„Die Schweigespirale“ – so nennt Elisabeth Noelle-Neumann, die als Kassandra vom Bodensee bekannt gewordene Demoskopin das Buch, in dem sie 1980 versuchte, so etwas wie eine Theorie der veröffentlichten Meinung zu entwickeln. Sie fasste darin die vielen Beobachtungen zusammen, die sie im Laufe ihrer systematischen Untersuchungen immer wieder gemacht hatte. Ihr war aufgefallen, dass Menschen vor allem dann beim Antworten zögern oder Hemmungen entwickeln, ihre Ansichten zu umstrittenen Themen publik zu machen, wenn es ein allgemeines „Meinungsklima“ gibt, das ihren Überzeugungen entgegensteht – heute ginge es etwa um das Asyl für Flüchtlinge, den Umgang mit Corona, die Verteilung von Impfstoffen oder den europäischen Beitrag zur Nato.
Selbst „geistreiche und gelehrte Köpfe“ verlieren „als Andersdenkende den Mut zu widersprechen“, wie Noelle-Neumann überraschend aus den Meditationen des René Descartes von 1640 zitiert, den sie ihren Lesern als frühen intuitiven Kenner der Schweigespirale vorstellt. Und die kann nicht nur Einzelne dazu bringen, mit ihrer Meinung zurückhaltend umzugehen, sondern ihr gelingt es umfassend, Themen aus der öffentlichen Diskussion zu halten, wie die Schriftstellerin Antje Rávic Strubel 2013 in ihrem Buch „Das letzte Tabu“ beschrieben hat. Sie weist in ihren Ausführungen auf Themen hin, über die niemand zu sprechen wagt, etwa die Tatsache, dass selbst Deutschland die EU-Richtlinie gegen den Menschenhandel nicht umsetzt. „Es ist schwer vorstellbar, dass in unseren freien und demokratischen EU-Ländern Zehntausenden die Freiheit entzogen wird, dass sie gehandelt werden wie Waren“, wie die EU-Innenkommissarin zu berichten weiß. Sie nennt dabei auch Zahlen, etwa die, dass in der EU jährlich 500.000 Frauen sexuell ausgebeutet und im selben Zeitraum 30.000 für diesen Zweck nach Deutschland verschleppt werden.
Inzwischen breitet sich die Schweigespirale unter dem Corona-Deckmantel an deutschen Universitäten aus, wie die Süddeutsche Zeitung zu berichten weiß. Das hat zur Gründung eines „Netzwerks Wissenschaftsfreiheit“ geführt, deren Mitglieder auf der Homepage von einem Klima der Angst sprechen, in dem „falsche Meinungen“ geächtet werden. Die Initiative prangert ein Einknicken vor dem herrschenden Mainstream an, für den bereits das 17. Jahrhundert das Wort „Meinungsklima“ kannte. Es entscheidet, wo Drittmittel verteilt und Karrieren gemacht werden. Die Schweigespirale behindert eine offene und öffentliche Äußerung der eigenen Meinung, was Noelle-Neumann als „unsere soziale Haut“ bezeichnet hat, die nötig ist, um die Gesellschaft zusammenzuhalten. Das Schweigen zerreißt sie. Man sollte über die Spirale sprechen, aber nicht in den sozialen Netzwerken. Denn ich glaube nicht, dass sie den Menschen nutzt.





