Ein eindrucksvolles Beispiel für solch vorschnelle Verführung zur Einfachheit erlebte die Forschung etwa bei der Suche nach der Erklärung, wie die Honigbienen-Königin zur Königin wird. Das Rätsel ist bekannt: Die Königin unterscheidet sich kein bisschen in ihrer Genomsequenz von den Arbeiterinnen ihres Stocks – und wird dennoch so sehr anders. Das Geheimnis – das weiß man schon lange – ist die Ernährung. Drei Tage lang bekommen die frisch geschlüpften Larven einen Kraftmix aus Proteinen, Zucker, Fetten und Vitaminen, den die Arbeiterinnen mit eigenen Drüsensekreten ordentlich aufpeppen. Danach jedoch werden die Larven der künftigen Arbeiterinnen auf ein schlichteres „Workers Jelly“ aus Honig, Pollen und Wasser gesetzt, während die angehende Königin-Larve weiterhin Gelée royale schmausen darf – mit den bekannten Folgen.
Wie oder wodurch aber orchestriert Gelée royale ein und dasselbe Set an Genen so königlich anders? 2011 schien ein japanischer Forscher namens Masaki Kamakura das gewisse Etwas gefunden zu haben – und das auf verblüffend einfache Weise. Kamakura hatte Gelée royale bei konstanten 40 Grad Celsius aufbewahrt und immer wieder geprüft, wie lange dessen königinmachendes Potenzial erhalten blieb. Und siehe da, nach 30 Tagen bei 40 Grad waren die königlichen Eigenschaften des Gelées dahin. Parallel hatte Kamakura in regelmäßig entnommenen Proben verfolgt, wie sich die Proteinzusammensetzung des Gelée royale bei 40 Grad über diese Zeit veränderte. Und während die meisten Gelée-Proteine nach 30 Tagen abgebaut waren, identifizierte Kamakura ein weiterhin prominent vorhandenes, mittelgroßes Protein als Königinnen-Protein. Entsprechend taufte er es Royalactin.
Die Aktivität eines einzigen Proteins schaltet demnach die Entwicklung einer Bienenlarve von der Arbeiterin zur Königin um? Das wäre in der Tat überraschend einfach. Weitere Tests schienen diesen Verdacht zunächst zu bestätigen. So „machte“ etwa Gelée royale, aus dem Kamakura Royalactin entfernt hatte, keine Bienen-Königin mehr. Zudem wuchsen Labor-Taufliegen (Drosophila), denen Gelée royale oder pures Royalactin ins Futter gemischt wurde, zu deutlich größeren Fliegen-Individuen, die überdies fruchtbarer waren und länger lebten.
Und es kam noch besser: Da die Zunft der Genetiker Drosophila bereits seit knapp 100 Jahren als eines ihrer Lieblingshaustiere in ihren Laboren hält, kennt man inzwischen jede Menge Mutanten. Kamakura nahm sich eine dieser Fliegenmutanten vor, deren Zellen keine funktionstüchtigen Rezeptoren für einen Wachstumsfaktor namens Epidermal Growth Factor (EGF) produzieren. Als Folge davon kann EGF nicht mehr an seine Zielzellen binden, wodurch diese wiederum kein Wachstumssignal mehr empfangen. Und tatsächlich: Die Fliegen-Mutanten ohne funktionierende EGF-Rezeptoren entwickelten sich mit Royalactin kein bisschen anders als ihre Artgenossen ohne „königliche“ Beimischung im Futter. Der Royalactin-Effekt blieb also aus.





