Wer sich bereits als Kind mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV) infiziert, merkt davon meist nichts. Bei Jugendlichen und Erwachsenen dagegen kann die Infektion Pfeiffersches Drüsenfieber verursachen. Doch egal, ob die EBV-Infektion mit oder ohne Symptome erfolgt: Das zu den Herpesviren zählende Virus bleibt danach dauerhaft im Körper. Es schleust seine DNA in den Zellkern einiger unserer Zellen ein, unter anderem in die B-Zellen unseres Immunsystems. Rund 94 Prozent aller Erwachsenen tragen das Virus in sich. Bereits frühere Studien haben auf Zusammenhänge zwischen EBV und verschiedenen Autoimmunkrankheiten hingedeutet, darunter Multiple Sklerose, Rheuma und Lupus.
Umprogrammierung von Immunzellen
Ein Team um Shady Younis von der Stanford University in Kalifornien hat nun erstmals einen Mechanismus nachgewiesen, durch den das Epstein-Barr-Virus die Autoimmunkrankheit Lupus erythematodes auslöst. „Wir glauben, dass das auf 100 Prozent der Lupus-Fälle zutrifft, sagt Younis Kollege William Robinson. Der Schlüssel liegt demnach in der Interaktion mit den B-Zellen. Mit einer neu entwickelten Methode zur RNA-Sequenzierung einzelner Zellen identifizierten die Forschenden bei Lupus-Patienten und gesunden Kontrollpersonen, welche B-Zellen von EBV befallen waren. „Bei gesunden Kontrollpersonen war nur eine von 10.000 untersuchten B-Zellen mit EBV infiziert, bei Menschen mit Lupus dagegen eine von 400, also 25-mal so viele“, berichtet das Forschungsteam.
Um herauszufinden, wie sich das Virus auf die befallenen Zellen auswirkte, analysierte das Team im nächsten Schritt, welche zelleigenen und viralen Gene abgelesen wurden. In den meisten Fällen schlummert das Virus demnach inaktiv in den Zellen. In einigen Fällen allerdings bringt es seine Wirtszelle dazu, ein virales Protein namens EBNA2 (EBV nuclear antigen 2) zu produzieren. Dieses wiederum wirkt als eine Art molekularer Schalter, der eine Reihe von Genen im Erbgut der B-Zelle aktiviert – darunter auch solche, die Entzündungsreaktionen in Gang setzen.
Angriff auf den eigenen Körper
Problematisch ist das, weil etwa 20 Prozent unserer B-Zellen von Natur aus autoreaktiv sind, sich also gegen Strukturen des eigenen Körpers richten. Normalerweise werden diese Zellen herunterreguliert und befinden sich in einem Ruhezustand, in dem sie keinen Schaden anrichten. Werden sie jedoch durch das virale EBNA2-Protein aktiviert, begeben sie sich in den Kampfmodus. Die zuvor inaktiven B-Zellen wandeln sich zu antigenpräsentierenden Zellen, die weitere Immunzellen rekrutieren, um eine Abwehrreaktion gegen das präsentierte Antigen einzuleiten – in diesem Fall gegen Teile des eigenen Zellkerns.
Das führt zu einem immunologischen Teufelskreis: Die EBV-befallenen antigenpräsentierenden B-Zellen aktivieren T-Helfer-Zellen, die wiederum weitere, auch nicht infizierte B-Zellen aktivieren, die sich ebenfalls gegen Bestandteile des Zellkerns richten. Diese außer Kontrolle geratene Immunreaktion kann zahlreiche Zelltypen in allen Teilen unseres Körpers zerstören – denn einen Zellkern besitzen nahezu alle unserer Zellen. Das führt zu dem vielfältigen Beschwerdebild von Lupus, das zu Müdigkeit, Fieber und Gelenkschmerzen bis hin zu schwerwiegenden Organschäden und neurologischen Störungen führen kann. In Zellkulturen konnten die Forschenden diesen Mechanismus rekonstruieren.





