Wer im heutigen Rom nach dem Kolosseum fragt, muss kaum Italienisch sprechen, um den Weg gewiesen zu bekommen. Der hoch aufragende Riesenbau verkörpert wie kein anderes Monument das antike Rom, und den prachtvollsten Blick darauf genießt man, wenn man aus der U-Bahn-Station „Colosseo“ tritt. Umso erstaunlicher, dass die Frage nach dem colosseum im antiken Rom, und hätte man sie auch im gepflegtesten Studienratslatein formuliert, ins Leere gelaufen wäre. Niemand hätte begriffen, was man suchte.
Seinen Namen „Kolosseum“ nämlich erhielt das Amphitheater erst nach der Antike. Die neue Bezeichnung markiert den ersten Zugriff des Mittelalters auf das Bauwerk. Als Kolosseum durchlebte der Bau eine ganze Reihe von Umdeutungen und damit verbundenen Umnutzungen, bis er im späten 19. Jahrhundert zu der archäologisch gepflegten Ruine wurde, die wir heute alle kennen.
Dabei hat der Name gar nichts mit der unbestreitbar kolossalen Größe des amphitheatrum zu tun, wie man es in der Antike bezeichnete. Mit den Steinmassen aber bewies der gerade erst emporgekommene Kaiser Vespasian seine Schaffenskraft nach den politischen Turbulenzen um die Nachfolge von Nero, dem letzten julisch-claudischen Kaiser. Hinter den Bogenreihen und Säulenordnungen schufen Sitzreihen und Arena ein klar gegensätzliches Herrschaftsverhältnis. Das auf den Rängen versammelte Volk beherrschte unter dem Vorsitz des Kaisers – „te praeside, Caesar“ sind die Worte des Dichters Martial – das oft grausame Geschehen in der Arena: Hier verwandelten sich mythische Szenerien in sensationelle Blutbäder, Gladiatoren kämpften um ihr Leben. Das Amphitheater war zugleich ein Bauwerk zur Trennung und zur Integration, würde man heute sagen. …
Den vollständigen Artikel finden Sie in DAMALS 08/2014.
Dr. Erik Wegerhoff




