Der Ausbruch des Tambora hüllte die Erde in einen Schleier aus Asche und Staub – das Klima spielte deshalb jahrelang verrückt.
Der Tambora überragt den dichten Dschungel der indonesischen Insel Sumbawa, gut 300 Kilometer östlich der Touristen-Hochburg Bali. Sein Name klingt nicht so fulminant wie Krakatau, St. Helens oder Vesuv. Und doch war sein Ausbruch 1815 der weitaus heftigste in historischer Zeit. Mehr als 120 Kubikkilometer Asche quollen aus dem Krater, 100-mal so viel wie 165 Jahre später am Mount St. Helens im US-Bundesstaat Washington. Drei Jahre lang trieben die hoch geschleuderten Partikel um die Erde und brachten das Wetter aus dem Tritt. Die Folgen: Missernten, Epidemien und Hungersnöte in Asien, Europa und Nordamerika. 1816 ging als das „ Jahr ohne Sommer” in die Geschichtsbücher ein.
Was sich auf Sumbawa genau zugetragen hat, lässt sich nur in Bruchstücken rekonstruieren, weil alle Zeugen starben. Erst in diesem Jahr haben US-amerikanische Forscher der University of Rhode Island in Kingston Reste des kleinen Königreichs Tambora unter meterhoher Asche entdeckt. Noch in 500 Kilometer Entfernung „drohten die größten Gefahren für Leib und Leben”, schrieb Thomas Stamford Raffles, der zur Zeit des Ausbruchs Java regierte und später Singapur gründete.
Schon 1812 hatte sich der Vulkan nach Jahrhunderten der Ruhe erstmals wieder geregt. Dampfwolken standen über seinem markanten Gipfel, der mit über 4000 Meter Höhe den Segelschiffen beim Navigieren half. Der Ausbruch begann am 5. April 1815 mit einem Donnerschlag, der noch im 1300 Kilometer entfernten Batavia, dem heutigen Jakarta, die Menschen aufschreckte. Eine Aschesäule stieg 25 Kilometer hoch.
Fünf Tage grummelte der Vulkan beängstigend, als würde in seinem Innern eine Lunte brennen, dann entlud sich der aufgestaute Druck in mehreren gewaltigen Explosionen. Eine dunkle Wolke schoss 40 Kilometer hoch, Asche regnete nieder, und im Umkreis von 300 Kilometern blieb es drei Tage stockfinster. Glutheiße Lawinen aus Gas, Asche und Bims rasten, schneller als jeder Formel-1-Bolide, die Vulkanflanken hinab und töteten im Umkreis von 40 Kilometern jedes Leben: Tiere, Pflanzen und Menschen. Manche dieser pyroklastischen Ströme ergossen sich ins Meer, kaum 20 Kilometer entfernt. Dort zündete ihre Hitze Wasserdampfexplosionen, deren Gewalt Tsunamis gegen die Küsten schleuderte. Nach vier Tagen hatte der Berg fast anderthalb Kilometer seiner Höhe eingebüßt. Wo vorher die Vulkanspitze thronte, klaffte ein Einbruchkrater, eine Caldera, 1200 Meter tief und sechs Kilometer breit.
Nachdem sich der Vulkan beruhigt hatte, fing das Martyrium für viele Menschen erst an. In den Glutwolken und Tsunamis waren rund 10 000 Menschen umgekommen, mindestens 82 000 weitere starben an den indirekten Folgen des Ausbruchs: Sie verhungerten oder erlagen Seuchen. Die Asche, die wie ein Leichentuch das Land bedeckte, vernichtete die Ernte und verstopfte die Bewässerungssysteme, saurer Regen vergiftete das Wasser. Nicht nur die Inseln Sumbawa, Lombok und Bali litten unter dem Ausbruch, sondern auch weit entfernte Regionen: Das hoch geschleuderte Schwefeldioxid verband sich in der Atmosphäre mit Wasserdampf und schwebte in Form von Schwefelsäure-Aerosolen jahrelang um die Erde. Der Dunstschleier warf einen Teil des Sonnenlichts in den Weltraum zurück und kühlte so die Erde um durchschnittlich ein Grad aus, in manchen Gegenden sogar um drei bis fünf Grad.
Chroniken aus Europa und Nordamerika berichten von extremen Kälteeinbrüchen mit Nachtfrost und Schneefall mitten im Sommer. Ende Juli fiel auf der Schwäbischen Alb Schnee, und im US-Bundesstaat Maine bildete sich Eis auf den Seen. Die Ernte erfror auf den Feldern, sodass sich die – ohnehin hohen – Preise für Grundnahrungsmittel verdoppelten. Wer arm war, konnte sich kein Brot leisten und musste hungern. In Frankreich, noch geschwächt von den gerade überstandenen Napoleonischen Kriegen, gingen Polizei und Militär gegen aufgebrachte Menschenmassen vor, die Getreidetransporte plünderten. In Neuengland wurde Vieh zu Schleuderpreisen verhökert, weil Futter fehlte. Die Zahl der Emigranten verdoppelte sich: Europäer, darunter viele Winzer, flüchteten in die USA, und amerikanische Oststaatler zogen in den Wilden Westen. Als 1818 die Bauern erstmals wieder eine gute Ernte einfuhren, richtete der württembergische König Wilhelm I. zum Dank das „Cannstatter Volksfest” in Stuttgart aus, das bis heute jeden Herbst gefeiert wird.
Wissenschaftler rätselten über die Ursache der ungewöhnlichen Kälte. Manche machten Sonnenflecken dafür verantwortlich, andere Eisberge auf dem Atlantik. Sogar Blitzableiter, die damals immer beliebter wurden, mussten als Sündenbock herhalten. Das Metall, hieß es, behindere den natürlichen Wärmefluss aus dem Erdinneren. Niemand kam auf die Idee, dass ein entfernter Vulkanausbruch für die Missernten verantwortlich war. Kein Wunder, denn die Menschen erfuhren nur bruchstückhaft und erst nach Monaten, was im fernen Indonesien geschehen war. Langsame Segelschiffe verbreiteten die Nachricht. Das war bei der nächsten Katastrophe in Indonesien schon ganz anders. ■
Ohne Titel
Land: Indonesien
Höhe: 2850 m
(vor der Eruption: über 4000 m)
Ausbruch: 10. April 1815
Tote: 92000
Auswurf: 120–150 km3
Besonderheiten: Pyroklastische Ströme – glühend heißes Gestein und Gase; über 40 km hohe Aschewolke; stärkster Vulkanausbruch der Menschheitsgeschichte; Tsunami; Folge: weltweite starke Klimaveränderung.





