Kontinuität scheint das Kaisertum der Antike bis hin zum byzantinischen Mittelalter zu verkörpern. Vertieft man sich in die Herrschertabellen der Geschichtsbücher, beeindruckt die ununterbrochene Linie der Kaiser: von Augustus zu Justinian und noch weiter bis hin zu Konstantin XI., der 1453 als letzter Kaiser in Konstantinopel bei der osmanischen Eroberung ums Leben kam. Wenngleich das alte Rom am Tiber in der Spätantike die Rolle der Residenz an das neue Rom am Bosporus abgetreten hatte, beriefen die Kaiser sich nach wie vor auf ihre Vorgänger seit Augustus, wenn nicht gar auf Caesar. Allein, was sich wie Kontinuität ausnimmt, übertüncht einen fortwährenden Wandel. Was ein römischer Kaiser, ein Augustus, ein Imperator sei, veränderte sich im Lauf der Jahrhunderte. Einige Schlaglichter aus der Antike mögen dies verdeutlichen.
„Augustus war der erste römische Kaiser.“ Dieser Satz gehört zweifellos, das zeigt schon eine Schnellrecherche im Internet, zum festen Wissensbestand über die Antike. Doch man sollte genauer hinsehen. Caesar war es, hätten die meisten Zeitgenossen der Antike geantwortet. So beginnt etwa die Reihe der Kaiserviten Suetons, eine der wichtigsten Quellen für die Kaiserzeit, eben mit Caesar. Er war nämlich der erste Römer, dem man realistischerweise zutrauen konnte, eine Monarchie auf Dauer zu begründen. Schon der Titel eines dictator perpetuo, eines Diktators auf Dauer, war eine Provokation, denn für Diktatoren galt in Rom eigentlich eine Amtszeit von sechs Monaten. Noch schlimmer waren Insignien wie die purpurne Toga, die sein Wirken ins Übermenschliche rückten. Seine Ermordung an den Iden des Märzes 44 v. Chr. ließ diesen Weg als eine Sackgasse erscheinen (siehe DAMALS 7-2012). Wenn heute Augustus als der erste römische Kaiser bezeichnet wird, hat dies zwar seine Berechtigung, doch kann diese Aussage den Blick darauf verstellen, wie experimentell er vorging, wie wenig klar war, was nach seinem Tod geschehen würde, und ob er nicht vielleicht der einzige Kaiser bleiben würde.
Der Mann, der als Augustus in die Geschichte eingehen sollte, trat zunächst unter dem Namen Oktavian auf die Bühne, um das Erbe des ermordeten Caesar zu übernehmen. In langwierigen Bürgerkriegen setzte er sich gegen Rivalen durch, zuletzt gegen Marcus Antonius und Kleopatra. In dieser Zeit verfügte er über besondere Vollmachten, die dem Bedarf angepasst wurden und wenig mit dem Herkommen zu tun hatten. Doch ein Ausnahmezustand lässt sich nicht auf Dauer aufrechterhalten. Zudem war es politisch klug, den hergebrachten republikanischen Institutionen, Senat und Volk, Rechnung zu tragen. Auf viele Sonderrechte verzichtete der Alleinherrscher; demonstrativ erneuerte er religiöse Traditionen, die auch für die Republik standen. Den letzten Schritt markierten zwei Staatsakte im Januar 27 v. Chr.: Zunächst gab Oktavian alle außerordentlichen Befugnisse zurück und setzte so wieder (der Form nach) Senat und Volk in die Herrschaft ein, um drei Tage später außerordentliche Ehren zu empfangen, die ihn über alle anderen hinaushoben, unter anderem den sakral klingenden Namen Augustus…




