Weit weniger bekannt als dieses Phänomen ist, dass sich auch unsere Ohren ganz von selbst vor zu viel Lärm schützen. Das tun sie nicht nur, wenn es um uns herum plötzlich sehr laut wird, sondern auch, wenn wir selbst rufen, schreien oder gar brüllen. Schließlich ist unser Mund nicht weit von unserem Gehör entfernt. Trifft ein Geräusch mit einem Schalldruck von mindestens 75 Dezibel – das entspricht lautem Straßenlärm – auf unser Trommelfell, löst das einen Reflex aus, in dessen Folge ein winziger Muskel an einem der drei Gehörknöchelchen im Mittelohr, dem Steigbügel oder „Stapes“, zieht, es dadurch ein wenig verschiebt und in seiner Beweglichkeit hemmt. Das dauert nicht länger als 50 Millisekunden und bewirkt, dass nicht mehr der gesamte Schalldruck in Richtung Innenohr weitergeleitet, sondern ein Teil vom Trommelfell nach außen reflektiert wird. Deshalb nehmen wir unsere eigene Stimme, wenn wir rufen oder schreien, auch nie so laut wahr, wie die Menschen um uns herum.
Der ohrenschützende Automatismus heißt nach dem winzigen Stapedius-Muskel „Stapedius-Reflex“. Bemerkenswert ist, dass er automatisch an beiden Ohren ausgelöst wird, auch wenn der Schallreiz nur eines der beiden Ohren erreicht.
Diesen Stapedius-Reflex kann man bewusst einsetzen, um das Ohr vor zu großem Lärm zu bewahren. Mercedes-Benz zum Beispiel nutzt ihn für den biomechanischen Gehörschutz im Rahmen seines PRE-SAFE-Systems, das die Insassen eines Autos schützen soll, schon bevor es zu einem drohenden Unfall kommt. Dazu erzeugt ein spezieller Soundchip in den Lautsprechern unmittelbar vor dem Aufprall ein scharfes Rauschen, das den Reflex auslöst. Und der verhindert, dass der entstehende Schalldruckpegel zu hoch wird und das Gehör irreversibel schädigt.
In der Hals-Nasen-Ohren-Medizin dient die Messung des Stapedius-Reflexes dazu, die Mittelohrfunktion zu überprüfen. Denn bei einer Schallleitungsschwerhörigkeit ist die Reflexschwelle erhöht, und schlimmstenfalls lässt sich der Reflex überhaupt nicht auslösen. Seine Kontrolle erlaubt auch eine Aussage über die Funktion des Gesichtsnervs („Nervus facialis“), weil der absteigende Nervenimpuls des Reflexbogens, der letztlich die Kontraktion des Stapedius-Muskels bewirkt, über Fasern eben dieses Nervs läuft. Oder anders ausgedrückt: Bei einer Schädigung bestimmter Teile des Nervus facialis funktioniert der Stapedius-Reflex nicht mehr.
Angeblich lässt sich der Reflex sogar gezielt einsetzen: Im Internet kursieren Empfehlungen, bewusst zu schreien, wenn man weiß, dass es gleich sehr laut wird – dann wird der Krach, so heißt es, erträglicher. Ausprobieren kann man’s ja mal.





