Rentier und Mensch: Eine eiskalte Gemeinschaft - wissenschaft.de | Bild der Wissenschaft
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Eine eiskalte Gemeinschaft
Das samtig-weiche Maul des Rentiers berührt sanft meine ausgestreckte Hand – blitzschnell verschwinden die angebotenen „Leckerli“. Die Zähne des Unterkiefers und die hornigen Oberkiefer-Kauleisten zermalmen sie geräuschvoll. Dann wendet sich der flauschige Arktis-Hirsch ab und trabt auf den breiten Hufen davon. Die…
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von BETTINA WURCHE
Das samtig-weiche Maul des Rentiers berührt sanft meine ausgestreckte Hand – blitzschnell verschwinden die angebotenen „Leckerli“. Die Zähne des Unterkiefers und die hornigen Oberkiefer-Kauleisten zermalmen sie geräuschvoll. Dann wendet sich der flauschige Arktis-Hirsch ab und trabt auf den breiten Hufen davon. Die vorderen Hufklauen schlappen wie Pantoffeln über den niedrigen Bewuchs der steinigen Weide.
Seit über Tausenden von Jahren nutzen indigene Völker Rentiere.
Dank ihrer Domestizierung versorgen Herden die Menschen ganzjährig mit Fleisch, Fellen und anderen überlebenswichtigen Ressourcen.
Forschende untersuchen die anatomischen Unterschiede zwischen wilden und gezähmten Beständen.
Rentiere sind die einzigen je domestizierten Hirsche. Indigene Nomadenvölker im arktischen Eurasien zähmten die Geschöpfe des hohen Nordens und entwickelten seitdem eine ganze Rentierkultur. In Norwegen ist die Rentierhaltung ein Sami-Privileg – das Naschmaul gehört der Familie von Laila Inga.
Ihre Familie kam vor 150 Jahren aus dem nördlichen Schweden und siedelte sich dann mit ihren Ren-Herden auf der nordnorwegischen Vesterålen-Insel Hinnoya an. Laila Inga und ihre Familie erklären ihre traditionelle Lebensweise seit 2009 auch gern interessierten Touristen. Auf dem Gelände der Familie leben je nach Saison 20 bis 100 Rentiere auf eingezäunten großen Weiden. Die meisten ihrer Tiere wandern aber immer noch frei in größeren Herden weitab der Siedlungen umher, oft begleitet von einigen Hirten. Die häufige menschliche Nähe macht die Tiere zahmer und erleichtert die Arbeit mit ihnen. Im April wandern die Herden dann aus dem Inland an die Küsten. Dort ist es kühler, und die Tiere sind vor der sommerlichen Insektenplage geschützt. Dann fressen sie sich am jungen Grün satt, und die Rentiermütter kalben. Jedes Jahr im Spätsommer werden die Tiere zusammengetrieben, und ein Teil der Herde wird geschlachtet. Anschließend wandert der Rest der Herde wieder ins Inland und weidet dort im Winter die mittlerweile nachgewachsenen Flechten ab.
Das Zeitalter der Rentiere
Rentiere gehören zu den Überlebenden der letzten Eiszeit. In dieser Welt aus Schnee und Eis besiedelten sie die nördliche Hemisphäre in großen Herden, darum nennen Archäologen die Zeit von vor 11.000 bis 18.000 Jahren das „Zeitalter der Rentiere“. Die Menschen jagten sie als wertvolle Nahrungslieferanten, aber auch der warmen Felle wegen. Die Knochen und Geweihe waren begehrtes Material für die Waffen- und Werkzeugherstellung. Über Handelsrouten gelangten Rentierteile bis vor 13.000 Jahren aus den nördlichen Pyrenäen bis ins heutige Katalonien, spanische Archäologen fanden dort Nachweise einer regelrechten Geweihindustrie.
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Als es vor etwa 11.000 Jahren wärmer wurde und Wälder sich ausbreiteten, wanderten die Rentiere mit dem Abschmelzen der Gletscher nach Norden ab. Heute leben sie nur noch in den arktischen und subarktischen Gebieten Eurasiens, Amerikas, Grönlands und auf einigen arktischen Inseln. Manche Bestände machen saisonale Wanderungen von rund 5.000 Kilometern, womit sie die Rekordhalter unter den Landtieren sind.
Schon in der Vergangenheit lauerten den Rentieren auf ihren Routen zweibeinige Jäger auf. Als 2021 ein Forschungsteam an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel in der Mecklenburger Bucht in 21 Meter Wassertiefe eine fast ein Kilometer lange Reihe aus 1.500 regelmäßig aufgeschichteten Steinen entdeckte, war klar: Diese Steinmauer stammt von Menschenhand und diente vermutlich der Rentierjagd. Ganz ähnliche Strukturen waren schon aus dem Huronsee in Michigan, USA, bekannt und wurden nachweislich für die Treibjagd von Rentieren genutzt. Da die Mauer in der Ostsee in 21 Meter Tiefe lag, musste sie vor dem Ende der letzten Eiszeit und dem Meeresspiegelanstieg gebaut worden sein – also vor 11.000 Jahren. Vermutlich, um Rentiere bei ihrer saisonalen Wanderung in die Enge zu treiben und sie dann zu erlegen. Andere Jäger gruben lieber Fallgruben auf den Wanderwegen der Herden. Diese historischen Gruben wurden in Norwegen vom Mesolithikum vor 7.000 Jahren bis zur Eisenzeit genutzt, teilweise sogar bis ins Mittelalter.
Rentiere und Karibus
Die Rentiere in Europa und Asien sind von den nordamerikanischen Verwandten, Karibus genannt, schon sehr lange räumlich und genetisch getrennt – dennoch gehören beide zur Art Rangifer tarandus (R. t.). Als die europäischen Rentiere nach der letzten Eiszeit nordwärts zogen, wurden einzelne Gruppen durch Gebirge und Meeresarme oder gar auf Inseln räumlich und damit auch genetisch isoliert. So entwickelten sich seitdem mehrere Unterarten, die sich in Größe, Geweihform und Fellfärbung unterscheiden. Die kleinste ist das auf der hocharktischen Inselgruppe Spitzbergen lebende Svalbard-Rentier (R. t. platyrhynchus) mit nur 120 Zentimeter Körperlänge und 90 Zentimeter Schulterhöhe, während die größte – Osborn‘s Karibu (R. t. osborni) – bis zu 220 Zentimeter lang und 140 Zentimeter hoch wird.
Domestiziert worden sind nur die Rentiere, die Karibus hingegen nicht. In Fennoskandinavien (also der nordeuropäischen Halbinsel bestehend aus Finnland und der Skandinavischen Halbinsel sowie dem zu Russland gehörenden Gebiet Karelien und der Halbinsel Kola) gibt es zwei sich immer wieder kreuzende Unterarten: das in offenem Gelände lebende Tundra- oder Berg-Ren (R. t. tarandus) und das etwas größere Wald-Ren (R. t. fennicus), das vor allem in südfinnischen Regionen mit mehr Vegetation vorkommt.
Die meisten eurasischen Rentierbestände sind heute domestizierte oder Berg-Rentiere. Ihre Hirten entstammen den fast dreißig indigenen Völkern vom Norden Fennoskandinaviens bis zur Nordmongolei und Ostsibirien. In Europa gibt es heutzutage rund 30.000 Rentiere in Norwegen, um die 250.000 in Schweden und etwa 200.000 in Finnland. Dem stehen nur noch etwa 30.000 wilde Rentiere in Südnorwegen sowie ein kleiner Bestand in Finnland gegenüber.
Anatomie und Genetik
Irgendwann kamen die Menschen auf die Idee, Rentiere als ihre wichtigste Jagdbeute nicht mehr nur saisonal zu jagen, sondern gemeinsam mit ihnen zu wandern und sie zumindest teilweise zu zähmen. Solch eine Domestizierung von Tieren ist ein wichtiger Teil menschlicher Siedlungskultur. Mit der Zucht bestimmter körperlicher Eigenschaften wie Größe, Fellfarbe oder Beinlänge verändern sich auch die genetischen Eigenschaften einer Art. Gleichzeitig verändert die enge Tier-Mensch-Beziehung auch die menschliche Kultur.
Solche anatomischen und genetischen Marker sowie kulturelle Artefakte „erzählen“ heute Details über die Entwicklung des Zusammenlebens von Menschen und Tieren. „Bei Rentieren sind diese genetischen und anatomischen Unterschiede zwischen gezähmten und wilden Formen nur wenig ausgeprägt“, erklärt Anna-Kaisa Salmi. Die Archäologin von der finnischen University of Oulu ist am EU-Forschungsprojekt „Domestizierung in Aktion – Auf der Suche nach archäologischen Markern der Mensch-Tier-Interaktion“ beteiligt.
Ihrem Kollegen Maxime Pelletier ist es gelungen, die Knochen- und Zahnanalysen so zu verfeinern und zu erweitern, dass seinem geschulten Blick Unterschiede auffallen. Dafür analysierte der Paläontologe Knochen und Zähne von vier bereits bekannten Sami-Wohnstätten und -Marktplätzen aus dem 13. bis 19. Jahrhundert im nördlichen Finnland. Diese archäologischen Stätten sind bereits im 20. Jahrhundert ausgegraben worden. Hunderte von Rentierknochen und -zähnen sowie andere Funde werden seitdem in der finnischen Denkmalschutzbehörde in Helsinki aufbewahrt. Die meisten der historischen Knochen und Schädel waren zerfallen, einige zeigten Brandspuren. „Das ist ein Hinweis darauf, dass Rentierfleisch gegessen worden ist“, erklärt Maxime Pelletier. Das Sortieren dieser Reste war schwierig: Die Sami dieser Zeit hielten zwar kleine Herden domestizierter Tiere zum Lastentragen und Schlittenziehen, jagten aber auch weiterhin wilde Rentiere. Und der Wildbestand war aus zwei sich immer wieder kreuzenden Unterarten zusammengesetzt. Manchmal paarten sie sich zudem mit in direkter Nähe lebenden domestizierten Tieren.
Um die nur minimalen Unterschiede der Rentierreste zu erfassen, verbesserte Pelletier die Messmethode (Morphometrie). Dafür vermaß er zunächst Knochen und Zähne 123 moderner Rentiere beider Unterarten, deren Art und Geschlecht bekannt war, sowie von domestizierten Renn- und Zugtieren. Da die Vorderbeine beim Lastentragen und Lastenziehen besonders stark belastet und dadurch verformt und abgenutzt werden, lässt sich an ihnen die Domestizierung ablesen.
Mithilfe einer hochauflösenden geometrischen 3D-Morphometrie scannte Pelletier zunächst die Knochen und erfasste dann mithilfe einer speziellen Software die geometrischen Koordinaten markanter Punkte. Damit ließen sich sogar die minimalen Größen- und Formvariablen der Skelett-Elemente von Unterarten, Geschlecht sowie Zähmungsgrad feststellen. In Gefangenschaft gezüchtete Tiere hatten kleinere Knochenelemente und eine dünnere und schlankere Gestalt als freilebende. Durch die exakte Neuvermessung konnte Pelletier die Vorderbeinknochen und Zähne aus den archäologischen Fundstätten schließlich verschiedenen Ren-Gruppen zuordnen.
„Die Unterkiefer-Backenzähne gehören wegen des stabilen Zahnbeins zu den besterhaltenen Elementen in archäologischen Fundstätten“, erklärt Paläontologe Pelletier. Auch bei diesen begann er mit Scans der Zahnoberfläche von 389 modernen Ren-Exemplaren, setzte dann die Spezial-Software ein und fand ebenfalls die entscheidenden Hinweise zur Erkennung der verschiedenen Ren-Gruppen. Als nächstes analysierte er 90 Zähne aus den archäologischen Stätten. Da Pflanzenfresserzähne eine annähernd zweidimensionale Oberfläche haben, erbrachte hier bereits die kosten- und zeitsparende 2D-Morphometrie exaktere Vergleiche als je zuvor – wieder fand Pelletier sogar bei stark abgenutzten Zähnen meist noch genügend Messpunkte, um sie den verschiedenen Arten zuordnen. „Mithilfe der weiterentwickelten Analyse lassen sich also an Zähnen und Vorderbeinen sehr wohl die nur schwach ausgeprägten Domestizierungsmarker bei Rentieren nachweisen“, sagt Pelletier, der das neue Projekt „Reindeer Facing Global Environmental Change: Past, Present, Future“ leitet.
Auch die Gene bilden diese Veränderungen im Leben der Rentiere ab: Zunächst, so dokumentiert die Analyse von DNA-Proben domestizierter und wilder Exemplare aus ganz Eurasien, haben die indigenen Sami Fennoskandinaviens und die Völker Sibiriens jeweils ihre eigenen Rentierbestände gezähmt. Im Mittelalter sowie zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert veränderte sich das Genom der skandinavischen Rentiere stark: Offenbar wurden zu diesen Zeiten zahme Rentiere von Sibirien nach Fennoskandinavien eingeführt. Eine chinesisch-norwegische Forschungsgruppe fand zudem kürzlich heraus, dass das fügsame Verhalten eine natürliche Eigenschaft der Rentiere ist. Zucht und menschliche Nähe verstärkten diese Veranlagung.
Die Zähmungsgeschichte
Die Analysen der Genome, Knochen und Zähne sowie der kulturellen Artefakte wie Rentier-Geschirre und schriftliche Quellen helfen den Archäologen bei der Rekonstruktion der Mensch-Rentier-Beziehung und ermöglichen eine Chronologie ihrer Zähmung: Die Domestizierung der arktischen Hirsche begann demnach zwischen 800 und 900 n. Chr., als Sami neben der Jagd und Fischerei einige Hirsche als Nutztiere für den Eigenbedarf zähmten.
Ab 1300 n. Chr. setzten sie dann Rentiere als Zugtiere ein, wie die Altersbestimmung mittels Radiokarbonmethode einiger Knochen mit Anzeichen von Entzündungen und Knochenschäden durch schwere Arbeit belegt. Zu dieser Zeit waren die Sami noch nomadisch und ließen ihr mobiles Heim und andere Besitztümer von einigen Hirschen auf Schlitten ziehen und tragen. Weitere Hinweise auf die beginnende Domestizierung liefern die Isotopenanalysen der finnischen Forscherin Salmi. Sie zeigen, dass einige Rene ab dem 14. Jahrhundert zumindest teilweise von Menschen gefüttert wurden. Ebenfalls ab dieser Zeit veränderte sich die Siedlungsstruktur der Sami: Archäologen interpretieren die kleineren Siedlungen als mobile Camps von Rentierhirten. Ein weiterer Hinweis auf soziale und religiöse Veränderungen ist die Zunahme von Rentierresten bei Opferritualen.
Im 17. Jahrhundert gab es dann ganz unterschiedliche Ausprägungen der Rentierhaltung, wie historische Dokumente belegen. Während einige Sami nur wenige Tiere zum Eigengebrauch und als Ergänzung zum Jagen, Fischen und Sammeln hielten, gab es zunehmend größere Herden, die ein anderes Management erforderten und deren Fleisch und Milch gehandelt wurden.
Die bis 1751 übliche Wanderung der Sami-Hirten aus dem nördlichen Schweden zu ihren Sommer-Weidegründen in Norwegen wurde allerdings durch die damalige Ziehung der Grenze zwischen Norwegen und Schweden beendet. Zu der Zeit siedelte sich die Inga-Familie auf Hinnoya an, sagt Laila Inga.
Tradition und Moderne
Alle Teile der arktischen Hirsche werden verwendet: Nicht nur Fleisch, Häute und Felle, sondern auch innere Organe, Fett und Sehnen. Das Gehirn wird in einem besonderen Brot verbacken. Und vor der Verfügbarkeit von Metallen waren Knochen und Geweihe der einzige formbare Werkstoff: Die Sami schnitzten mit ihren Messern Angelhaken, Knöpfe und mehr daraus, und aufgefädelte Hufschalen wurden zu Babyrasseln. Nur gemolken werden die Tiere heute nicht mehr – Laila Inga hat es selbst vergeblich versucht.
Schon Kinder haben eigene Tiere und müssen lernen, diese mit Messer-Einkerbungen an den Ohren als ihren Besitz zu markieren. Die Ohrmarken sind wichtig, da sich die frei umherlaufenden Herden manchmal vermischen. So wachsen die Sami-Kinder in ihren Familien mit der Rentierkultur auf. In den Schulen wird weiteres Wissen über die Kultur vermittelt. Die traditionellen Methoden werden allerdings immer häufiger durch modernes Equipment ergänzt: Einige Rentiere tragen schon Halsbänder mit GPS-Sendern zur Ortung, und ihre Hirten nutzen Schneemobile.
Arktis im Wandel
In jüngster Zeit nehmen die wilden Rentierbestände in der gesamten Arktis ab, seit 2016 gelten sie als gefährdet. Forschungsergebnisse von US-Wissenschaftlern aus Studien zu Karibus und einige Arbeiten über eurasische Rentiere deuten klar auf einen Zusammenhang mit der Erderwärmung hin. Eine weitere Gefahr vor allem für wilde Rentiere ist, dass immer häufiger regionale Eingriffe des Menschen durch Bergbau, Ölförderung, Straßenbau und andere Infrastrukturprojekte als unüberwindbare Barriere den Lebensraum der Tiere zerschneiden und die Wanderrouten blockieren. Auch ihre regional starke Bejagung ist fatal. So schrumpften in den letzten Jahrzehnten die Rentierbestände gerade in Eurasien erheblich. Dies bedroht nicht nur die genetische Vielfalt der wilden und domestizierten Rene, sondern auch ihre Hirten und deren Lebensweise.
Laila Inga berichtet, dass ihre Familie die Auswirkungen des Klimawandels in den letzten 20 Jahren deutlich spürt. Die zunehmend wärmeren Sommer bekommen den arktischen Hirschen gar nicht gut. „Zwar gab es auch früher schon heiße Sommertage“, erinnert Laila Inga sich. „Aber das waren vielleicht zwei Wochen. Jetzt sind es acht Wochen.“ Die Tiere leiden unter Hitzestress, und Parasiten wie blutsaugende Insekten verbreiten sich stärker. Auch die veränderten Winter sind problematisch: Durch Tauwetter und Eisregen bilden sich feste Eisschichten, sodass die Rentiere nicht mehr an die darunter wachsenden Flechten kommen. Wilde Rentiere können in solchen Zeiten verhungern. Die domestizierten Herden müssen zusätzlich mit Pellets, Flechten oder Heu gefüttert werden – sonst verhungern auch sie.
Einst führten Sami ihre Herden bei schlechten Umweltbedingungen in bessere Regionen. So wanderten sie in Zeiten von Eis und Nahrungsarmut in Wälder oder Bergregionen, wo die Tiere Flechten äsen konnten. Heute beschränken in Fennoskandinavien Forstwirtschaft, Bergbau und Windkraftanlagen diese nomadische Lebensweise, sodass nur noch sieben Prozent der Sami als Rentierhirten leben. Als Lösung empfiehlt das EU-Projekt CHARTER eine stärkere Zusammenarbeit von Rentierhirten, Behörden und Wissenschaftlern, wie die daran beteiligte Polarforscherin Heidrun Matthes vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung erklärt. Damit können Rentierhirten auch in Zeiten der Klimakrise und der verstärkten industriellen Landnutzung bestehen. Dazu zählen neben finanzieller Kompensation auch „grüne“ Infrastrukturprojekte, die Rentieren das Überwinden von Straßen oder Pipelines ermöglichen.
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