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Erde zu Erde
Es handelt sich um kompostiertes Schwein. Doch die Erde riecht nach Blumenerde, wie man sie in einen Balkonkübel füllen würde. Wer auf dem kleinen Friedhof in Mölln, Schleswig-Holstein, die Kapelle betritt, muss keinen Verwesungsgeruch befürchten. Der „Kokon“, wie der Anbieter Meine Erde den Sarg aus Edelstahl…
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von SALOME BERBLINGER und DESIRÉE KARGE
Es handelt sich um kompostiertes Schwein. Doch die Erde riecht nach Blumenerde, wie man sie in einen Balkonkübel füllen würde. Wer auf dem kleinen Friedhof in Mölln, Schleswig-Holstein, die Kapelle betritt, muss keinen Verwesungsgeruch befürchten. Der „Kokon“, wie der Anbieter Meine Erde den Sarg aus Edelstahl nennt, wird stetig gut belüftet. „Mein Sohn hat die Nase ans Abluftrohr drangehalten: Da stinkt nichts“, sagt Pablo Metz, einer der Geschäftsführer. Nach mehreren Versuchen mit Schweinen hat sein Team im Frühjahr 2022 die ersten beiden Menschen in Kompost verwandelt. Bis Ende des Jahres wurden drei weitere Menschen auf diese neue Art und Weise beigesetzt. Metz ist mit Bestattungsunternehmen und Friedhofsverwaltern über Mölln hinweg im Austausch. Die sogenannte Reerdigung könnte das Bestattungswesen in Deutschland revolutionieren.
Bei der neuen Methode wird der Kokon – man kann ihn sich im Innern vorstellen wie eine Art Badewanne – bis zur Hälfte mit einem Substrat gefüllt, das Einstreu für den Pferdestall ähnelt. Angehörige bedecken es mit Blumen, auf die der Verstorbene gebettet wird. „Wir gehen, wie wir gekommen sind: unbekleidet“, erklärt Metz das Vorgehen. Der Körper wird zuerst nur bis zu den Halswirbeln mit Substrat bedeckt, sodass sich die Angehörigen am offenen Kokon verabschieden können. Bevor der Kokon geschlossen wird, muss auch das Gesicht vollständig vom Substrat eingehüllt sein.
In einem nächsten Schritt wird der Kokon an das Betriebssystem angeschlossen. Metz und sein Geschäftsführer-Kollege Max Huesch nennen es getreu der Bienenstock-Metapher „Wabe“. Hinter den Holzpanelen der Fassade ist Hightech versteckt: Der Kokon ist an Temperatur-Messgeräte angeschlossen. Mehrere Rohre und Schläuche führen nicht nur Abluft ab, sondern bieten auch die Möglichkeit, Sauerstoff in den Sarg hineinzuschleusen. 40 Tage verbleibt der Kokon insgesamt in seiner Wabe. So lange wird er nicht geöffnet, sondern nur von außerhalb permanent überwacht. Metz sagt: „Da muss niemand ran, wir rühren nicht um oder Ähnliches. Und das ist auch wichtig, wegen der Totenruhe.“ Ab und an wird der Kokon sanft hin- und her gewogen. Er liegt dazu auf zwei beweglichen, horizontalen Stützen in der Wabe. „Er bewegt sich von der einen zur anderen Seite wirklich ganz, ganz langsam, das dauert mehrere Stunden. Es geht darum, die Feuchtigkeit, die sich durch die Schwerkraft ansonsten am Boden absetzen würde, wieder gleichmäßig im Kokon zu verteilen.“
Biblische Symbolkraft
40 Tage – die Zahl hat in der jüdischen und christlichen Überlieferung eine hohe Symbolkraft. Immer wieder findet sie sich in den Schriften des Alten und Neuen Testaments: So ergoss sich etwa die Sintflut 40 Tage und 40 Nächte auf die Erde, und Noah wartete 40 Tage, bis er die Fenster seiner Arche wieder öffnete. Der Prozess der Reerdigung ist laut Metz eigentlich wohl schon etwas früher fertig, aber: „Es geht ja nicht um Turbogeschwindigkeit, sondern darum, uns kulturell anzupassen.“
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Der Rest des Beerdigungsprozesses folgt nämlich den Regeln einer Erdbestattung: Die Erde muss auf einem Friedhof beigesetzt werden. Das Team um Metz und Huesch arbeitet deshalb eng mit lokalen Bestattungsunternehmen und der Nordkirche zusammen, der jüngsten evangelischen Landeskirche Deutschlands, die Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern umfasst. Eingewickelt in ein Baumwolltuch wird die Erde in einem einfachen Leihsarg zur Grabstätte transportiert. Dort wird ein rund 30 Zentimeter tiefes Loch ausgehoben, das etwa zur Hälfte mit der Erde des Verstorbenen und zur Hälfte mit Friedhofserde befüllt wird. „Wir bringen wertvolle Erde in die aktive Bodenschicht ein. Zu tief begraben sollten wir nicht, dann ist sie verloren“, so Metz.
Katha Kreitlow, Kirchenmusikerin im Ruhestand aus dem Raum Lübeck, sagt: „Ich finde es eine schöne Vorstellung, dass ich dabei bin, wie ein lieber Mensch zu Erde wird. Und ich dann seine Erde nehmen und darauf etwas pflanzen kann. Das fasziniert mich und ich will das Projekt weiterverfolgen.“ Kreitlow ist im Freundeskreis von Meine Erde, hat einen einmaligen Beitrag gezahlt und wird jetzt regelmäßig über Neuigkeiten informiert. „Eigentlich bin ich eher verhalten neuen Ideen gegenüber. Aber dass meine Kirche offen ist und das schon ausprobiert, zeigt mir, dass das Konzept Hand und Fuß haben muss. Meine Erde vernetzt Neues mit Bestehendem in der Bestattungskultur. Das ist gesellschafts- und kirchenfähig.“
In vielen evangelischen Gottesdienstordnungen, so erzählt Kreitlow, lauten die Beisetzungsworte in Anlehnung an 1. Mose 3,19 in der Bibel: „Von Erde sind wir genommen, zur Erde müssen wir werden. Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub.“ Reine Erde ist es allerdings noch nicht, was bei der neuen Bestattungsform entsteht. Möglicherweise ist ein künstliches Hüftgelenk dabei, das aussortiert werden muss. Außerdem bleiben Knochenteile übrig, die mithilfe einer Mühle verfeinert und dann wieder zur Erde zurückgeführt werden.
Bakterien bei der Arbeit
Der Schlüssel zum Erfolg ist das Substrat. Die Rezeptur ist deshalb ein Betriebsgeheimnis. Aber einige Bestandteile sind auszumachen: Stroh, Körner und Holzspäne etwa. Was dem bloßen Auge jedoch verborgen bleibt, sind die im Substrat enthaltenen Mikroorganismen: Sie verwandeln Haut und Knochen der verstorbenen Person zu Erde. Solche Mikroorganismen sind auch im menschlichen Körper enthalten – zu Lebzeiten verdauen sie etwa Nahrung, die wir zu uns nehmen. Experten nennen den Prozess Metabolismus, umgangssprachlich ist er als Stoffwechsel bekannt.
Das Prinzip haben sich die Gründer von Meine Erde also abgeschaut: „Was wir im Kokon machen, ist das, was in der Natur seit Jahrmillionen passiert. Aber draußen in der Natur gibt es die optimalen Bedingungen nicht so oft, deshalb dauert es viel länger.“ Damit Verwesung in kurzer Zeit gelingt, muss die Mischung im Substrat stimmen: Bakterien brauchen kohlenstoff- und stickstoffhaltige Nahrung in einem Verhältnis von 30:1. Und darüber hinaus das richtige Maß an Sauerstoff und Feuchtigkeit. „Weil wir alles steuern können, ist es möglich, im Kokon ein optimales Mikroklima zu schaffen“, so Metz.
Bei der klassischen Erdbestattung, bei der der Holzsarg etwa zwei Meter tief unter der Erde lagert, dauert die Verwesung dagegen länger, als dem einen oder der anderen lieb ist. Das Problem: Der Sauerstoff fehlt. Hannah Horten, Boden-Expertin bei Meine Erde, erklärt: „Verwesung ist im besten Fall ein aerober Prozess. Viele verschiedene Arten von Bakterien und weitere Mikroorganismen machen sich an die Arbeit, sobald wir den Kokon mit Sauerstoff versorgen. Bei einem anaeroben Prozess dagegen entstehen Methan und andere Gase. Die stinken und sind klimabelastend – das wollen wir beides verhindern.“
In den ersten Tagen sind im Kokon sogenannte mesophile Bakterien aktiv: Sie bevorzugen eine mittlere Feuchtigkeit und Temperaturen zwischen 20 und 45 Grad Celsius. Zwischen dem fünften und siebten Tag heizt sich das Innere auf bis zu 65 Grad Celsius auf, thermophile Bakterien übernehmen. Stimmen alle Werte, beginnt die Wabe zu diesem Zeitpunkt automatisch, den Kokon zu bewegen. „Würmer spielen in diesem Verwesungsprozess übrigens keine Rolle, und auch Insekten nicht“, so Horten.
Studien mit Tieren
„Auf der Makroebene ist die molekulare Zersetzung optisch nachvollziehbar: Wir legen einen verstorbenen Menschen in den Kokon rein, und am Ende holen wir Erde raus. Aber auch auf der Mikroebene findet die Zersetzung statt, Medikamentenrückstände sind nicht nachweisbar“, sagt Metz. In Absprache mit dem örtlichen Gesundheitsamt und den Betroffenen hat das Team um Metz im August 2022 erstmals aus einer Reerdigung gewonnene Erde auf potenzielle Schadstoffe untersuchen lassen. Alle Werte liegen laut einem Analyse-Auszug deutlich unter den Grenzwerten der Bundesgütegemeinschaft Kompost.
Anfangs beriefen sich Metz und Huesch auf Erkenntnisse aus Untersuchungen des Zersetzungsprozesses von Tieren etwa der Tierärztlichen Hochschule Hannover, des United States Department of Agriculture und des Cornell Waste Management Institute in Ithaca im Bundesstaat New York. Direktorin letzterer Forschungseinrichtung ist Jean Bonhotal. Die Biologin entwickelt bereits seit mehr als 20 Jahren Komposttechniken für die Entsorgung von Tierkadavern aller Sorten, Größen und Mengen. So sind für die Expertin 120 Kuhkadaver ein leichtes Spiel – eine Herausforderung dagegen waren 5 Millionen Hühner und deren Eier, die kürzlich allein im US-Bundesstaat Wisconsin an der dort grassierenden Vogelgrippe erkrankten und mithilfe riesiger Komposthaufen sicher entsorgt werden mussten.
„Der Kompost desinfiziert sich selbst“, sagt Bonhotal. „Genau wie wir Menschen mit unserem Stoffwechsel Wärme produzieren, machen das auch die Bakterien.“ Die entstehende Hitze tötet gefährliche Krankheitserreger ab. Doch das funktioniert nicht ohne Ausnahme: Tiere mit Prionen-Krankheiten wie der bovinen spongiformen Enzephalopathie (BSE, besser bekannt als Rinderwahn) dürfen als Kadaver nicht mit dieser Methode entsorgt werden. Prionen sind besonders robuste krankheitserregende Eiweiße, die erst bei Temperaturen um die 1000 Grad Celsius zerstört werden. Aus diesem Grund dürfen Anbieter wie Meine Erde auch keine Leichen von Menschen annehmen, die an Krankheiten wie Creutzfeldt-Jakob – der menschlichen Variante von BSE – verstorben sind. Aber das kommt ohnehin nur äußerst selten vor.
Das Team um Metz und Huesch hat im Prototyp des Kokons drei Industrieschweine reerdigt. „Zuvor hatten die Tiere entsprechend Antibiotika und alles Übliche bekommen. Die Erde haben wir im Labor untersuchen lassen – und die für Kompost höchstmögliche Qualitätsstufe erreicht. Damit hätten wir auf einem Demeter-Hof Karotten düngen dürfen“, so Metz.
Ein Schwein bringt etwa 75 Kilo auf die Waage, gerechnet mit der Substrat-Menge entstehen 100 bis 120 Kilogramm Kompost. Zumindest die Grundlagen lassen sich von der Reerdigungs-Forschung am Schwein auf den Menschen übertragen. Metz sagt: „Nicht umsonst werden Schweine auch in der Organspende-Forschung herangezogen. Die Organe sind ähnlich groß, ähnlich schwer. Die Physiologie ist ansatzweise vergleichbar mit der des Menschen. Wobei die Verteilung beim Menschen für die Reerdigung vorteilhafter ist, er ist länger ausgestreckt.“
Idee aus den USA
Pietät wird in Deutschland großgeschrieben, das erschwert die Forschung hierzulande. Die USA nehmen es dabei nicht so genau – und haben bei der Reerdigung entsprechend die Nase vorn. Das Unternehmen Recompose (Englisch für „wieder zusammensetzen“) hat die ersten acht Menschen bereits im Dezember 2020 kompostiert. Von außen sieht das Beerdigungsinstitut aus wie eines der anderen Lagerhäuser im Industriepark von Kent, einer kleinen Stadt südlich von Seattle im Bundesstaat Washington. Doch hinter dem großen, metallenen Rolltor befindet sich eine ganz besondere Leichenhalle, das sogenannte Greenhouse (Englisch für „Gewächshaus“). Dessen Herzstück ist eine futuristisch anmutende weiße Wand. Ihre sechseckigen Hohlräume erinnern an überdimensionale Honigwaben und bieten Platz für zehn Stahlsärge, die wie beim deutschen Anbieter Meine Erde mit diversen Sensoren ausgestattet sind und rund einen Monat verschlossen bleiben.
Katrina Spade plant, mit „natural organic reduction“ (NOR) – wie die Reerdigung in den USA heißt – demnächst nach Seattle und Denver zu expandieren. Die Gründerin hat Anthropologie, nachhaltige Landnutzung und Farmwirtschaft sowie Architektur studiert und scheint mit Recompose alle ihre Interessen vereinen zu können. Den Grundstein legte Spade 2013 mit ihrer Architektur-Masterarbeit, für die sie eine städtetaugliche Kompost-Bestattungsanlage entwarf: In einem lichtdurchfluteten, dreistöckigen Gebäude mit großen Fensterfassaden sollte in der Mitte ein riesiger Stahlcontainer für eine „kommunale Kompostierung“ stehen. Das Ritual der „Einlegungen“ der Toten sah Spade oben auf einer Plattform nahe des Stahlcontainers vor, der über spiralförmige Rampen zugänglich sein sollte. Kompost, der dann Wochen später am Boden des Containers entstehen würde, war für städtische Bepflanzungsprojekte bestimmt.
Damit war das Urban Death Projekt geboren: Spade rekrutierte ein Team von Ingenieuren, Wissenschaftlern, Juristen und Projektmanagern, das genau dieses Konzept in amerikanische Städte bringen sollte. „Ein sehr radikaler Ansatz“, erinnert sich Phil Olsen, Assistenzprofessor an der Virginia Tech University in Blacksburg an seine erste Reaktion. „Sicher, wir brauchen Lösungen für unsere Ballungszentren beim Umgang mit den Toten, denn es gibt immer weniger Friedhofsplätze. Aber die Erde der Verstorbenen zu mischen, ist ethisch eine große Hürde und hätte nie das OK der Gesetzgeber bekommen“, urteilt der Experte für Beerdigungstechniken und Todeskultur. Es sollte noch ganze drei Jahre dauern, ehe auch Spade das erkannte und sich von der Idee der „kommunalen Kompostierung“ verabschiedete: 2017 löste sie das Projekt auf und gründete Recompose. Ziel war es nun, Leichen in einzelnen Containern individuell zu Kompost zu verwandeln.
Doch zunächst musste Spade wissenschaftliche Nägel mit Köpfen machen: Schon im Februar 2015 hatte sie Cheryl Johnston kontaktiert, die damalige Direktorin einer „Bodyfarm“, nämlich der Forensic Osteology Research Station an der Western Carolina University in Culloweeh, North Carolina. Auf diesem Gelände wird bereits seit Jahrzehnten die Verwesung menschlicher Kadaver unter den verschiedensten Bedingungen für anthropologische Studien und zur Unterstützung von Polizei-Arbeit untersucht. „Wir hatten damals vier Spender-Leichen, an denen wir eine ganz einfache Methode testeten, die für das Kompostieren von Tieren und Menschen gleichermaßen funktioniert“, erzählt die Unternehmerin. Spade und Johnston legten die vier Körper individuell auf eine 60 Zentimeter hohe Schicht aus Holzschnipseln und bedeckten sie anschließend mit einer weiteren, ebenso hohen Schicht. „Dann haben wir uns auf die Natur verlassen“, so Spade, die lediglich in regelmäßigen Abständen mit einem langen Thermometer die Temperatur der vier Komposthaufen kontrollierte. Außerdem stellten Anthropologen der Bodyfarm zu verschiedenen Zeitpunkten den Grad der Kompostierung fest. „Es funktioniert, die Körper wurden spätestens innerhalb eines Jahres zu Kompost“, sagt Spade.
Dann galt es in einem zweiten Schritt, wie im Fall von Meine Erde in Deutschland auch, die Gesetzgeber zu überzeugen und bereits vorgegebene Umweltstandards für Kompost einzuhalten. „Wir mussten wissen, ob das Endprodukt sicher zu benutzen ist“, fasst Spade zusammen. Gibt es noch gefährliche Krankheitserreger im Kompost? Sind Arzneimittelrückstände oder Schwermetalle nachweisbar? Die Antworten darauf fand Lynn Carpenter-Boggs, Professorin für Bodenkunde an der Washington State University. Carpenter-Boggs ist zudem Expertin auf dem Gebiet der Tierkadaver-Kompostierung und seit jeher Mitglied in Spades Team. Auf dem Universitätsgelände in Pullman, Washington, führte die Forscherin innerhalb von fünf Monaten Versuche an sechs gespendeten Leichen durch, die sich jedoch diesmal in abgeschlossenen Metall-Containern befanden.
Das Ergebnis: Alle Standards wurden eingehalten. Der Gehalt von beispielsweise Arsen, Quecksilber und Blei lag im Kompost unter den von der US-Umweltbehörde vorgeschriebenen Höchstmengen. Auch die Anzahl von Fäkalbakterien unterschritt die Limits, und selbst der als Valium bekannte Arzneimittelstoff Diazepam wurde durch die Kompostierung zu 95 Prozent abgebaut. Dies überzeugte die Gesetzgeber: Der Gouverneur des US-Bundesstaates Washington gab als erster grünes Licht für Spades Methode, Oregon und Colorado folgten. Seit Juni 2022 ist die Kompostierung von Leichen in Vermont erlaubt, ab 2027 auch in Kalifornien.
Und das ist womöglich kein Zufall: Die Bevölkerung dieser Staaten ging schneller als die anderer Staaten im Südosten des Landes mit dem Trend, von der klassischen Erdbestattung auf die Einäscherung umzusteigen. Die Beliebtheit der Bestattungsmethoden ähnelt dabei grob dem Wahlverhalten der US-Amerikaner bei den Präsidentschaftswahlen 2016: In konservativen Bundesstaaten wie Kentucky und Alabama liegt die Kremationsrate bei 25 Prozent, während liberale Staaten wie Maine oder Washington auf bis zu 75 Prozent kommen, so das Ergebnis einer Studie der National Funeral Directors Association.
Mit Blick auf Deutschland lässt sich eine vage Parallele ausmachen: Nördliche Bundesländer wie Berlin, wo Meine Erde seinen Sitz hat, und Schleswig-Holstein, wo die ersten Reerdigungen bereits stattgefunden haben, sind unter Experten bekannt für die Offenheit der Kirchen. Dort finden auch mehr Feuerbestattungen statt als im konservativen Süden, insbesondere in ländlichen, katholisch geprägten Gebieten. Norbert Fischer vom Institut für Empirische Kulturwissenschaft der Universität Hamburg untersucht Bestattungskulturen. Er sagt: „Es ist alles im Wandel. Und je säkularisierter eine Region ist, desto mehr suchen die Leute nach alternativen Bestattungsmethoden.“ In Deutschland liegt der Anteil von Feuerbestattungen insgesamt bei über 70 Prozent, seit 2012 ist der Anteil höher als der von Erdbestattungen.
Nun bleibt abzuwarten, ob die neue Bestattungsart tatsächlich angenommen wird. Phil Olson ist eher skeptisch: „Es hat in den USA fast 50 Jahre gedauert, ehe sich die Einäscherung durchsetzte.“ Neue Ideen brauchen Zeit, Geld und in Bezug auf das Kompostieren von Menschen sicherlich auch Mut. Gegenwärtig gibt es in den USA vier Firmen, die diesen Service anbieten: Recompose, Return Home und Earth Funeral in Washington sowie The Natural Funeral in Colorado. Return Home ist aktuell der größte NOR-Anbieter und hat Kapazitäten für 72 Personen, die aber derzeit nicht ausgelastet sind. Zwar sei die Nachfrage groß – bisher haben über 100 Personen einen Vertrag abgeschlossen, um sich nach ihrem Tod reerdigen zu lassen. Unter den Interessierten sind hauptsächlich junge Leute. „Das ist natürlich fantastisch. Aber wie kann man auch Ältere begeistern und ihre Sichtweise auf den Tod und Bestattungen ändern?“, fragt sich Micah Truman, Gründer von Return Home. Dazu schreibt Katrina Spade auf ihrer Instagram-Seite: „Ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist, den Menschen das Wissen über Kreisläufe in der Natur zu vermitteln, einschließlich des Wissens darüber, wo sich ihr eigener Platz darin befindet.“
Nachhaltig sterben
Das erste Mal hat sich Spade im Alter von 33 Jahren mit ihrer eigenen Sterblichkeit auseinandergesetzt. Ihre zwei Kinder waren damals klein und sie älter als ihre Kommilitonen. „Ich fragte mich, was wohl meine Familie mit mir macht, wenn ich sterbe“, erinnert sich Spade und befasste sich zum ersten Mal mit Bestattungsformen – nur um enttäuscht festzustellen, dass für sie aus Umweltgründen weder eine Kremation noch eine traditionelle Erdbestattung infrage kamen. Einzig eine dritte Variante schien ihr akzeptabel: eine „natürliche Beerdigung“.
Auch Metz wurde von den eigenen Kindern zu seinen Arbeiten angeregt, wenn auch viel direkter. Sie haben ihn gefragt: „Was tut ihr Erwachsenen eigentlich dafür, dass auch wir noch in dieser Welt alt werden können?“ Metz war schnell klar, dass wir vor allem damit aufhören müssen, fossile Brennstoffe zu nutzen. „Für die Reerdigung ist kein Erdgas nötig, wir verbrauchen mehr oder weniger keine Energie“, sagt der gelernte Betriebswirt. Die von Meine Erde entwickelte Technologie braucht nach eigenen Angaben weniger als ein Zehntel der Energie eines Krematoriums. Die Kosten für eine Reerdigung sind dabei vergleichbar mit denen einer Einäscherung, rund 2100 Euro.
„Einer der Haupttrends ist, möglichst ökologisch und naturnah zu bestatten. Die Feuerbestattung, die in den letzten Jahrzehnten dominant war, hat jetzt erstmals möglicherweise eine ernsthafte Konkurrenz“, sagt Fischer. Denn: Wer nachhaltig lebt, will auch nachhaltig sterben. Mittlerweile sind neben Katha Kreitlow knapp 200 weitere Menschen im Freundeskreis von Meine Erde. Sie sagt: „Der Nachhaltigkeitsgedanke hat mich sehr angesprochen. Wenn man zum Abschluss seines Lebens noch ein letztes Mal CO2 einsparen kann, finde ich das total sympathisch.“
Gebäude, die Kokons beherbergen, nennen die Gründer von Meine Erde Alvarien (Lateinisch für Bienenkörbe). Momentan steht ein einziger Kokon in der Möllner Kapelle mit Backstein-Fassade, wie sie für den Norden Deutschlands typisch ist. An der Wand hängt Jesus am Kreuz, in der Ecke steht eine kleine Orgel, und das Fenster in der Dachspitze ist mit Buntglas verziert. Sich vorzustellen, hier in Ruhe gehen zu können, fällt nicht schwer. Doch in Anbetracht der großen Nachfrage ist klar: Reerdigungen müssen in Zukunft auch an anderen Orten stattfinden können. Grundsätzlich möglich ist das eigentlich überall. Metz und Huesch bevorzugen dafür ungenutzte Bestandsgebäude auf Friedhöfen. Aber sie planen auch nur für den Zweck von Reerdigungen entwickelte Gebäude.
Friedhofsverwalter stehen dem Konzept nicht ohne Grund positiv gegenüber. Immer mehr Menschen in Deutschland lassen sich im Wald bestatten. Anders als in den Ballungszentren der USA gibt es hierzulande viele ungenutzte Friedhofsflächen, für die das Geld zur Pflege fehlt. In den USA gelten für kompostierte Erde die gleichen Regeln wie für die Asche Verstorbener: Es gibt dort keine Pflicht zur Bestattung auf einem Friedhof. Die Angehörigen können mit dem Kompost also machen, was sie wollen. Und es muss nicht nachvollziehbar sein, wo sie ihn letztlich verstreuen. Die meisten Familien, die ihre Angehörigen von Recompose bestatten lassen, behalten nur einen kleinen Teil der Erde. Den Rest spenden sie dem Moulton Falls Regional Park südlich von Washington.
Langfristig schließt Meine Erde nicht aus, dass auch in Deutschland menschlicher Kompost wie Asche außerhalb von Friedhofsmauern beerdigt werden darf. Huesch sagt: „Perspektivisch ist alles möglich. Wir bieten die Reerdigung an und halten uns an die gesetzliche Friedhofspflicht. Wie sich die Bestattungskultur wandelt, ist eine Frage, mit der wir uns als Gesellschaft befassen – und der Gesetzgeber entscheidet dann, welche Wünsche er den Menschen erfüllt.“
Huesch ist Wirtschaftsingenieur mit Fachrichtung Maschinenbau. Er steuert den Gabelstapler in die Kapelle, um damit den Kokon in die Wabe zu heben. In diesem Moment liegt niemand darin. Doch allein der Sarg ist 500 Kilogramm schwer. Huesch sieht sich derzeit nach alternativen Materialien um, Hygiene und Langlebigkeit sind dabei zwei entscheidende Kriterien. Recycelter Kunststoff kommt etwa infrage, die Herstellung soll nachhaltiger werden und in größerem Umfang möglich sein.
Ob die neuen Kokons tatsächlich rege genutzt werden, wird die Zukunft zeigen.
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