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Enttäuschte Hoffnungen
Mikrokredite galten in der Entwicklungszusammenarbeit lange als Wundermittel der weltweiten Armutsbekämpfung. Aber nicht erst seit der aktuellen Überschuldungskrise in Kambodscha werden die Stimmen lauter, die das gesamte System der Mikrofinanzierung kritisch sehen.
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Text: Ralf Stork
Auf der Internetseite der Europäischen Investitionsbank (EIB) werden Videoclips über Menschen aus Entwicklungsländern präsentiert, die über Mikrofinanzierer Kredite aufnehmen und erfolgreich Kleinstunternehmer werden konnten. In einem von ihnen erzählt Kouadio Kouadio aus der Elfenbeinküste, wie es ihm gelungen ist, sich aus der Armut zu befreien und ein eigenes Geschäft aufzubauen: 2016 hatte er die Idee, sich mit einer kleinen Näherei selbstständig zu machen, allerdings fehlten ihm die Mittel für die notwendigen Investitionen. Mithilfe eines Kleinkredits des von der EIB geförderten Mikrofinanzierers Baobab konnte Kouadio seinen Traum vom eigenen Geschäft verwirklichen, von zu Hause ausziehen und eine eigene Familie gründen.
Afrifa Christe, ebenfalls aus der Elfenbeinküste, erzählt in einem anderen Film, wie sie dank eines Baobab-Kredits einen Frisörsalon in Abidjan eröffnen konnte, der heute sechs Angestellte hat. Auf anderen Internetseiten von Banken und Finanzdienstleistern finden sich ähnliche Erfolgsgeschichten, deren Aussage immer die gleiche ist: Ein Mikrokredit kann den Unterschied zwischen Armut und wirtschaftlicher Sicherheit, zwischen Unglück und Glück ausmachen.
Weltweit gibt es Tausende Mikrokreditinstitutionen und laut Impact Finance Barometer 2023 mehr als 170 Millionen Kreditnehmer und Kreditnehmerinnen.
Die theoretische Win-win-Situation
Der Aufstieg des Mikrofinanzwesens ist eng mit dem Ökonomen Muhammad Yunus verbunden. Der Ökonom gründete in den 1970er Jahren in Bangladesch die spätere Grameen Bank, die Klein- und Kleinstkredite vor allem an Frauen vergab. Arme Menschen, die sonst keinen Zugang zu Finanzmitteln hatten, sollten so in die Lage versetzt werden, selbst Unternehmen zu gründen und sich damit aus der Armut zu befreien. Und die Zinsen auf die Kredite sollten deutlich unter denen der Wucherer vor Ort liegen. 2006 wurden Muhammad Yunus und die von ihm gegründete Grameen Bank für das Engagement gegen die Armut mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.
In der Theorie ist es eine Win-win-Situation: Menschen, die in Armut leben, bekommen das bisschen Geld, das sie brauchen, um sich dauerhaft aus der Armut zu befreien. Und weil das Geld nicht aus der klassischen Entwicklungshilfe, sondern aus Fonds aus der freien Wirtschaft kommt, stehen im Prinzip unbegrenzte Mittel zur Verfügung, um die Armut auf der ganzen Welt zu bekämpfen.
Die Finanzgeber können dabei das schöne Bild vermitteln, dass man Gutes tun und dabei auch noch eine Dividende einstreichen kann. Besser geht’s nicht, oder?
Die Kehrseite der Medaille
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Doch neben den Erfolgsgeschichten gibt es auch andere: Frauen und Männer, die einen Mikrokredit aufgenommen haben und deren Lebenssituation sich nicht verbessert oder sogar dramatisch verschlechtert hat.
Die Internationale Menschenrechtsorganisation FIAN führt in ihrer Studie „Mikrokredite und Überschuldungskrise in Kambodscha“ exemplarisch das Beispiel des Kleinbauern Chamroueun (Name geändert) an: 2014 nahm er bei einem der größten Mikrofinanzinstitute des Landes einen Kredit in Höhe von 3.000 Dollar auf, um Pfeffer- und Kautschuk-Bäume zu pflanzen. Wegen einer Missernte konnte er das Geld für die ein Jahr später fällige Teilrückzahlung nicht aufbringen. Das Finanzinstitut drängte ihn, einen weiteren Kredit zu schlechteren Konditionen bei einem privaten Geldverleiher aufzunehmen. Um diesen Kredit zurückzuzahlen, musste Chamroueun schließlich Land verkaufen und einen weiteren Kredit bei einem anderen offiziellen Anbieter aufnehmen. Als er einige Monate später erneut mit den Zahlungen in Verzug geriet, wurde er wiederum dazu gedrängt, Land zu verkaufen. Um Geld zu sparen, schickte Chamroueun seine Kinder zu Verwandten und aß selbst weniger. Durch die Mikrokredite – so sein Fazit – sei sein Leben bedeutend schwieriger geworden.
In Kambodscha sind besonders viele Mikrofinanzorganisationen tätig. Allein im formellen Sektor agieren 81 registrierte Mikrofinanzinstitutionen, 47 Geschäftsbanken, zwölf Spezialbanken sowie 246 Rural Credit Institutions. Insgesamt beläuft sich die Kreditsumme auf 16 Milliarden Dollar – das entspricht etwa der Hälfte des Bruttoinlandsproduktes des armen Landes. 2022 waren in Kambodscha über 3 Millionen aktive Mikrokredite vergeben – in einem Land mit 3,6 Millionen Haushalten.
Um die offiziellen Kredite zurückzuzahlen, nehmen viele Familien – wie Chamroueun – zusätzliche Kredite bei inoffiziellen Kreditgebern auf. Eine Studie der National University of Singapore hat für Kambodscha ermittelt, dass etwa ein Drittel der Befragten Kredite mit Zinsen zwischen 20 und 30 Prozent nutzten. Die Zinsen der informellen Kredite liegen dabei nicht unbedingt wesentlich höher als die der klassischen Mikrokredite. Hohe Zinssätze werden allgemein damit begründet, dass der Aufwand für die Betreuung und Abwicklung nicht geringer ist als bei großen Krediten. Doch durch die Mehrfachbelastung droht vielen Kreditnehmern die Überschuldung.
Ein internationales Thema
Bei der Überschuldungskrise in Kambodscha handelt es sich aber nicht bloß um ein lokales Problem. Die Vergabe von Mikrokrediten ist auch Bestandteil der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. In Deutschland zum Beispiel stellten die KfW-Entwicklungsbank, die Sparkassenstiftung für internationale Kooperation und die Genossenschaft Oikocredit in den letzten Jahren Milliarden von Euro für Mikrofinanzprojekte zur Verfügung. Die staatliche KfW-Entwicklungsbank zählt zu den weltweit größten Geldgebern im Bereich der Mikrofinanzierung. Ende 2018 lag das laufende Portfolio für Mikrofinanzierungen bei 2,2 Milliarden Euro; weitere 2,9 Milliarden wurden für die Finanzierung von kleinen und mittleren Unternehmen bereitgestellt.
In Kambodscha finanzierten die KfW und die KfW-Tochter DEG – so die FIAN-Studie – von 2009 bis Mitte 2016 mehrere kambodschanische Mikrofinanzanbieter mit insgesamt 370 Millionen US-Dollar. Von 2015 bis 2020 finanzierte die DEG kambodschanische Mikrokreditanbieter mit Eigenmitteln in Höhe von 76 Millionen Euro; von der KfW kamen zusätzlich 31,6 Millionen Euro. Auch Privatanleger aus Deutschland finanzieren Mikrofinanzinstitute in Kambodscha. Über Fonds und Mikrofinanzinvestoren fließen unter anderem über „Invest in Vision“, den österreichischen Fonds „Vision Microfinance“, die Umweltbank und die KD-Bank viele Millionen Euro in die Mikrofinanzinstitute in Kambodscha.
Die Probleme sind inzwischen bekannt
Nachdem FIAN und andere Menschenrechtsorganisationen wiederholt auf die Missstände in Kambodscha aufmerksam gemacht hatten, hat das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit beim Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) der Universität Duisburg/Essen eine Studie in Auftrag gegeben, die die Vorwürfe untersuchen sollte. Die 2022 unter dem Titel „‚Mikro‘finanzierung in Kambodscha“ veröffentlichte Untersuchung ergab unter anderem, dass fast die Hälfte der verschuldeten Haushalte Rückzahlungsschwierigkeiten hatte, dass die durchschnittliche Kredithöhe von mehr als 5.000 US-Dollar bei jährlichen Zinssätzen von 18 Prozent sehr hoch lag, dass ein Teil der Kreditnehmer Land verkaufen musste, um Schulden zurückzuzahlen und dass Kinder zum Teil aus der Schule genommen wurden, um für die Rückzahlung von Krediten zu arbeiten.
Als Gründe für die Überschuldungskrise gibt die Studie unter anderem einen Wandel bei der Mikrofinanzierung an: Früher sei sie in Kambodscha ein Projekt der Armutsreduzierung gewesen. Heute aber seien die meisten der großen Mikrofinanzinstitute eng mit Banken, Investmentfirmen und westlichen Entwicklungsagenturen verbunden, die damit erheblichen Profit erzielen würden – 130 Millionen US-Dollar allein 2017.
Aufgrund der 2022 veröffentlichten Studie hat die Bundesregierung 2023 beschlossen, die KfW- und DEG-Programme in Kambodscha auslaufen zu lassen.
Schuldenspirale und Armutsfalle
Es gibt starke Anzeichen dafür, dass die beschriebene Krise in Kambodscha kein Einzelfall ist, sondern dass das System als Ganzes nicht funktioniert.
„Aus Sri Lanka gibt es Berichte von Suiziden; Betroffene haben wiederholt gegen die Praktiken der Mikrofinanzorganisationen protestiert und von der Politik unter anderem Entschuldungsprogramme und eine Untersuchung der Vergabe- und Rateneintreibungspraxis von Mikrofinanzorganisationen gefordert; dieses Jahr gab es Proteste in Nepal und in verschiedenen indischen Bundesstaaten“, sagt Sophia Cramer. Die Soziologin von der Universität Luzern forscht seit den 2010er Jahren zum Thema. In Indien hatte es bereits 2010 eine Reihe von Selbsttötungen gegeben. Auch in Pakistan, Nicaragua, Bosnien-Herzegowina und Marokko kam es wegen Mikrokrediten zu umfassenden Krisen.
Die großen Versprechen der Armutsreduzierung durch Mikrokredite lassen sich wissenschaftlich kaum belegen. So kommt eine Forschergruppe um die Wirtschaftsnobelpreisträgerin Esther Duflo und den Wirtschaftsnobelpreisträger Abhijit Banerjee nach sechs Wirkungsstudien zu dem Schluss, dass es „kaum Hinweise auf transformative Effekte“ gebe.
Auch der Unabhängige Experte für Auslandsschulden der Vereinten Nationen, Juan Pablo Bohoslavsky, kommt in einem Bericht an den UN-Menschenrechtsrat 2020 zu einer grundsätzlich negativen Einschätzung der Mikrofinanz: „Es hat sich gezeigt, dass Mikrokredite in vielen Fällen das Gegenteil von dem bewirken, was beabsichtigt war, einschließlich der Entstehung einer ‚Armutsfalle‘. Zwar konnten einige kurzfristige Vorteile festgestellt werden, doch wurden sie auch mit einer Schuldenspirale in Verbindung gebracht, die zu Verarmung, dem Zusammenbruch von Familien und sogar Selbstmord führte.“
„Es gibt zwei strukturelle Probleme, die mit der langen finanziellen Wertschöpfungskette zusammenhängen: die hohen Zinsraten und die unflexiblen Rückzahlungsbedingungen“, sagt Cramer. Die Zinsen für Mikrokredite liegen nach Daten der Annual Benchmark Reports im Durchschnitt bei etwa 20 bis 30 Prozent, in 20 Ländern sogar bei mehr als 50 Prozent, so Cramer. Sie liegen so hoch, weil damit nicht nur der größere bürokratische Aufwand für die Vergabe von Mikrokrediten gedeckt werden muss, sondern auch Zinszahlungen an die Fonds getätigt werden, die das Geld für die Kredite bereitstellen. Auch die Dividenden, die die Fonds ihren Anlegern auszahlen, werden über die hohen Zinsen finanziert. Wegen ihrer Verbindlichkeiten bei den Fonds haben die Mikrokreditinstitute außerdem wenig Spielraum für flexible Rückzahlungsbedingungen für die Kreditnehmer. Auf etwaige Krisen wie Krankheit oder Missernten können sie deshalb keine Rücksicht nehmen. All das führt zu einem erheblichen Überschuldungsrisiko für Kreditnehmende.
Trotz aller Probleme wächst der Mikrofinanzmarkt
Trotz dieser augenscheinlichen systemischen Schwächen legt der der Mikrofinanzmarkt weiter zu: „Seit 2018 ist er um 47,3 Prozent gewachsen“, sagt Cramer. 2022 betrug das weltweite Mikrokreditportfolio nach Daten des Impact Finance Barometers 182,7 Milliarden US-Dollar. Die Größe des Marktes wird auch zum Problem: Einige Länder wie Kambodscha und Sri Lanka werden aktuell geradezu überschwemmt von Mikrofinanzorganisationen, die ihre Kredite an den Mann oder die Frau bringen wollen und zum Teil aggressiv um Kunden werben. Wenn es nur noch darum geht, im Konkurrenzkampf mit den anderen Mikrofinanzorganisationen am Markt zu bestehen, gerät dabei die ursprüngliche Idee – die Überwindung der Armut – aus dem Fokus.
Ein Überangebot an Mikrokrediten hat häufig zur Folge, dass Geld für wenig sinnvolle Investitionen ausgegeben wird: Ein Darlehen aufzunehmen, um im Dorf den ersten Gemischtwarenladen zu eröffnen, kann eine sinnvolle Investition sein. Wenn aber die Kreditbank jedem Haushalt im Dorf zu einem Gemischtwarenladen verhilft, sind die Erfolgsaussichten, sich über den Verkauf von Milch, Gemüse, Brot und Seife aus der Armut zu befreien, ziemlich gering. Noch problematischer ist die Kreditvergabe für unproduktive Zwecke: „Wer einen Kredit für Konsumausgaben wie Kühlschränke oder auch Nahrungsmittel, bei finanziellen Engpässen oder gar für die Rückzahlung eines anderen Kredits aufnimmt, hat ein sehr hohes Risiko, in eine Schuldenfalle zu geraten“, sagt Cramer.
Der Volkswirt Philip Mader von der Universität Sussex beschäftigt sich seit mehr als 15 Jahren mit der Problematik. In seiner Dissertation über das Mikrofinanzsystem kam er unter anderem zu dem Schluss, dass Mikrofinanz häufig ein System der Unterdrückung ist und ökonomische Abhängigkeiten verstärkt. Für seine Forschung war er mehrfach vor allem in Indien unterwegs. Daher kennt er aus eigener Anschauung Beispiele für den fehlgeleiteten Einsatz von Mikrokrediten. Bei einem Besuch in Hyderabad zum Beispiel war er in einem Viertel unterwegs, das über keine Kanalisation verfügte. Wegen der offenen Kloake wurden die Bewohner häufig krank. Eine Mikrofinanzorganisation, die in der Region tätig war, suchte nach einer Lösung für das Problem. „Aber anstatt die Ursache – die offene Kanalisation – anzugehen, versuchten sie, Mikrokrankenversicherungen an die Bewohner zu verkaufen“, sagt Mader. Ähnlich wie Mikrokredite sollen Mikro-Versicherungen armen Menschen den Zugang zu Leistungen ermöglichen, die ihnen vorher verschlossen waren. Im Prinzip ist es gut, wenn auch arme Menschen Zugang nicht nur zu Krediten, sondern auch zu Versicherungen bekommen. Im konkreten Fall müssen die Anwohnerinnen und Anwohner aber finanzielle und gesundheitliche Belastungen tragen, weil Staat und Entwicklungshilfe nicht willens sind, einen infrastrukturellen Mindeststandard zu gewährleisten, der den Bürgerinnen und Bürgern eigentlich zusteht.
„Im Wesentlichen ist Mikrofinanz ein System, in dem Geld von armen Kreditnehmern als Dividende zu den reichen Investoren fließt. Das finde ich problematisch“, sagt Mader. Theoretisch haben heute fast alle Menschen die Möglichkeit, einen Kredit aufzunehmen – oft jedoch zu horrenden Zinsen. Im Sinne einer angestrebten globalen finanziellen Inklusion sei die Mikrofinanz also durchaus erfolgreich. „An der Kernaufgabe, Armut zu lindern und Entwicklungsproblem zu lösen, ist das System aber gescheitert“, sagt Mader. //
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