Kaum einer anderen Herrscherin wurden so viele Biographien gewidmet, über kaum eine so viele Romane veröffentlicht und Filme gedreht wie über Katharina II. von Rußland. Die meisten geben unkritisch die Selbstdarstellung der Zarin wieder oder bieten ein Bild vorwiegend aus Anekdoten und Klatschgeschichten über ihr Liebesleben. Daß Katharinas Gemahl bei einem von ihr inszenierten Staatsstreich ums Leben kam, hat bereits die Zeitgenossen schockiert. Geboren wurde sie am 2. Mai 1729 in Stettin als Sophie Auguste Friederike Prinzessin von Anhalt-Zerbst. Ihr Vater Christian August war nach seiner Ausbildung auf der Fürsten- und Ritterakademie zu Berlin in den preußischen Kriegsdienst getreten. Die Mutter Johanna Elisabeth war eine Cousine des Herzogs Karl Friedrich von Holstein, dessen 14jähriger Sohn Karl Peter Ulrich 1742 mit dem Titel eines Großfürsten zum Nachfolger von Zarin Elisabeth (1741–1762) ernannt wurde und fortan den Namen Peter Fjodorowitsch führte. Bei der Suche nach einer geeigneten Braut für ihn schlug Friedrich II. von Preußen die Tochter seines Feldmarschalls Christian August von Anhalt-Zerbst vor – und die Zarin stimmte zu.
In Begleitung ihrer Mutter in Rußland angekommen, trat die nicht ganz 15jährige Sophie im Juli 1744 zur russisch-orthodoxen Kirche über und nannte sich nun Katharina (Jekaterina) Alexejewna. „Sobald ich sah, daß ich in Rußland festen Fuß gefaßt hatte, stellte ich die Überlegung an oder kam vielmehr zu dem Entschluß, den ich sicher keinen Augenblick aus den Augen verlor: dem Großfürsten zu ge‧fallen, der Kaiserin zu gefallen, der Nation zu gefallen. Gern hätte ich alle drei Punkte erfüllt.“ Am 1. September 1745 wurde die Hochzeit mit großem Pomp begangen. In ihren „Memoiren“ beschreibt Katharina die darauf folgende Ehe mit Peter Fjodorowitsch als einziges Martyrium, ihren Gemahl stilisiert sie darin zum lächerlichen, gleichwohl gefährlichen Despoten.
Die Großfürstin war eine junge, schöne und begehrenswerte Frau. Inmitten einer Atmosphäre allgemeiner Frivolität gab die 23jährige 1752 dem Liebeswerben des Kammerherrn Sergei Saltykow nach, und es kam zu ihrer ersten Affäre. Nach neunjähriger kinderloser Ehe gebar sie 1754 ihren Sohn Paul (1796–1801 Zar) – die Staatsräson gebot, ihn auch als Sohn des Thronfolgers anzuerkennen. Wenig später liierte sich Katharina mit dem drei Jahre jüngeren polnischen Grafen Stanislaw Poniatowski, dem späteren König Stanislaw II. August von Polen. Dieses Liebesverhältnis nahm immer mehr den Charakter eines Skandals an, als Katharina im Dezember 1757 von einer Tochter mit Namen Anna entbunden wurde, als deren Vater mit Sicherheit Poniatowski gilt.
Am 5. Januar 1762 (nach dem russischen Kalender am 25. Dezember 1761) starb die Zarin Elisabeth. Noch am selben Tag bestieg Peter den russischen Thron. Er war am Kieler Hof offenbar wenig auf die russischen Verhältnisse vorbereitet worden, sein Weltbild war vor allem von preußischen Wertmaßstäben geprägt. Der neuen Umgebung gegenüber hatte er daher eine kritische Haltung eingenommen, was ihm den Ruf der Überheblichkeit und Verachtung des Russischen einbrachte. Diesen Leumund brachten auch Katharina und ihre Günstlinge in Umlauf, die Peter zudem der männlichen Unreife und Infantilität bezichtigten. Dahinter stand die Absicht, ihn als künftigen Herrscher Rußlands zu disqualifizieren.




