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Entspannt im Großstadtdschungel
Seit 2008 leben weltweit mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Und die Urbanisierung schreitet voran. Laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden 2030 sechs von zehn Menschen in einer Stadt wohnen, 2050 schon sieben von zehn. Denn das Leben in der Stadt bietet Vorteile: In Entwicklungsländern…
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von EVA TENZER
Seit 2008 leben weltweit mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Und die Urbanisierung schreitet voran. Laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden 2030 sechs von zehn Menschen in einer Stadt wohnen, 2050 schon sieben von zehn. Denn das Leben in der Stadt bietet Vorteile: In Entwicklungsländern sind es vor allem die Arbeitsmöglichkeiten, in den Industrieländern spielen auch das kulturelle Angebot, die bessere medizinische Versorgung und der gute öffentliche Nahverkehr eine große Rolle.
Doch Leben in deutschen Städten bedeutet auch Stress: Verkehrslärm, hohe Luftverschmutzung, dichte Bebauung, gefährliche Straßen. Parkplatzmangel auf der einen Seite, zugeparkte Flächen und wenig Platz für Fußgänger und Fahrradfahrer auf der anderen. Hinzu kommen Anonymität, soziale Isolation und Furcht vor Kriminalität. Auch Hektik, Müll, Schmutz und überfüllte öffentliche Verkehrsmittel werden in Umfragen als Stressfaktoren genannt. All das schlägt aufs Gemüt.
Mehr Natur fürs Wohlbefinden
Umweltpsychologen beobachten, dass psychische Probleme in Großstädten häufiger sind als auf dem Land. Der Berliner Psychiater und Stressforscher Mazda Adli nennt die Folgen des belastenden urbanen Alltags: „Stadtbewohner haben ein höheres Risiko für stressassoziierte psychische Krankheiten wie Schizophrenie, Depression und Angsterkrankungen.“ Eine wichtige Frage ist, wie sich das urbane Stresslevel reduzieren und das Wohlbefinden der Bewohner erhöhen lässt. Umweltpsychologen, Public Health-Experten und Ökologen erkunden das mit zahlreichen Studien zur experimentellen Stress- und Präventionsforschung.
Fest steht: Wer Natur hautnah erleben kann, hat weniger Stress. Laborexperimente und Feldstudien weisen vielfältige Effekte auf das körperliche und seelische Wohlbefinden der Stadtbewohner nach. Stadtgrün schwächt demnach Ängste, stärkt positive Emotionen, senkt den Blutdruck und fördert die Resilienz, also die psychische Widerstandsfähigkeit. Lärm wird als weniger belastend empfunden, weil Bäume und Sträucher zum einen den Schall dämpfen und zum anderen die Sicht auf Straßen verstellen, was das subjektive Lärmempfinden reduziert – einen wichtigen Stressfaktor. Grünflächen als Sport- und Bewegungsräume sind vor allem für Kinder und Jugendliche wichtig, dienen aber auch als Orte der Entspannung für alle Altersgruppen.
Diese Effekte lassen sich biologisch belegen – etwa durch eine Studie des Forscherteams um Mary Hunter von der University of Michigan. Dabei ging es um die Frage: Wie verändert urbanes Naturerleben Stressmarker im Körper? Acht Wochen lang sollten Bewohner dreimal die Woche mindestens zehn Minuten in einer grünen Umgebung ihrer Stadt verbringen. Vorher und nachher wurden ihre Cortisol- und Alpha-Amylase-Werte gemessen. Denn je höher diese Biomarker sind, umso mehr Stress wird empfunden. Das Ergebnis: Beide Werte sanken signifikant. Am stärksten war der Effekt bei einem Naturkontakt zwischen 20 bis 30 Minuten. Und es war nicht einmal nötig, sich aktiv, etwa joggend, in der Natur zu bewegen. Einfach sitzen, schauen oder spazierengehen reichte aus.
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Auch ein interdisziplinäres Forscherteam um Andreas Meyer-Lindenberg und Heike Tost vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim wies nach, dass Bäume, Rasenflächen, Blumenbeete und Parks in Städten für Wohlbefinden sorgen. Von einem Abstecher ins Grüne profitieren besonders Menschen, die die meiste Zeit in grauen Stadtvierteln verbringen sowie alle, die schlecht mit Stress umgehen können. Die Probanden – gesunde Stadtbewohner – hatten eine Woche lang mehrmals täglich ihre Stimmung mithilfe von Smartphones bewertet. Ihre zurückgelegten Wege wurden geoinformatisch festgehalten und dabei bestimmte Merkmale ermittelt, vor allem einsehbare Grünflächen. Das Ergebnis: Die Teilnehmer fühlten sich dort wohler, wo sie von viel Grün umgeben waren.
Beteiligt an der Studie waren Geoinformatiker der Universität Heidelberg. Sie gehören zur Forschergruppe Urban Emotions, die mittlerweile am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und der Universität Salzburg angesiedelt ist. Forschungsleiter Peter Zeile vom KIT betont, dass es wichtig sei, Emotionen von Radfahrern und Fußgängern in urbanen Stresssituationen zu messen. Denn in Diskussionen zur Stadtplanung würden objektiv festgehaltene Emotionen eher ernst genommen als bloß subjektiv berichtete.
Dazu schickten die Forscher Probanden, darunter je nach Fragestellung Fahrradfahrer oder Eltern mit Kinderwagen oder Rollstuhlfahrer, auf bestimmte Routen. Ein Smartband am Handgelenk maß über Sensoren die Hautleitfähigkeit, die sich durch Schwitzen erhöht, und die Körpertemperatur, die bei Stress sinkt. Eine am Körper oder Rad befestigte Videokamera zeichnete die Umgebung auf, GPS erfasste die Position. Verknüpft man all diese Informationen, lässt sich der Stress an bestimmten Orten ermitteln. Ein Ergebnis: Radfahrer sind relativ stark gestresst, wenn sie auf einer von Autos, Bussen und LKW befahrenen Spur links abbiegen müssen, ebenso auf unebenen Wegen, wenn der Verkehrsfluss stockt und in langen roten Ampelphasen.
Kleine Maßnahmen, große Effekte
Außerdem wurden die Probanden der Stadtgrün-Studie mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) untersucht. Dabei zeigten die Forscher ihnen ärgerliche und traurige Gesichter, um das Meldesystem für negative Emotionen, die Amygdala, im Gehirn zu aktivieren. Reguliert wird die Amygdala im präfrontalen Cortex. Bei denjenigen, die zuvor besonders positiv auf Grün in der Umgebung reagiert hatten, zeigte sich während des fMRT eine verminderte Aktivität in dieser Hirnregion.
Eine Erklärung der Forscher: „Die Ergebnisse legen nahe, dass Grünflächen besonders für Menschen wichtig sind, die Schwierigkeiten mit der Regulation negativer Emotionen haben. Die Naturerfahrung ersetzt etwas, was sie selbst nicht so gut können“, sagt Meyer-Lindenberg. Er vermutet: Besser über die Stadt verteilte und zugängliche Grünflächen könnten manchen psychischen Erkrankungen vorbeugen.
Diesen Ansatz verfolgt auch das Konzept der Umweltakupunktur. Ähnlich wie ein Akupunkteur mit feinen Nadeln an mehreren Stellen in die Haut sticht, um Nervenbahnen zu reizen, soll die urbane Umweltakupunktur die Beschwerden genervter Großstädter lindern. Die Idee: Anstatt nur ein einziges großes und meist teures Projekt umzusetzen, ist es besser, an mehreren Orten in einer Stadt kleinere Maßnahmen durchzuführen. Etwa viele kleine Grünflächen anzulegen – eine allein bringt keinen großen Effekt, viele über die Stadt verteilt dagegen schon.
Erste Ansätze gibt es zum Beispiel im brasilianischen Curitiba. Dort entstand ein schnelles und effektives öffentliches Transportsystem mit separaten Fahrspuren für Busse und Fahrkartenverkauf an den Haltestellen statt beim Fahrer. Die Zahl der Haltestellen wurde außerdem überall in der Stadt erhöht, sodass nun fast alle Bewohner zu Fuß einen Bus erreichen können. So sparen Pendler ins Stadtzentrum viel Zeit.
Der Großteil des städtischen Verkehrs besteht aus Öffentlichem Nahverkehr, über die ganze Stadt verteilt gibt es autofreie Zonen. Viel Grün sowie ein Müllrecycling-Programm, das die Bürger einbezieht, sind dazugekommen. Heute gehört Curitiba zu den grünsten und saubersten Städten der Welt mit hoher Lebensqualität.
Mehr Stadtgrün ist also nur ein Aspekt, um urbanen Stress zu reduzieren und die psychische Gesundheit der Bewohner zu verbessern. Denn eine massive städtische Stressquelle für Fußgänger und Radfahrer sind die Risiken des Straßenverkehrs. „Die größten Gefahren in der Stadt gehen vom Autoverkehr aus. Kinder, Ältere, Menschen mit eingeschränkter Mobilität, aber auch jeder, der einfach nur kurz unaufmerksam ist, weil er aufs Handy schaut, läuft Gefahr, überfahren zu werden. Das ist Stress pur“, sagt Cordelia Polinna. Sie leitet das Berliner Stadtplanungsbüro Urban Catalyst und forschte zuvor an der TU Berlin.
Verkehrsplanung der Zukunft
Polinna hat klare Vorstellungen davon, was in deutschen Städten passieren muss, um den Stresspegel zu senken: Generelles Tempo 30 und viel mehr Straßen, in denen Autofahrer anderen Verkehrsteilnehmern Vorrang geben müssen. Alles, was den Verkehr verlangsamt und zu mehr Rücksichtnahme führt, helfe. „In der Schweiz oder in Japan wird in Städten deutlich langsamer und rücksichtsvoller gefahren. An vielen Orten haben Fußgänger und Radfahrer Vorrang vor Autos. Freiwillige helfen Kindern morgens an stark frequentierten Kreuzungen. Dort können sich Kinder viel sicherer und freier im Quartier bewegen als bei uns.“
Zu Fuß gehen müsse auch in Deutschland attraktiver und sicherer werden, fordert Polinna. Wichtig sei eine intelligente Verkehrsplanung. Breitere Fuß- und Radwege sowie Fahrradstraßen und Shared-Space-Straßen, auf denen alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt sind und aufeinander Rücksicht nehmen müssen, seien ein guter Anfang.
Nötig seien zudem Maßnahmen gegen zugeparkte Innenstädte, weil parkende Autos die Übersicht erschweren, Risiken und damit Stress bringen. „Parken muss viel teurer werden, der Anspruch auf Parkplätze überall im öffentlichen Raum muss aufgehoben werden“, fordert die Expertin. „Wo in Wohngebieten alles zugeparkt ist, können Kinder nicht draußen spielen, Barrieren entstehen.“ Wie es besser gehen kann, zeige Kopenhagen mit dem Konzept der sogenannten Quartiersgaragen. Dort stellen Anwohner ihre Autos in Sammelparkhäusern unter – in den Wohnstraßen selbst dürfen nur Anwohner mit eingeschränkter Mobilität parken. Allerdings, räumt Polinna ein: Neue Regeln und Baumaßnahmen allein reichen nicht. Sensibilisierungs- und Auf-klärungskampagnen für mehr gegenseitige Rücksichtnahme hält sie für genauso wichtig.
Raum für ein Miteinander schaffen
Mehr soziales Miteinander ist ein weiterer zentraler Faktor für stressfreiere Städte. „Sozialer Stress entsteht vor allem dort, wo Menschen auf engem Raum zusammenleben. Relevant scheinen dabei zwei Faktoren zu sein: soziale Dichte und soziale Isolation“, sagt Mazda Adli von der Fliedner Klinik Berlin und der Charité – Universitätsmedizin Berlin.
Obwohl man in der Stadt viele Menschen um sich hat, kann man sich einsam fühlen. Vor allem Ältere, Menschen mit Behinderung und Migranten brauchen öffentlichen Raum für Begegnungen und Miteinander, der dieser Isolation entgegenwirkt. Jugendliche unterschiedlicher Herkunft benötigen Begegnungs- und Freizeitstätten. Denn Kontakte, Zusammenhalt und Teilhabe sind wichtige Hilfen gegen Stress. Dazu kommt: Bewohner, die sich mit ihrem Quartier identifizieren, engagieren sich mehr in der Nachbarschaft. Und wer eine lokale Initiative ins Leben ruft, bringt Menschen zusammen und steigert so das eigene Wohlempfinden sowie das des gesamten Wohnumfelds. Vor allem sollte der Zugang zu öffentlichen Räumen und Begegnungsorten nicht vom Geldbeutel abhängig sein, fordert Adli.
Um soziale Bedürfnisse befriedigen zu können, sind daher neben Grünflächen auch „graue Räume“ wie Cafés, Restaurants, Kinos oder Einkaufszentren wichtig. Mit einer Befragung von 95 Berlinern wies Majken Bieniok, Psychologin und Professorin für Soziale Arbeit an der Hochschule für angewandte Pädagogik in Berlin, nach, dass graue Lieblingsorte elementare lebensraumbezogene Bedürfnisse befriedigen: „Lieblingsplatz kann der kleine Park um die Ecke, das Shopping-Center, der Spielplatz in der Nachbarschaft oder das Café am See sein. Dienen grüne Lieblingsplätze eher der Bewegung und Mobilität, Erholung und Regeneration, fördern graue Lieblingsplätze die Kommunikation und den sozialen Anschluss. Außerdem befriedigen sie Bedürfnisse nach Sicherheit und Schutz sowie nach Konsum, Kreativität und Kultur.“
Solche urbanen Tummelplätze fördern das Wohlbefinden, wie man am Forum im niederländischen Groningen beobachten kann. Der imposante Bau ist zu einem Ort intensiven Austauschs geworden. Eine Bibliothek, Läden, Ausstellungsräume, ein Kino, Restaurants und gemütlich gestaltete Sitznischen bieten Möglichkeiten zum Lernen, Genießen, Arbeiten und Treffen. Es ist ein quirliger Wohlfühlort mitten in der Stadt.
Die Nachbarschaft fördern
Auch Wohnen ist ein zentrales Thema. Mehrgenerationenhäuser, gemeinschaftlich organisierte Siedlungen oder Internetportale für gegenseitige Hilfe – alles, was Anonymität aufbricht und Menschen zusammenbringt, tut gut. Ein Musterbeispiel ist das Wohnprojekt Wien, wo sich die Bewohner in einem Verein organisieren und mitten in der Großstadt ein dörfliches Miteinander in einer Mehrgenerationengemeinschaft leben.
Ein anderes gutes Beispiel ist das Portal www.nebenan.de. Es vernetzt Menschen, fördert Austausch in der unmittelbaren Nachbarschaft und gegenseitige Unterstützung – von Blumengießen und Babysitten bis zur Einkaufshilfe. Gut 1,7 Millionen Nutzer sind bundesweit registriert, rund 8000 Nachbarschaften sind aktiv, vor allem in Berlin, Hamburg, München, Köln und Frankfurt.
Der Gründer Christian Vollmann berichtet: „Unsere Befragungen der Nutzer zeigen, dass in den ersten vier Monaten nach der Anmeldung Gefühle von Vertrauen und Zugehörigkeit sowie der Gemeinschaftsbildung deutlich zunehmen. Die Verbundenheit zu den Nachbarn verbessert sich. Neu angemeldete Nutzer fühlen sich 1,5 Mal häufiger einsamer als langfristige.“ Vielen gebe das Portal zudem einen Anstoß, auf unbekannte Nachbarn zuzugehen.
Aus anderen Studien ist bekannt, dass gute Nachbarschaft die Furcht vor Kriminalität senkt. Nicht nur bauliche Strukturen, auch ein belebter öffentlicher Raum und soziale Kontakte beeinflussen das Sicherheitsgefühl. Während die Angst bei Konflikten in der Nachbarschaft zunimmt, sinkt sie durch sozialen Zusammenhalt. Viele Kommunen versuchen daher, die Begegnung von Menschen unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkunft zu fördern, um das Vertrauen in die Nachbarschaft zu stärken.
Das Sicherheitsgefühl stärken
Das subjektive Sicherheitsgefühl zu erhöhen und auf diese Weise Stress zu reduzieren, lässt sich mit verschiedenen Maßnahmen erreichen, weiß Majken Bieniok: „Offene, einsehbare, helle und zugängliche Plätze und Wege mit einer entsprechenden baulichen Gestaltung mit Fenstern, mehreren Zu-, Durch- und Ausgängen, Laternen sowie wenig Fluchtmöglichkeiten für potenzielle Täter er-höhen die empfundene Sicherheit.“ Eine gepflegte Umgebung, um die sich Menschen sichtbar kümmern, unterstützen diesen Effekt. „Je belebter, vielseitiger und integrierender die urbane Umgebung gestaltet ist, desto anregender, flexibler und infolgedessen auch sicherer wirkt sie.“ Das Gegenteil bewirkt laut Bieniok, wenn bestimmte Bevölkerungsgruppen in ein Viertel gedrängt oder abgesondert werden oder ein Stadtteil nur wenige Funktionen hat, etwa neben Wohnflächen keine Einkaufs- oder Arbeitsmöglichkeiten bestehen.
Essenziell fürs Wohlbefinden sei auch die soziale Sicherheit: finanzielle oder berufliche Absicherung, gesicherte medizinische Versorgung, Zugang zu Informationen sowie gesunde und bezahlbare Versorgung mit Lebensmitteln, technische Ressourcen und ausreichender Wohnraum. Bieniok betont: „All das steigert die körperliche und seelische Gesundheit sowie die wahrgenommene Sicherheit. Das Angebot solcher Ressourcen reduziert den Stress.“
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