Wenige Stunden nachdem er einen kräftigen Caffè zu sich genommen hatte, erlitt Andrea Barozzi, ein seit langen Jahren in Konstantinopel lebender Venezianer, im Frühjahr 1682 einen heftigen Fieberanfall. Bald schien Besserung einzutreten, doch in den folgenden Wochen stellten sich immer quälendere Magenschmerzen ein. Als Barozzi schließlich ärztlichen Rat einholte, war es bereits zu spät. Der Patient starb im April unter grausamen Qualen – vergiftet im Auftrag des venezianischen Senats und unter direkter Mithilfe des venezianischen Botschafters am Bosporus, Giambattista Donà. Damit endete nach über zwölf Jahren die gnadenlose Jagd auf einen Mann, den seine Heimatstadt mit unerbittlichem Hass verfolgte. Warf man ihm doch vor, durch den Verrat militärischer Geheimnisse maßgeblich zum Untergang des veneziani-schen Seereichs beigetragen zu haben.
Um die Mitte des 17. Jahrhunderts waren von diesem einst so stolzen Seereich, dem stato da mar, nur noch Bruchstücke im Besitz der Serenissima verblieben. Auf den großen Mittelmeerinseln wehte allein auf Kreta noch die Flagge des heiligen Markus. Der übrige Kolo‧nialbesitz Venedigs war nach und nach von dem expandierenden Osmanenreich erobert worden. Und die politische Großwetterlage im östlichen Mittelmeer blieb unruhig. Am 26. September 1644 kaperten sechs Galeeren des Malteserordens vor der Küste der Insel Rhodos einen türkischen Geleitzug. Derartige Überfälle zur See standen während des 17. Jahrhunderts auf der Tagesordnung, doch da sich an Bord der türkischen Schiffe eine Gattin des regierenden Sultans mit ihrem Sohn befunden hatte, stellte das Ereignis ein Politikum dar. In Konstantinopel war man gesonnen, Kapital daraus zu schlagen. Die Tatsache, dass die Malteserritter auf ihrer Rückfahrt mehrere venezianische Häfen angelaufen hatten, genügte als Vorwand, am 24. Juni 1645 ein türkisches Expeditionskorps mit über 50 000 Soldaten auf Kreta an Land zu setzen. Schon bald befand sich fast die gesamte Insel in der Hand der Osmanen, mit nur einer Ausnahme von Bedeutung: der Hafenfestung Candia, dem heutigen Iraklion. Und um diese Stadt entspann sich in der Folgezeit ein erbitterter Belagerungskrieg.
In Venedig zeigte sich der Senat entschlossen, Candia um jeden Preis zu halten. Nicht, dass die wirtschaftliche Bedeutung der Kolonie diese Entschlossenheit erzwungen hätte. Ganz im Gegenteil: Die Insel stellte für den Haushalt der Serenissima ein permanentes Zuschussgeschäft dar, und kein geringes. 1621 etwa standen Einnahmen aus Zöllen, Verpachtungen, Mieten, Steuern, Gebühren und Strafen von rund 96 000 venezianischen Dukaten Ausgaben in Höhe von mehr als dem Anderthalbfachen, nämlich etwa 240 000 Dukaten, gegenüber. Auch war es den Venezianern – als Kaufleute an Handelsstützpunkten interessiert, nicht an kolonialem Territorialbesitz – nie gelungen, eine effiziente Verwaltung der Insel einzurichten. Auf Kreta leben zu müssen galt in Venedig als eine Art von Verbannung, und die winzige venezianische Führungsschicht umfasste kaum mehr als 1000 Italiener, während auf der anderen Seite die etwa 250 000 Griechen, die auf der Insel lebten, in ihrer überwältigenden Mehrzahl die Fremdherrschaft als willkürlich und verständnislos empfanden. Man sah in den veneziani-schen Gouverneuren in der Regel „nicht Hirten, sondern Wölfe“, und so verwundert es nicht, dass die Republik bei der Verteidigung Kretas kaum auf Unterstützung durch die Einheimischen rechnen konnte, was die Lage natürlich erheblich verschärfte und die Kosten des Kampfes um die wirtschaftlich unbedeutende Insel zusätzlich in die Höhe treiben musste. Doch bei der Behauptung Kretas, soviel war dem Senat der Serenissima von Beginn der Auseinandersetzungen an bewusst, handelte es sich um mehr als eine Wirtschaftsfrage. Hier ging es um ein Symbol, ging es um den Status Venedigs als politische Macht…




