Man kann sich vorstellen, dass Max Weber seinen Vorschlag einer Entzauberung mit den neuen Kenntnissen zurückgenommen und eher ihre mysteriöse Dialektik gefeiert hätte. Aber die Soziologen, die nach ihm kamen, haben sich selbst entzaubert, indem sie vornehmlich ihr Desinteresse an der Physik verkündeten. Wenn ihre Zunft diese Trägheit überwinden könnte, würde ihr auffallen, wie oft in jüngster Zeit in den Magazinen der Wissenschaft von magischen Größen die Rede ist. In der Kernphysik kann man von magischen Zahlen lesen, die angeben, wie viele Neutronen oder Protonen im Zentrum eines Atoms sein müssen, damit das Gebilde möglichst stabil ist. Und die optischen Pinzetten nutzen eine magische Wellenlänge, was zu einer langlebigen Verschränkung von eingefangenen Molekülen führt. Als verschränkt gelten Mikroobjekte, wenn sie zwar aus mehreren Teilen bestehen, aber nur als funktionierendes Ganzes zu verstehen sind. Wobei Albert Einstein solch einen magischen Zusammenhalt als „spukhafte Fernwirkung“ nicht akzeptieren wollte.
Der Begriff der magischen Wellenlänge stammt aus dem Jahre 2003, und er tauchte in Zusammenhang mit den Bemühungen auf, immer genauere Atomuhren zu bauen. Konkret geht es hierbei um die Frequenz der elektromagnetischen Strahlung, die ein gebundenes Elektron abgibt. In die Apparatur muss Laserlicht eingestrahlt werden, das die Energieniveaus der Atome verschiebt – wobei die magische Wellenlänge wunderbarerweise diesen Effekt verschwinden lässt und die Präzision erhöht.
Wem das noch nicht zauberhaft genug ist, kann einen Blick auf den Moiré-Effekt werfen, bei dem durch das Überlagern von regelmäßigen Rastern ein weiteres periodisches Raster entsteht. Anfangs hatte man mit Graphen experimentiert, einer zweidimensionalen Struktur aus Kohlenstoffatomen, und dabei bemerkt, dass sich neben den optischen auch die elektronischen Eigenschaften des Materials ändern, wenn man übereinander liegende Gitter um einen magischen Winkel dreht. Nimmt man statt der Kohlenstoffe die hexagonale Verbindung Wolfram-Diselenid (WSE2), passiert ein Wunder. Wenn man zwei Schichten davon um einen magischen Winkel verdreht, wird aus dem Halbleiter ein Supraleiter, und die Physik kratzt sich am Kopf.
Materie steckt voller Magie und verzaubert die Menschen. Man muss nur nachschauen und daran glauben.





