Franz Grillparzer war ein gestandener Deutschliberaler, eine intellektuelle Galionsfigur der Vormärz-Opposition und der 1848-Bewegung, für die Österreichs Befreiung vom Joch des Absolutismus mit der deutschen Einheit fast selbstverständlich verbunden war. Längst hatte er sich zwar zum glühenden Österreichpatrioten gewandelt, war aber doch im Herzen ein Deutscher geblieben. Aber er war vom österreichischen Deutschen zum deutschen Österreichern geworden, mit all den tragischen und doch faszinierenden, jedenfalls für die Zukunft schicksalhaften Facetten einer nationalpolitischen Grundsatzentscheidung. Die tiefere Begründung für diesen Wandel liegt wohl in der grundsätzlichen Identifikation mit dem Projekt des mitteleuropäischen Vielvölkerstaats. Schon 1848 in der Frankfurter Paulskirche hatte sich die Mehrheit der deutschösterreichischen Abgeordneten für diesen und gegen den deutschen Nationalstaat entschieden.
Grillparzer störte aber nicht nur die nationalpolitische Komponente der deutschen Revolution, mit der sich Bismarck verband und die er zum Erfolg führte, sondern mehr noch deren Stil oder das, was er an politischer Ethik dahinter vermutete. Als sich nach der Schlacht von Sedan 1870 die Nachricht von der Gefangennahme und Internierung Napoleons III. verbreitete, soll der Wiener Dichterfürst gehöhnt haben: “Der eine ist des andern würdiger Genoss’– / Es sperrt der Dieb den Räuber ins gestohl’ne Schloss.” Was der Spötter meinte, hat ein anderer österreichischer Bismarck-Gegner mit prophetischem Pathos, wild und haßerfüllt auf den Punkt gebracht. Ludwig von Biegeleben aus Hessen-Darmstadt war Minister in der provisorischen Reichsregierung von 1848/49 gewesen. Aus Protest gegen die kleindeutsche Wende im Frankfurter Parlament und in Deutschland ging er nach Wien und wurde als hoher Beamter des Wiener Außenministeriums unter Felix Schwarzenberg Inspirator der deutschen Politik Österreichs mit dem Ziel der Erhaltung des Deutschen Bundes. In seinen anonym in London veröffentlichten “Sonetten zu 1866” faßte er sein Argument gegen die Auffassung Bismarcks vom “Recht der Nation” in die Worte: “Der du das Wort Macht geht vor Recht gesprochen / ich sage Frevler dir, du wirst nicht sterben / eh Gott an dir im flammenden Verderben / die Ehre seines Ebenbilds gerochen.” Ein völlig unromantischer Militär hat ohne Vers und Reim das Problem ähnlich beurteilt. Der österreichische Generalstabschef Hess machte seinen preußischen Kollegen auf das prekäre Verhältnis zwischen Macht und Recht aus seiner konservativen Sicht aufmerksam: “Nun ist aber die Revolution von oben durch Euch in Mode gekommen. Wehe Euch doppelt, wenn sie Euch nach hinweggespültem Rechtsgefühl in der Flut der Zeit einmal selbst ergreift.”
Bismarck selbst waren diese Argumente geläufig. Wenn er allerdings dem österreichisch-ungarischen Botschafter in Berlin erklärte, dass er es bedaure, “der Welt das große Schauspiel der Einigung durch Teilung” geboten zu haben, dann war das nicht mehr als eine unverbindliche Floskel. Denn am Ausschluß Österreichs aus Deutschland hielt er im Interesse Preußens unverrückt fest. Was das für das Deutschtum in Österreich bedeutete, und welche Folgen die Trennung von Deutschland für die Stellung Österreich-Ungarns in Ost- und Südosteuropa bedeutete, davon hatte der “Urpreusse” offenbar keine klare Vorstellung, und ehe er in der Folge mit den europäischen Konsequenzen konfrontiert wurde, war ihm das wohl auch gleichgültig.




