich die angeblichen Hustenlöser nicht besser als ein wirkungsloses Placebo, „oder aber die beobachteten positiven Effekte waren von fraglicher klinischer Relevanz”.
Schroeders Fazit: Bis heute ist unklar, ob frei verkäufliche Hustenmittel irgendeinen Nutzen haben. Seine Empfehlung: „Einen Husten im Zusammenhang mit einer Infektion der oberen Atemwege kann man getrost unbehandelt lassen.” Und man sollte nicht vergessen, dass Husten einen Sinn hat: Der abgehustete Schleim entfernt die Keime aus den Bronchien.
Ambroxol: Lutschtabletten genauso gut wie Bonbons
Von Halsschmerzen gepeinigte Patienten gehen oft zum Arzt, um sich Antibiotika verschreiben zu lassen. Doch die wirken oft gar nicht, weil Halsweh meist durch Viren ausgelöst wird und Antibiotika nur gegen Bakterien oder Pilze helfen. Doch was wirkt dann? Als ein Forscherteam um Jean-Francois Chenot von der Universität Greifswald die Datenlage zum beliebten Halswehmittel Ambroxol überprüfte, stellte sich tatsächlich ein schmerzlindernder Effekt heraus. Der zeigte sich allerdings auch, wenn die Patienten eine Pastille ohne jeglichen Wirkstoff lutschten. Der Grund ist, dass die Tabletten den Speichelfluss stimulieren, was die gereizten Schmerzrezeptoren in Hals und Rachen besänftigt und auch Keime und Schleimpartikel wegspült. Fazit: Hauptsache, man lutscht! Doch was man lutscht, ist Nebensache.
Zink: Krankheitsverlauf verkürzt
Das Mineral Zink kann gleich auf mehreren Ebenen punkten. Es vermindert die Vermehrungsfreude von Schnupfenviren und deren Fähigkeit zum Andocken an der Nasenschleimhaut. Außerdem stimuliert es das Immunsystem. Dass diese Effekte auch klinische Relevanz haben, konnte ein Forschungsteam unter Leitung der indischen Kinderärztin Meenu Singh kürzlich bestätigen.
Die Wissenschaftler analysierten insgesamt 16 Studien mit 1387 Teilnehmern. Das Ergebnis: Bei Kindern und Erwachsenen führte die Einnahme von Zinkpräparaten über ein halbes Jahr zu weniger Erkältungen, kürzeren Fehlzeiten in Schule und Beruf sowie einem geringeren Bedarf an Antibiotika. Für die Behandlung einer bereits ausgebrochenen Erkältung empfiehlt Singh eine Tagesdosis von mindestens 75 Milligramm. Allerdings nur dann, wenn keine Nebenwirkungen auftreten – und die sind nicht selten. So führen vor allem die beliebten Zinklutschtabletten oft zu Mundtrockenheit, Übelkeit und Durchfall.
Knoblauch: siegreich gegen Viren, aber nicht ungefährlich
Wer Knoblauch gegessen hat, kann bekanntlich darauf hoffen, im Kino eine Sitzreihe für sich allein zu bekommen. Verantwortlich dafür sind aromatische Schwefelverbindungen, die auch Schnupfenviren in die Schranken weisen können – zumindest in Labortests. Zuverlässige Patientendaten gibt es bislang kaum.
Die Cochrane Collaboration fand nur eine einzige brauchbare Studie – die aber zu einem positiven Resultat kam. In dieser Untersuchung des Garlic Centers in East Sussex erhielten 146 Testpersonen drei Monate lang entweder ein Knoblauch- extrakt oder ein gleich aussehendes und riechendes Scheinpräparat. In der Placebo-Gruppe war die Zahl der grippalen Infekte doppelt so groß und die Zahl der dadurch bedingten Krankheitstage drei Mal so groß wie bei den Probanden, die Knoblauchöl bekommen hatten. Aber: Knoblauch ist nicht risikolos. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) berichtet von allergischen Reaktionen, bis hin zum anaphylaktischen Schock. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist jedoch deutlich geringer als bei Erdnüssen, Soja und anderen bekannten Lebensmittel-Allergenen.
Sonnenhut: tut nicht immer gut
Zubereitungen aus Sonnenhut (Echinacea) sind gerade in Deutschland sehr beliebt. Sie sollen vor Erkältungen schützen und bei der Einnahme gleich bei den ersten Symptomen auch deren Verlauf verkürzen. Als gesichert gilt, dass Echinacea die T-Zellen, Makrophagen und andere Abwehreinheiten des Immunsystems aktiviert. Doch ob das auch Schnupfen- patienten hilft, ist strittig. Für eine aktuelle Cochrane-Auswertung begutachteten Wissenschaftler 33 Studien mit insgesamt 4631 Teilnehmern. Sie stellten keinen Vorteil von Echinacea gegenüber einem Placebo fest – weder zur Therapie noch zur Vorbeugung von Erkältungen.
Forscher um Marlies Karsch-Völk von der TU München fanden immerhin Hinweise darauf, dass alkoholische Zubereitungen und Presssäfte aus den oberirdischen Pflanzenteilen von Echinacea purpurea einen positiven Effekt haben können. In den Apotheken gibt es allerdings noch viele weitere Zubereitungsvarianten, oft aus anderen Echinacea-Arten wie E. pallida und E. angustifolia oder aus anderen Pflanzenteilen, etwa den Wurzeln. Dem Patienten wird es also nicht leicht gemacht, das richtige Produkt zu finden.
Homöopathie: Wirkstoff oder bloß Aberglaube?
Kann das sein: Ein Mittel, das die Symptome des Schnupfens hervorruft, soll extrem verdünnt den Körper so umstimmen, dass er weniger Schnupfensymptome zeigt? Dieses Prinzip der Homöopathie überzeugt viele. Das homöopathische Präparat „Meditonsin” gegen Halsschmerzen etwa erwirtschaftet in Deutschland einen Jahresumsatz von über 20 Millionen Euro. Es kursieren diverse Erfahrungsberichte von Medizinern, doch harte wissenschaftliche Belege für die Wirkung von Homöopathie gibt es nicht. Der Streit darüber, ob die Globuli durch ihre Suggestivkraft oder tatsächlich durch ihre – teilweise unter die Nachweisgrenze verdünnten – Wirksubstanzen einen Effekt erzielen, wird weitergehen.
Honig: effektiv gegen Husten
Für Linderung sorgten in einer israelischen Studie an 200 Kleinkindern vor allem Eukalyptus- und Zitronenblütenhonig: Die Häufigkeit und Stärke der Hustenattacken ging deutlich zurück. Verantwortlich sind Stoffe, die die Vermehrung von Viren hemmen – vermutlich aber auch der hohe Zuckergehalt. Denn Hustenreiz und Geschmackswahrnehmung werden über Nervenbahnen gesteuert, die im selben Hirnareal zusammenlaufen, dem „Nucleus tractus solitarius” . Möglicherweise verdrängt die Wahrnehmung der Süße den Hustenreiz.
Übrigens: Buchweizenhonig, der zusätzlich entzündungshemmende Gerbstoffe enthält, hatte in einer amerikanischen Studie an 105 hustenden Kindern eine bessere Wirksamkeit als ein Standard-Hustensaft mit Dextromethorphan.
Schnäuzen: riskant
„Alles raus, was raus geht!” Das kräftige Schnäuzen ins Taschentuch gilt nicht nur als schicklich, sondern auch als nützlich. Tatsache ist jedoch: Man riskiert dabei Komplikationen. Denn beim kraftvollen Schnäuzen wird der Schleim in die Kieferhöhlen gepresst, wo er so schnell nicht wieder herauskommt. Medizinisch korrekt ist vielmehr das Hochziehen des Schleims. Denn dabei entsteht ein Unterdruck, der das Sekret aus den Nebenhöhlen saugt – auch wenn sich das nicht gerade appetitlich anhört.
Der oft gehörte gut gemeinte Rat, bei einem Schnupfen viel zu trinken, ist ebenfalls überholt. „Infektionen der Atemwege führen zur erhöhten Ausschüttung antidiuretischer Hormone, die das Wasser im Körper halten”, erklärt Michelle Guppy von der australischen Universität Queensland.
Der Körper selbst unternimmt also genug, um sich sein Wasser zu sichern, man muss nicht noch mehr Flüssigkeit in ihn füllen. Guppy und ihre Mitarbeiter fanden vielmehr Hinweise darauf, dass eine übertriebene Vieltrinkerei zu Salzmangel führen kann und dadurch Schnupfen-Symptome wie Müdigkeit und Gliederschmerzen sogar verstärkt. •
Als zweifacher Vater und Experte für Naturheilverfahren weiß JÖRG ZITTLAU, wie lästig Erkältungen sein können – und wie man Schnupfennasen in den Griff bekommt.
von Jörg Zittlau (Text) und Daniela Leitner (Illustrationen)





