Durch die „richtige Einstellung” eine Tumorkrankheit besiegen – gibt es das? Da ist manches möglich, sagen seriöse Wissenschaftler. Aber Wunder sind selten.
Wunder – gibt es sie wirklich? Der Amerikaner Reid Henson jedenfalls, Manager in der Getränke-Industrie, hat Ende der achtziger Jahre eines erlebt. Als er sich – schwer leukämiekrank – mit letzter Kraft ins Behandlungszentrum des umstrittenen Krebsarztes Carl Simonton schleppte, gaben die Ärzte ihm noch zwei Jahre. Doch danach verschwand seine normalerweise zum Tod führende Krebskrankheit vollständig.
„Der Körper hat von Natur aus die Fähigkeit, sich selbst zu heilen und den Krebs auszuschalten”, behauptet der auch als Bestseller-Autor tätige Arzt. Für 2900 Mark Gebühr erlernen die Teilnehmer seiner auch in Deutschland angebotenen Seminare „ Techniken zur Bereicherung ihres Lebens, um dadurch ihre Gesundheit zu verbessern, sowie Entspannung und Übungen für geistigen Ideenreichtum”. Läßt sich Krebs wirklich mit Psycho-Techniken besiegen? Wissenschaftlich bewiesen hat Simonton das nie. Auch der Rowohlt-Verlag, bei dem seine Bücher in Deutsch erschienen sind, versichert eilig im Klappentext, dramatische Heilungen wie die von Henson ließen sich „nicht restlos erklären und schon gar nicht garantieren”. Doch auch wenn völlige Genesung die Ausnahme bleibt:
Psychotherapie kann nach dem Stand der Wissenschaft den Verlauf von Tumorkrankheiten zumindest mildern, unter Umständen sogar den Tod hinauszögern. Das laufende Jahrzehnt „wird zweifellos ein erhebliches Interesse an der Entwicklung und Verfeinerung von psychosozialen Behandlungen sehen, die das Leben von Krebspatienten verlängern sollen”, prophezeiten 1999 Experten von drei britischen Universitäten in der Fachzeitschrift Journal of Psychosomatic Research. Oft zitiert wird die Fallstudie Fawzy. 1986 durchliefen 34 amerikanische Krebspatientinnen eine sechswöchige Gruppentherapie, in der sie Entspannungstechniken, Streßmanagement und Vorstellungsübungen lernten. Unmittelbar danach fanden sich in ihrem Blut mehr Natürliche Killerzellen sowie andere Abwehrspezialisten des Immunsystems.
Doch erst sechs Jahre später machte der verantwortliche Forscher, der Psychoneuro-Immunologe Fawzy I. Fawzy von der University of California in Los Angeles, die entscheidende Entdeckung: Nur drei Teilnehmerinnen der Studie waren inzwischen gestorben – in der gleich großen Kontrollgruppe ohne Gruppentherapie waren es zehn. Dieser Unterschied ist nicht mit Zufall zu erklären, sondern statistisch aussagekräftig.
Zu einem ähnlichen Befund kam das Team des Psychiatrie-Professors David Spiegel von der Universität Stanford: Die Überlebenszeit von Brustkrebs-Patientinnen mit Metastasen verdoppelte sich auf drei Jahre, wenn sie ein Jahr lang regelmäßig eine Gruppentherapie besucht hatten. Spiegel und seine Kollegen betrachten die bislang vorliegenden Ergebnisse vorsichtig als „vielversprechend, aber nicht endgültig”. Nicht in allen derartigen Untersuchungen erwies sich Psychotherapie als lebensverlängernd. Möglicherweise waren die Patienten bei den erfolglosen Versuchen bereits zu krank, oder die Therapie hatte fachliche Mängel. Monika Keller, Leiterin der Psychosozialen Nachsorgeeinrichtung an der Chirurgischen Universitätsklinik Heidelberg, hält die Wirkung von Psychotherapie bislang für „ zweifelhaft”. Zur Zeit laufen große Studien mit Hunderten von Brustkrebs-Patientinnen, die Klarheit schaffen sollen.
Womöglich nützt die Psycho-Methode nicht allen Patientinnen, sondern nur denen, die motiviert bei der Therapie mitarbeiten. So konnte Alastair Cunningham vom kanadischen Krebs-Institut in Ontario zunächst keinen Effekt feststellen. Doch dann analysierte er die Daten der Teilnehmerinnen, die aktiv bei der Sache waren: Diese lebten tatsächlich doppelt so lange, wie die Onkologen vorhergesagt hatten – die bei der Psychotherapie am stärksten Engagierten sogar dreimal so lange. „Wenn man die Superstars von den Fußkranken trennt, zeigt sich ein sehr starker Effekt”, kommentiert der Psychologe.
Es gibt bereits Theorien, warum eine Psychotherapie das Leben verlängern könnte. Beispielsweise könnte sie Krebskranken zu einem gelasseneren Umgang mit der Bedrohung verhelfen, weil andere Menschen in gleicher Lage ihnen den Rücken stärken. „Jetzt habe ich eine neue Mutter – meine Gruppe”, sagte eine Patientin. Wichtig ist offenbar auch, die von der Krankheit ausgelösten Gefühle zuzulassen. Während es durchaus helfen kann, die eigenen Chancen besser einzuschätzen, als sie sind (siehe Beitrag „Der Lohn der Zuversicht”), schadet es offenbar, die trotzdem aufkommenden Ängste zu unterdrücken. Das zeigt eine neue Studie der Universität Kansas.
Diejenigen Brustkrebs-Patientinnen, die offener mit ihren Gefühlen umgingen, mußten auch seltener wegen Begleiterscheinungen der Krankheit zum Arzt. Wer sich den Krebs und die mit ihm verbundenen Verluste eingesteht, „kann anfangen zu unterscheiden, was noch dem eigenen Willen unterworfen ist und was nicht – und so seine Energie auf erreichbare Ziele konzentrieren”, folgert das Forscherteam um die Psychologin Annette Stanton. Aber wie beeinflußt die Psyche das Krankheitsgeschehen im Körper? Offenbar ist das Streßhormon Cortisol im Spiel. So haben Brustkrebs-Patientinnen mit weniger Zuspruch von Freunden und Bekannten höhere Cortisolwerte. Ein dauerhaft erhöhter Cortisolspiegel aber verkürzt die Lebenserwartung. Brustkrebs-Patientinnen mit überdurchschnittlich viel Cortisol im Blut sterben früher – im Durchschnitt schon nach drei Jahren statt nach viereinhalb wie ihre Leidensgenossinnen mit normalen Cortisolwerten. Das ergab eine 2000 veröffentlichte Studie in der Zeitschrift des amerikanischen Krebs-Instituts. Zuviel Cortisol geht mit weniger Natürlichen Killerzellen einher – möglicherweise wird der Körper daher mit dem Tumor schlechter fertig.
Auch schlichte Entspannungstechniken und Vorstellungsübungen kommen dem Immunsystem zugute. Zumindest hat bei Testpersonen die Zahl Natürlicher Killerzellen und anderer körpereigener Abwehrwaffen zugenommen. Ob dies ausreicht, um einem Tumor Paroli zu bieten, muß allerdings noch geklärt werden. Eines ist jetzt schon klar: Es bringt nichts, sich heftige Angriffe des eigenen Immunsystems gegen die bösen Krebszellen vorzustellen, wie dies einige Gurus empfehlen. Das stört lediglich die Fähigkeit zur Entspannung, anstatt die Abwehrkräfte zu stärken, wie Experimente zeigen. Manche Patienten glauben: Wenn Entspannung gegen Krebs hilft, habe ich den Tumor durch zu stressigen Lebenswandel womöglich selbst verschuldet. Aber dieser Umkehrschluß ist falsch. Zwar kann Streß sich auf eine bereits ausgebrochene Erkrankung negativ auswirken. Aber: „Es gibt keine guten Belege für eine Beziehung zwischen belastenden Lebensereignissen und Krebs”, stand im renommierten British Medical Journal vor anderthalb Jahren zu lesen.
Wenn ein Mensch an Krebs erkrankt ist, kann Psychotherapie ihm zwar oft helfen – aber ihn kaum jemals heilen, wie es wunderbarerweise im Fall des Reid Henson geschah. Robert Ader, der Vater der Psychoneuro-Immunologie, stört sich daher an überzogenen Presseberichten, die mit den Hoffnungen schwerkranker Menschen Schindluder treiben. Man solle bei Versprechungen weghören, wonach man dank Psychoneuro-Immunologie – so Ader gallig – „sein Immunsystem ankurbeln sowie gesund, reich und weise werden kann”. Mit bonbonfarbenem Hokuspokus will der US-Psychologe nichts zu tun haben.
IMMERHIN MEHR Lebensqualität „Entscheidend ist nicht, den Patienten zu einem längeren Leben zu verhelfen, sondern zu einem besseren.” Das sagt ausgerechnet David Spiegel, der eine aufsehenerregende Studie zur psychologischen Lebensverlängerung bei Krebspatienten publiziert hat. Auch Prof. Uwe Koch, Direktor der Abteilung für Medizinische Psychologie an der Universität Hamburg, hielte es für eine „Fehlentwicklung”, wenn das Augenmerk nur dem puren Weiterleben der Patienten gälte: Viele Krebskranke leiden unter starken Ängsten und Depressionen. Koch schätzt, daß etwa jeder fünfte deutsche Krebspatient professionelle psychologische Unterstützung brauchen könnte.
Berge von Studien zeigen, daß dies tatsächlich nützt – „gar kein Zweifel”, resümiert der Hamburger Forscher. Schon in wenigen Gruppenstunden oder Einzelsitzungen können Patienten lernen, mit den enormen Belastungen der Krankheit besser fertigzuwerden. Noch ein Jahr nach einer kurzen Therapie leiden sie nur halb so oft an Ängsten und Depressionen wie die Mitglieder einer sich selbst überlassenen Kontrollgruppe, so das Ergebnis einer Studie mit 156 Patienten. Doch den meisten Krebsopfern wird diese Hilfe vorenthalten. Nur etwa jede fünfte Klinik hat ein entsprechendes Angebot, fand Koch bei einer Umfrage unter 1000 deutschen Einrichtungen. Dabei muß so etwas nicht viel kosten. Uwe Koch geht von etwa einem Prozent der übrigen Ausgaben aus.
Kompakt Psychotherapie kann dazu beitragen, die Überlebenszeit von Krebskranken zu verlängern und deren Lebensqualität zu verbessern. Komplette Heilungen sind durch Psycho-Techniken allerdings nicht zu erwarten.
Jochen Paulus





