Im 13. vorchristlichen Jahrhundert zählte das hethitische Königtum zu den beherrschenden Mächten Vorderasiens. Mit den Großmächten der damals bekannten Welt pflegte man intensive Kontakte, die allerdings selten frei waren von politischen Ränkespielen. Meist spielte sich das auf diplomatischer Ebene ab, kleinere Stellvertreterkriege nicht ausgeschlossen; unmittelbare militärische Machtproben der ganz Großen waren seltener – vielleicht bedingt durch die Einsicht, daß solche Kriege für die Beteiligten schnell existenzbedrohend werden konnten. so war der hurritische Mittani-Staat im 14. Jahrhundert noch ein geschätzter Partner der ägyptischen Pharaonen, die lernen mußten, daß sie diesen Gegner auf seinem eigenen, dem syrischen Territorium nicht ernstlich gefährden konnten. Mittani hatte Assyrien unterworfen, Babylon scheute den offenen Konflikt und die Hethiter sahen sich von einer immer ausgedehnteren hurritischen Einflußzone bedroht, die bereits in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft Fuß gefaßt hatte.
Doch nur wenige Jahrzehnte später war der Mittani-Staat als eigenständige politische Größe praktisch verschwunden und mit ihm die letzten Hinweise auf eine Gruppe indo-arischer Einwanderer, die irgendwann vor der Mitte des 2. Jahrtausends in die Region des Oberen Habur gelangt sein mußten, wo sie zu einer einflußreichen politischen Größe unter den Hurritern wurden. Zumindest legt das die Tradition der Könige von Mittani nahe, indo-arische Thronnamen zu tragen; die eigentlichen Hintergründe kennen wir nicht, denn die keilschriftlichen Archive der Hurriter in ihrer Hauptstadt Waschukanni sind bis heute nicht ausgegraben. So sind wir bislang nur über faszinierende Details unterrichtet, etwa, daß die aus der altindischen Überlieferung bestens bekannten Götter Indra und Varuna in einem in Keilschrift aufgezeichneten Staatsvertrag erwähnt sind, den Hethiter und Mittani miteinander schlossen und der in der hethitischen Hauptstadt gefunden wurde. Geschwächt durch interne Machtkämpfe und einem Zweifrontenkrieg mit Hethitern und Assyrern ausgesetzt, verschwand der Mittani-Staat im Dunkel der Geschichte.
Den Platz im Reigen der Großmächte nahmen nun die Hethiter ein. Die hethitischen Könige richteten ihr Interesse nicht nur auf die Zentren der damaligen zivilisierten Welt – Syrien, Mesopotamien oder Ägypten –, sondern wandten sich auch dem westlichen Kleinasien zu, wo sich im Lauf der vorausgegangenen Jahrhundert die mykenische Kultur, vorwiegend an den Küsten, ausgebreitet hatte. Ende des 14. Jahrhunderts intensivierte Mursili II. diese Anstrengungen und verhalf dem hethitischen Einfluß im Westen zu Dauer. Man griff ordnend ein in die lokalen Konflikte, etablierte Herrscherhäuser, auf deren Loyalität man baute, arrondierte Länder und verschob Grenzen. Durch die Errichtung eines komplexen vertraglich geregelten Systems an Abhängigkeiten und Einflußnahmen versuchte man, den gesamten Raum zu kontrollieren, was zumindest einige Zeit recht gut zu funktionieren schien.
Im syrischen Raum ging die hethitische Machtpolitik einen Schritt weiter. In zwei der wichtigsten städtischen Zentren, Karkemisch am oberen Euphrat und Halab (Aleppo), etablierte man eine Art hethitisches Vizekönigtum in Form erblicher Sekundogenituren. Der Begründer des hethitischen Großreichs im 14. Jahrhunderts, Mursilis´ II. Vater Suppiluliuma I., setzte in diesen Städten seine Söhne als Könige ein und schuf so loyale lokale Dynastien, denen bestimmte Aufgaben bei der Verwaltung und Kontrolle des von Hattusa abhängigen Territoriums übertragen wurden. Während Halab primär ein kultisches Zentrum war, fungierte der König von Karkemisch als direkter Vertreter der hethitischen Zentralmacht. Nur Streitfälle auf höherer politischer Ebene wurden direkt vom Großkönig in Hattusa entschieden. Diese Herrschaftspraxis sicherte den hethitischen Einfluß auch in relativ weit vom anatolischen Kernland entfernten Regionen. Den wiederholten Versuchen von ägyptischer Seite, einzelne Vasallen aus dieser Bündnis-Phalanx herauszubrechen, war meist nur kurzfristiger Erfolg beschieden. Auch Assyrien, das sich nach dem Untergang Mittanis allmählich konsolidieren konnte, konnte seinen Einfluß zunächst nicht nach Westen über den Euphrat hinaus ausdehnen…




