Auf breiter Quellenbasis, dar-unter Buschs Nachlass im Archiv der Akademie der Künste in Berlin, zeichnet der Verfasser das bewegte Leben seines Protagonisten detailliert und farbig nach: Ausgestattet mit einem überwältigenden prole‧tarischen Charisma, avancierte Busch schon in der Weimarer Republik zum bewunderten Schauspieler und Politsänger (Spitzname „Barrikaden-Tauber“).
Nach 1933 folgten Stationen in den Niederlanden und in Moskau, in Spanien, wo Busch sich als Chansonnier der Internationalen Brigaden hervortat, im Vichy-Lager in Südfrankreich und im Zuchthaus in Berlin. Von den Sowjets protegiert und vom SED-Regime gebraucht, be‧tätigte sich Busch nach dem Krieg in Ost-Berlin als Musikunternehmer, Schauspieler und erneut als politischer Sänger. Zwar brachen immer wieder Querelen mit dem Regime auf; aber ebenso regelmäßig arrangierte sich der Proletarier-Künstler, dem eine „bürgerliche“ Alternative, sprich die Übersiedlung in den Westen, nicht zur Verfügung stand, mit den Funktionären. 1980 starb er hochbetagt und hochgeehrt als Ikone des proletarischen Pop.
Die zahlreichen Widersprüche in Buschs Biographie werden benannt, ansatzweise auch analysiert, seltener da‧gegen erklärt. So war Busch in seiner Frühzeit keineswegs Kommunist, sondern Sozialdemokrat. Noch 1927 beteiligte er sich an sozialdemokratischen Propaganda-Aktionen, nur um schon 1928 mit dem „Seifenlied“ einen vernichtenden antisozialdemokratischen Politsong zu präsentieren („Wir schlagen Schaum, wir seifen ein. Wir waschen unsere Hände wieder rein.“).
1949 sang er dann eher peinliche Hymnen zu Stalins 70. Geburtstag („Stalin führte uns zu Glück und Frieden“) – auf jenen Tyrannen also, dessen Terrorregime Buschs „Meistgeliebte“, die Journalistin Maria Osten, zum Tod verurteilt, sie danach „wie ein Tier gefangen gehalten“ und 1942 exekutiert hatte.
Diese und zahlreiche andere Spannungen, wie sie ja für linke Lebensläufe des 20. Jahrhunderts keineswegs untypisch sind, hätten im Kontext der Analyse der kommunistischen Bewegung zu erhellenden und weiterführenden Leitfragen erhoben werden können. Hierauf verzichtet der Autor weitgehend, wenngleich er zumindest andeutet, wie sie gestellt werden könnten: Ernst Busch interessierte sich fast ausschließlich für Ernst Busch, eine Eigenschaft, die Stärke und Schwäche zugleich war. Einerseits schützte sie ihn als prominenten Künstler vor den Zumutungen des real existierenden Sozialismus ebenso wie vor einer zu weit gehenden Kollaboration; andererseits ließ sie ihn meist das tun, was seiner Künstlerperspektive am nützlichsten erschien, ohne allzu viel Rücksicht auf politische Geradlinigkeit.
Rezension: Prof. Dr. Andreas Wirsching




