Manche Tage verändern ein ganzes Leben. Für Luise von Mecklenburg-Strelitz war der 22. Dezember 1793 ein solcher Tag. Als Tochter eines zwar altehrwürdigen, doch politisch unbedeutenden deutschen Fürstenhauses reiste sie nach Berlin, um die Gattin des preußischen Thronfolgers Friedrich Wilhelm zu werden. „Wie bange wohl mir das Herz pochte, als ich den Toren Berlins näher kam und alle die Freuden- und Ehrenbezeugungen empfing“, gestand sie später ihrem Bruder Georg.
Luises Einzug in Berlin war monumental. Am Potsdamer Tor begrüßte der Polizeipräsident Eisenhart die Prinzessin im Namen des Magistrats der Stadt. Dann zog die Karawane der Kutschen zu Chorgesang und Marschmusik die Leipziger Straße und die Wilhelmstraße entlang. Beim Einbiegen in die Allee Unter den Linden konnte Luise aus dem linken Kutschenfenster das Brandenburger Tor mit der Quadriga sehen, die im selben Jahr fertiggestellt worden war. An der Einzugsroute drängten sich jubelnde Berliner. Viele von ihnen waren schon seit dem frühen Morgen auf den Beinen, um einen Platz mit guter Sicht auf das Spektakel zu ergattern. Jenseits der Festmeile war die Stadt wie ausgestorben. Die bildhübschen Schwestern Luise und Friederike – Letztere sollte einen Bruder des Kronprinzen heiraten – lächelten und winkten nach Leibeskräften. Schließlich erreichten sie das Ziel ihres Einzugs, das Berliner Schloss. Luise hatte ihre Jugend in kleineren Residenzen, in Hannover und Darmstadt, verbracht. Nun war sie im Herzen einer Metropole, im Machtzentrum einer europäischen Großmacht angekommen.
Die Hochzeit war für Luise der Anfang eines neuen Lebens, eines Lebens auf der Bühne der preußischen Monarchie. Vom Morgen bis tief in die Nacht, vom Frühling bis in den tiefsten Winter gehörte es nun zu Luises Aufgaben, als Darstellerin in jenem Theater der Macht mitzuwirken, bei dem Dynastie und Staat sichtbar und erfahrbar gemacht wurden. Luise schrieb bald nach der Hochzeit an ihre Schwester The‧rese: „Morgen ist Ball bei der Königinwitwe, übermorgen große Gesellschaft bei mir, Freitag Ball bei dem Grafen Alvensleben … Du musst wissen, dass in der vergangenen Woche am Donnerstag bei mir Ball bis morgens fünf Uhr war, am Freitag Tanz bei Alvensleben, am Sonnabend bei Podewils und am Sonntag bei dem König. Da kann man wirklich seine Seele verlieren und sein Testament machen.“ Wie sehr Luises Dasein eine Inszenierung in der in Jahrhunderten gewachsenen Symbolsprache monarchischer Repräsentation war, haben diejenigen, die Luises „Einfachheit“, „Natürlichkeit“ und „fast schon bürgerliche“ Lebensweise betonten, häufig vergessen.
Im Jahr 1793 war es keine leichte Angelegenheit, eine Monarchie wirkungsvoll in Szene zu setzen. Im Januar war in Paris der französische König Ludwig XVI. auf der Guillotine hingerichtet worden; im Oktober starb seine Gattin, die aus Österreich stammende Marie Antoinette, auf die gleiche Weise. Frankreich, das seit September 1792 eine Republik war, hatte dem Europa der „Tyrannen“ den Krieg erklärt. Mit der französischen Massenmobilisierung des Sommers 1793 begann eine Expansion der Grande Na‧tion, der die verbündeten königlichen Armeen des Kontinents wenig entgegenzusetzen hatten. Auch König Friedrich Wilhelm II. von Preußen, nun Luises Schwiegervater, war der gegen Frankreich geschlossenen Koalition beigetreten. Angesichts der aktuellen Ereignisse schien es ihm angebracht, bei der Hochzeit seines Thronfolgers ein Zeichen der guten Beziehungen zwischen Monarchie und Untertanen zu setzen. Dies erklärt eine Reihe von kleinen Abweichungen vom Zeremoniell. So betont der Bericht über das Ereignis, der 1794 als Buch erschien, dass bei der Doppelhochzeit die Ber‧liner Bürger ins Stadtschloss eingeladen worden waren. Im Gedränge konnten sich die hohen Gäste kaum noch bewegen; „aber man sah in den freudigen Blicken des Königs …, dass er sich jetzt, mitten unter allen Klassen seines Volkes, doppelt glücklich fühlte.“ Wie sehr hoben sich solche Momente der „Liebe“ zwischen Monarch und Untertanen von den grausigen Szenen in Paris ab, wo das Volk gewaltsam den Tuilerienpalast gestürmt hatte, um den König abzusetzen.





