Kann es da in der Biologie überhaupt Gesetze geben? Universale Prinzipien, die allezeit und überall gelten – so wie in der Physik? Der große 2005 verstorbene Evolutionsbiologe Ernst Mayr hatte darauf eine klare Antwort: Nein! Biologische Theorien sind ihm zufolge von Konzepten abgeleitet, die jeweils nur in einem bestimmten abgegrenzten Kontext gelten.
Auch die US-Wissenschaftstheoretikerin Evelyn Fox Keller fragte in ihrem 2007 erschienenen Essay „A Clash of Two Cultures“, ob die Suche nach universalen Prinzipien in der Biologie überhaupt Sinn mache. Denn: „Biologische Generalisierungen können nur vorläufig sein – eben wegen der Evolution.“
Das Dolloʼsche Gesetz
Warum geistern dann immer noch Gesetze durch die biologische Fachliteratur? In aller Regel, weil man den Begriff falsch gebraucht. Nehmen wir etwa das Dolloʼsche Gesetz. 1893 fasste der belgische Paläontologe Louis Dollo ein vermeintlich auffälliges Muster des Evolutionsgeschehens folgendermaßen zusammen: „Ein Organismus ist nicht in der Lage, auch nur teilweise zu einem früheren Stadium zurückzukehren, das auf den Ebenen seiner Vorfahren realisiert wurde.“
Dollo bezog sich damit auf den Verlust von komplexen Eigenschaften im Lauf der evolutionären Entwicklung. Er mutmaßte, dass Merkmale, die in der Entwicklung einer Art verlorengegangen sind, von den Nachkommen nicht wieder von Neuem angelegt werden können. Einmal weg – immer weg. Dollo erschien es zu unwahrscheinlich, dass die Evolution derart präzise in ihren eigenen Fußstapfen zurückwandern könne, um verschwundene Merkmale in der gleichen Linie erneut zum Leben zu erwecken.
Das klingt plausibel, schließlich findet man ja jede Menge Belege dafür. Paarhufer und Unpaarhufer mit ihrer reduzierten Zehenzahl etwa haben nie wieder Arten mit mehr Zehen hervorgebracht. Ebenso haben ins Wasser zurückgekehrte Säuger keine Kiemen mehr ausgebildet – und dies, obwohl jeder Säugerembryo sie in einer bestimmten Phase seiner Entwicklung vorübergehend anlegt.
Anfang der 1990er-Jahre holte der Evolutionsbiologe Stephan Jay Gould Dollos Gesetz anlässlich von dessen hundertjährigem Jubiläum nochmals ins Rampenlicht. Ganz im Sinne des Gesetzes referierte er in einem Aufsatz, wie Familien von Meeresschnecken, deren Vorfahren vor langer Zeit die Windungen ihrer Gehäuse zugunsten einer ungewundenen Schale aufgegeben haben, danach nie wieder auch nur ansatzweise Gewundenes hervorgebracht hätten.
Evolutionäres Zurückschalten
Doch gerade dieses Beispiel widerstand nicht der Prüfung durch die moderne Hochleistungs-Genomik: 2003 sequenzierten zwei Forscher jeweils drei Gene aus insgesamt 94 Spezies der zumeist „ungewunden-häusigen“ Familie der Pantoffelschnecken (Calyptraeidae). Als Ergebnis des daraus abgeleiteten phylogenetischen Stammbaums hielten sie zweifelsfrei fest: Mindestens zweimal hatten die Vorfahren der heutigen Pantoffelschnecken-Vertreter ihre Schalen zig Millionen Jahre nach deren „Entwindung“ doch wieder schraubig eingedreht.





