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Eine für alle
Ameisen und Menschen leben in großen Gemeinschaften. Doch während wir unser Glück in verschiedenen Lebensformen suchen, folgen alle Ameisen dieser Welt einem altruistischen Verhalten als Leitmotiv. Das Kollektiv steht über allem.
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von PHOEBE KOPPENDORFER
Sie riechen den Alarm. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich das olfaktorische Signal von der Nestoberfläche aus in die weitverzweigten Gänge des Ameisenbaus. Aufregung bricht aus. Arbeiterinnen am Nesteingang haben die Angreifer als erste entdeckt und gemeldet. Sie versuchen sie aufzuhalten, bis die Soldaten kommen.
Die Angreifer sind kleine Argentinische Waldameisen, und ihre Erfolgsaussichten scheinen zunächst gering: Die Soldaten der überfallenen Ernteameise sind viermal so groß, mit kräftigen Kiefern und zum Verteidigen geboren. Doch was die Invasoren dagegen stellen, ist ihre schiere Zahl. Eine ganze Flut kleiner Sechsbeiner stürzt sich jeweils auf einen Verteidiger des Nests. Sie verbeißen sich in seinen Beinen und Fühlern. Schließlich bringen sie ihn zu Fall. So ergeht es auch seinen Kameraden neben ihm. Verteidiger um Verteidiger fällt. Immer weiter schwappt das Meer von Eindringlingen in das dunkle Nest, um der Kolonie ihr Heiligtum zu nehmen: die Königin. Anschließend transportieren die Invasoren das im Bau gelagerte Futter durch die Tunnel ab. Oder stehlen die fremde Brut, um sie als Sklaven für lästige Arbeiten groß zu ziehen.
Blutige Kämpfe und sogar Selbstmordattentate für das größere Wohl sind Alltag in der Welt der Ameisen. Wem solche Szenen aus der Menschheitsgeschichte oder auch den aktuellen Nachrichten bekannt vorkommen, ist mit diesem Eindruck nicht allein. Den Vergleich zwischen Menschen und den Formicidae zogen schon die Ameisenpäpste Bert Hölldobler und Edward Wilson. Die beiden schrieben in den 1980er-Jahren das Standardwerk „Auf den Spuren der Ameisen“.
Doch nicht nur die brutale Seite verbindet Ameise und Mensch. Zur Ameisen-DNA gehört auch so etwas menschliches wie demokratisch abstimmen und füreinander sorgen. Gewalt und Fürsorge liegen bei beiden dicht beieinander. Kommt unsere Faszination für die Sechsbeiner am Ende daher, dass wir uns in ihnen wiedererkennen?
Die Probleme ähneln sich
Ameisen könnten mit ihren sechs Beinen, ihrem Körperpanzer und scharfen Mundwerkzeugen nicht andersartiger als der Mensch sein. Zudem kommunizieren sie nicht über Laute oder visuelle Zeichen, sondern über das Absondern chemischer Stoffe aus Drüsen, welche sie mit ihren Antennen spüren und deuten können. Doch „durch ihre soziale Lebensweise müssen Ameisen ähnliche Probleme lösen wie wir“, sagt Ameisen-Expertin und Professorin der Evolutionsbiologie Susanne Foitzik. Wie kann mit so vielen Individuen auf engem Raum ein Krankheitserreger eingedämmt werden? Wie können wir effektiv die Nahrung in einem Gebiet verteilen? Wie kann eine Situation gemeinsam eingeschätzt werden? „Da sind sich die Ameise und der Mensch ähnlich“, sagt Foitzik.
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Beide haben alle Kontinente besiedelt, sich extremen Bedingungen angepasst und sind als größte biologische Kooperativen die Gewinner der Evolution. Ihr Erfolg basiert darauf, dass die Lebensweisen und Gesellschaften auf komplexen sozialen Strukturen und Arbeitsteilung basieren. Sie ermöglichen die Bewältigung anspruchsvoller Aufgaben, die allein nicht zu meistern wären.
Ähnlich wie beim Anblick der Pyramiden staunen wir über die Architektur der meterbreiten Ameisennester. Wie schaffen es die kleinen Tiere, tonnenweise Erde zu bewegen? Ganz einfach, indem alle mit anpacken. Jeder hat seine Aufgabe – wie bei den Menschen auch.
Je genauer man hinschaut, desto augenfälliger sind die Gemeinsamkeiten. Etwa in der Tierhaltung. Morgens melken Ameisen ihre Nutztiere und bringen sie auf die Weide. Nachts zäunen sie sie ein, geben ihnen Futter und schützen sie vor Beutegreifern. Nein, die Rede ist nicht von Kühen, sondern von Blattläusen und Raupen. Ameisen umsorgen sie und bekommen dafür zuckerhaltige Ausscheidungen. Ihr süßer Kot gegen Schutz – das ist der stille Deal.
Ackerbau und Viehzucht wurden nicht vom Menschen entdeckt. Die Viehzucht lässt sich vor der eigenen Haustür an der kleinen Schwarzen Wegameise beobachten. Beim Thema Ackerbau muss man etwas weiter reisen. Auf den Fidschi-Inseln etwa schneiden Ameisen der Art Philidris nagasau unreife Kaffeefrüchte auf, holen die Samen heraus und pflanzen sie in ihr Nest in den Bäumen. Wie in einer Baumschule hegen und pflegen sie sie, düngen mehrmals täglich, bis die Knollen groß genug sind, um von den Ameisen besiedelt zu werden.
In Südamerika züchten Blattschneiderameisen Pilze. Tagein, tagaus balancieren die Arbeiterinnen einer Kolonie jährlich bis zu 470 Kilogramm Blattmaterial über ihren Köpfen auf dem Weg in eine speziell temperierte Kammer im Nest. Dort zerkleinert und aufgestapelt, dient der Komposthaufen als Nahrung für den kultivierten Pilz.
So wie uns Schädlinge zu schaffen machen, haben auch die Blattschneiderameisen mit Nahrungsschmarotzern zu kämpfen. Und sie haben eine Lösung gefunden: In den Vertiefungen ihres Panzers tragen einige Ameisen Bakterien, die ein Fungizid produzieren. Dieses wird auf ihren Zuchtpilz aufgetragen und schützt ihn und das Insekt vor parasitischen Pilzen. 29 Arbeitsschritte zählten die Forscher um Flavio Roces von der Universität Würzburg beim Prozess der Pilzzucht. Unkraut jäten auf dem Transportweg, Blätter zerkleinern, gießen und das Endprodukt ernten.
Neben den Pilzgärten bestehen die manchmal metergroßen Bauten der Ameisen aus Tausenden von Kammern mit spezifischen Funktionen. Wie in einer Stadt gibt es einen Friedhof, eine Müllhalde und einen Krankenflügel. Über dem Wohnzimmer der Königin liegt die Kinderstube und eher etwas abgelegener gibt es sogar Gästezimmer für Symbiosepartner. „Jede Ameisenart baut ihre Behausungen nach einer ganz eigenen Architektur“, schreibt Roces.
Gemeinsame Entscheidungen
Man stelle sich vor: Ein Reh ist auf eine Eichel getreten, in der winzige Temnothorax-Ameisen lebten. Damit hat der ganze Staat sein Zuhause verloren, und die dringende Aufgabe für alle heißt nun: Wohnungssuche.
Hat eine Arbeiterin bei einer Erkundungstour ein möglicherweise passendes Domizil gefunden, kehrt sie zu den anderen zurück. Sie rekrutiert eine Kameradin, die ihr im Tandemlauf zu dem Fund folgt. Die Kameradin erkundet nun ihrerseits die Eichel, ihre Höhlen und Gänge und macht sich ihr eigenes Bild. Schließlich ist sie überzeugt. Zurück beim alten Nest werben die beiden Ameisen zwei neue an, um ihnen die potenzielle Wohnung zu zeigen. Wenn sie gefällt, bringen diese wiederum andere mit. Sobald mehr als etwa 20 Prozent der Schwestern die Eichel für ein gutes neues Zuhause halten, ist es beschlossen. Nicht nur Vorräte, Eier und Larven werden dann zum neuen Nest getragen, auch die Königin und die jungen Arbeiterinnen werden geschultert. Sie haben dazu nichts mehr zu sagen – es wurde abgestimmt und das gilt.
Was aber ist mit der Macht der Königin? „Der Begriff an sich ist eigentlich völlig unpassend und führt in die falsche Richtung“, stellt Susanne Foitzik klar. Wie die meisten Bezeichnungen in der Literatur über soziale Insekten wurde auch diese aus der damaligen menschlichen Gesellschaft übernommen. Als es noch Monarchen gab, ging man ganz selbstverständlich von einer Autokratie aus. Stattdessen kommt die Selbstorganisation der Ameisen jedoch eher einer Demokratie nahe. Wie etwa der Nestumzug zeigt.
Für die Gemeinschaft bis in den Tod
Alle Arbeiterinnen sind sterile Schwestern und haben nur ein Ziel: ihrer Mutter zu helfen, Nachkommen zu produzieren. So stellt sich nachts eine einzelne Ameise vor das verschlossene Nest, um bei einem Angriff Alarm zu schlagen. Wird es zu kalt oder kommt ein Fressfeind vorbei, überlebt die Wächterin ihre Arbeitsschicht nicht.
Auch Arbeiterinnen der südostasiatischen Colobopsis explodens opfern sich aktiv für die Kolonie. Durch Aufblähen ihres Körpers platzen sie auf und versprühen giftiges Sekret auf ihre Gegner. Durch dieses Selbstmordattentat werden viele Angreifer in ihrer Umgebung gelähmt oder sterben sogar.
„Ein Soldat, der sein Land verteidigt, tut dies auch, um sein Volk zu schützen“, vergleicht Susanne Foitzik. Er gibt sein Leben für andere. Er ist selbstlos. Bei uns Menschen lässt sich das Phänomen Selbstmordattentäter durch die so genannte „identity fusion“ erklären – die emotionale Verschmelzung mit der Gruppe. In der Ameisenkolonie als Familie ist dieser Impuls noch stärker.
Doch völlig willenlose Diener sind die Krabbler nicht. „Wenn man einen Angriff beobachtet“, sagt Foitzik, „sieht man, dass die einen schon weglaufen, während die anderen noch kämpfen.“ Die Tiere haben unterschiedliche Persönlichkeiten, die sich durch ihre Erfahrung mit zunehmendem Alter herausbilden. Sie lernen, wann sich das Kämpfen noch lohnt, wann es Zeit ist aufzugeben oder wann ihre Kräfte nicht mehr reichen, um noch nützlich zu sein.
Nicht nur im Kampf zeigen sich die Ameisen als eine Einheit. Auch Fürsorge und Pflege lassen sich in der Gruppe beobachten: Viele Individuen auf engem, feuchtem Raum, das ist eine Spielwiese für Keime und Pilze. Für diesen Fall haben die Ameisen ein ausgeklügeltes Notfallverfahren entwickelt. Eine befallene Arbeitergruppe isoliert sich und kommt nicht mehr mit anderen in Kontakt. Doch dann lässt sich häufig beobachten, dass die Gruppe gezielt von anderen abgeleckt und gereinigt wird. Dies wirkt als „Mini-Infektion“ wie eine soziale Impfung, erklärt die Forscherin Sylvia Cremer, Professorin am Institute of Science and Technology Austria. Sie beschreibt diese soziale Impfung als eine Erfolgsstrategie, die auch uns Menschen beim Überleben in Megastädten hilft.
Auch Megaponera analis, eine Wüstenameise in Afrika, ist auf Krankenpflege spezialisiert. Nach Kämpfen mit Termiten sammelt ein Krankentransportteam die Verletzten ein und bringt sie in den Bau zurück. Sie werden sorgfältig gereinigt und mit antibakteriellem Speichel behandelt, was die Wundheilung um einiges beschleuningt und die Überlebenschancen steigert.
Ähnlich, aber nicht gleich
Die Ähnlichkeiten zwischen uns Menschen und dem Insekt sind faszinierend.
Trotzdem sind Ameisen aufgrund ihrer festen Struktur als Familienverband nicht mit unserer heterogenen Gesellschaft gleichzustellen. „Am ehesten lässt sich das beim Menschen noch auf ein Dorf mit zwei bis drei Häusern übertragen, in dem alle von derselben Großmutter abstammen“, sagt Foitzik.
In Bezug auf die Ameisen bestehe die Gefahr, dass wir die Ähnlichkeiten überbewerten und Gemeinsamkeiten sehen, wo keine mehr sind. Dann schreiben wir ihnen Eigenschaften zu, die sie nicht haben können. Sie haben keine kognitive Wahrnehmung, Moral und reflektiertes Denken gibt es bei ihnen nicht. Foitzik warnt: „Man muss vorsichtig sein und darf nicht versuchen, ihr Sozialverhalten auf unser eigenes zu übertragen.“
Für alle Ameisen gilt die einfache Regel: Jede hat ihre Aufgabe, außer, das Ganze ist bedroht. Die Forscherin vergleicht dies mit einem Fussballspiel: „Der Torwart hat eine bestimmte Funktion. Dass er auf das Spielfeld rennt, passiert nur in extremen Situationen.“ Ebenso sei es bei den Ameisen. Es sei möglich, dass eine auf Brutpflege spezialisierte Ameise ihren Platz verlässt und mitkämpft, wenn das ganze Nest unterzugehen droht. Mehr Varianten gibt es im Ameisenleben jedoch nicht.
Wir können aber von Ameisen lernen, wenn es um Organisation, Logistik und Prozessoptimierung oder viele Menschen und Mengen geht. Ob bei der Auslieferung von Waren, der Vermeidung von Staus oder im Seuchenfall: Der erforschte Algorithmus der Ameisen hilft den Menschen schon heute.
Wenn ein Unternehmen gut organisiert ist, muss niemand mehr morgens Anweisungen verteilen, zieht Foitzik den Vergleich. Alle haben ihre Spezialgebiete wie Verwaltung oder Kundenberatung. Die Mitarbeiter sind selbstorganisiert, und jeder springt ein, wenn es nötig ist. Bedingung dafür sind allerdings Aufgaben, die jeder kennt und die weitgehend immer dieselben sind. Gibt es Veränderungen, braucht es dann doch die Kreativität und kognitive Lösungskompetenz des Menschen.
Wenn man Ameisen beobachtet, fällt noch eine verdächtig ähnliche Lebensweise auf. So finden Ameisen immer einen Weg zu uns. Sie überschwemmen unser Picknick mit einem Meer aus Beinchen und Fühlern, bilden eine Straße vom Garten in die Küche oder klettern sogar über den Balkon.
In ihrem natürlichen Ökosystem sind Ameisen die perfekten Ordnungshüter. Wenn sie jedoch in andere Ökosysteme eindringen, werden sie zum Problem. Verschleppt in den Koffern der Menschen oder als blinde Passagiere im weltweiten Handel übernehmen sie Städte, greifen andere Tiere an, rotten heimische Arten aus und scheinen unbesiegbar. Auch in Europa schließen sich Ameisen zu Superkolonien zusammen und gehen dann gegen andere Arten vor.
Es liegt nahe, hier eine Parallele zu menschlichen Eroberungskriegen und Kolonialismus zu ziehen. Doch hinter den Superkolonien der invasiven Ameisenarten steht kein größenwahnsinniger Wunsch nach Weltherrschaft. Jede Kolonie kämpft bestmöglich um ihr Überleben, das ist nur natürlich. „Ich denke nicht, dass den Ameisen, im Gegensatz zu uns, bewusst ist, wie erfolgreich sie sind“, sagt Ameisenforscherin Susanne Foitzik. Sie sind Herrscher der Welt und wissen es nicht.
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