Doch es wird sehr schnell kompliziert, wenn Biologen einzelne Evolutionsereignisse verstehen wollen. Nehmen wir als Beispiel Populationen, die in dunkle Lebensräume übersiedeln. In den meisten Fällen büßen die Tiere recht schnell ihre Sehfähigkeit ein, sodass sie am Ende des evolutionären Anpassungsprozesses oft keine funktionierenden Augen mehr ausbilden. Quer durch das gesamte Tierreich ist das vielfach unabhängig voneinander passiert – bei Käfern, Schnecken und Salamandern bis hin zum Nacktmull.
Die blinden Höhlensalmler
Das Paradebeispiel sind höhlenbewohnende Fische, insbesondere die blinden Höhlensalmler des Artkomplexes Astyanax mexicanus. Vor zwei bis drei Millionen Jahren zogen sich die Vorfahren aus lichten mexikanischen Seen tief in deren dunkle Höhlen zurück – und verloren im Laufe der nächsten Generationen peu à peu ihr Augenlicht.
Da die Forschung bereits geklärt hatte, welche molekularen Mechanismen beim Nacktmull für eine derartige evolutive Erblindung gesorgt hatten, vermutete man die gleichen Ursachen beim Höhlensalmler: Demnach hatten sich bei deren Vorfahren nach und nach Mutationen in Genen angesammelt, die an der Augenentwicklung beteiligt sind – wodurch die Fische am Ende ihre Sehfähigkeit einbüßten. Diese „Defekt-Mutationen“ konnten sich jeweils ungehindert in der gesamten Population ausbreiten, da sie den betroffenen Individuen im Höhlendunkel keine Nachteile einbrockten. Denn wie viele Nachkommen ein Fisch in der Dunkelheit hat, hängt ja nicht davon ab, ob er etwas sieht oder nicht.
Doch damit ist nicht erklärt, warum die Höhlen-Populationen durchgehend blind sind. Eine selektierende Triebkraft muss hinzugekommen sein. Aber auch hier waren sich die Fischforscher schnell einig: Individuen ohne Augen haben dort, wo keine Augen gebraucht werden, nicht nur keine Nachteile, sondern sogar Vorteile. Denn es kostet einige Stoffwechselenergie, Augen auszubilden und sie zu benutzen. Und die lässt sich im Dunkeln sicher sinnvoller investieren, zum Beispiel in den Nahrungserwerb. Die logische Folge: Aufgrund ihrer höheren „Höhlen-Fitness“ produzieren die blinden Energiesparer mehr Nachkommen als ihre sehenden Artgenossen, sodass ihr Anteil über die Generationen immer weiter steigt – bis am Ende die Augenentwicklung komplett aus der Population ausradiert ist.
Klingt plausibel. Doch vor drei Jahren beschrieben US-amerikanische Forscher, dass die Sache wohl komplizierter ist. Das Dumme ist nämlich, dass die blinden Höhlensalmler niemals isoliert waren. Bis heute leben andere Subpopulationen von Astyanax direkt an den Höhlenausgängen im helleren Wasser. Diese Fische schwimmen immer wieder sehenden Auges in die Höhlen hinein und verpaaren sich in den Überschneidungszonen mit ihren blinden Artgenossen. Trotzdem ist der Selektionsdruck in den Höhlen offenbar so hoch, dass die dort lebenden Subpopulationen strikt blind bleiben.





