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Eine eiskalte Eroberung
Wer heute den Südpol sucht, hat es vergleichsweise leicht, denn eine Säule markiert ihn: Rotgestreift und gut eineinhalb Meter hoch. Oben drauf steckt eine schimmernde Metallkugel. Die Konstruktion erinnert an etwas, das von einem Rummelplatz übrig geblieben sein könnte. Um sie herum reihen sich im Halbrund die…
Und viel mehr als Erfrierungen gab es dort auch nicht zu holen. Nur die Gewissheit, der Erste zu sein. Im antarktischen Sommer des Jahres 1911 hetzten zwei Männer gemeinsam mit ihren Mannschaften diesem einen Gedanken hinterher. Der Norweger Roald Amundsen und der Brite Robert Falcon Scott zogen durch die menschenfeindlichste Wüste des Planeten. Beide wussten: Ganz gleich, wie tapfer sie waren, welche Leistungen sie erbrachten, es zählte einzig und allein, wer zuerst die Flagge seines Landes am Südpol aufpflanzen konnte. Dem Sieger war ein Platz in den Geschichtsbüchern sicher.
Lesen Sie mehr vom Rennen zum Pol : Peter Laufmann Scott und Amundsen: Der tödliche Wettlauf zum Pol; Gebundene Ausgabe – 137 Seiten Verlag Frederking&Thaler; 1. Auflage(April 2011) – 24,95 €; ISBN: 3894059052 Jetzt bestellen bei AMAZON
Dabei wusste man noch kurz zuvor nicht einmal, ob es überhaupt Land gab am Südpol. Der große Südkontinent war ein Mysterium. Der Science-Fiction-Autor Jules Verne fabulierte im 19. Jahrhundert noch genauso über ihn wie der mittelalterliche Dichter Dante und 1200 Jahre früher schon der Grieche Claudius Ptolemäus. Politisch und wirtschaftlich war dieser ungastliche und gefährliche Teil der Erde die längste Zeit kaum von Interesse: Es gab keine bekannten Bodenschätze, die es auszubeuten lohnte, auch keine Völker, die bekehrt und in den Schoß der Zivilisation geführt werden mussten. Noch dazu war die Antarktis nicht einmal eine wichtige Etappe auf irgendeiner Handelsroute. Sie lag einfach abseits.
1895 sollte sie aus ihrer Abgeschiedenheit befreit werden. Im Sommer fand in London der 6. Internationale Geografen-Kongress statt. Ausgerichtet hatte ihn die altehrwürdige Royal Geographical Society, die sich als Mutter aller Entdeckungsreisenden sah. Und alles, was in der Geografie Rang und Namen hatte, war gekommen; mehr als 1500 Experten diskutierten die geografischen Fragen ihrer Zeit.
Am letzten Tag sorgte der Auftritt des Norwegers Carsten Borchgrevink für einen Skandal. Der war gerade aus der Antarktis zurückgekommen und wurde zunächst wegen unstandesgemäßer Kleidung nicht in die Tagungsräume hineingelassen. Erst mit einem geliehenen Frack gewährte man ihm Einlass. Was er berichtete, versetzte die Zuhörer in Euphorie: Er hatte als erster Mensch einen Fuß auf den Südkontinent, auf die Antarktis gesetzt. Festes Land gab es dort und Flechten, also Pflanzenwachstum. Die Geografen waren wie elektrisiert, und die Erforschung der Südpolarregion wurde kurzerhand zur Pflicht aller Nationen erklärt: “Die verschiedenen wissenschaftlichen Gesellschaften der Welt sollten sich beeilen (.), dass diese Arbeit vor Ende des Jahrhunderts durchgeführt wird”, hieß es in einer Resolution.
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Während die wissenschaftliche Gemeinde über die Antarktis diskutierte, gingen anderswo zwei Männer die ersten Schritte, die sie schließlich zum Südpol bringen sollten. Der Norweger Roald Amundsen war schon seit seiner Jugend von den Polen der Erde fasziniert und richtete sein Leben immer mehr danach aus, sammelte Kenntnisse und Erfahrungen, wo er nur konnte. Sein Ehrgeiz hatte ein fernes, einziges Ziel: Polarforscher zu werden.
Der andere Mann war nicht weniger ehrgeizig und dennoch geradezu sein menschlicher Gegenpol. Der Brite Robert Falcon Scott diente in der Marine ihrer Majestät. Der Offizier hatte eine wenig aussichtsreiche Dienstzeit vor sich. Er war nicht sonderlich begabt, er hatte nicht die nötigen Verbindungen, um auf andere Weise Karriere zu machen, und einen Krieg, in dem man sich bewähren konnte, gab es gerade nicht. Also legte er sich auf ein Feld fest, dass schon immer zu den Stärken der britischen Marine gezählt hatte: als Entdecker Ruhm und Ehre für Britannia einfahren. Seine Wahl fiel ausgerechnet auf die Antarktis. Er hatte zwar noch nie Schnee gesehen, aber solche Erfahrungen hielt er wohl für unerheblich.
Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts waren viele Länder immer wieder mit aufwendigen Expeditionen in der Südpolarregion unterwegs. Anders als heute waren das keine Reisen von Tagen oder Wochen. Es dauerte Jahre, bis man wieder aus dem Eis zurück war. Die Antarktis lag von Europa aus gesehen am anderen Ende der Welt. Alles musste mitgenommen werden, und was vergessen worden war, fehlte einfach. Die Entbehrungen waren gewaltig, und im Falle eines Scheiterns gab es weder eine Reiserücktrittsversicherung noch schnelle Hilfe. Posthum einen Orden und den Dank des Vaterlandes für die Witwen, mehr konnte man nicht erwarten. Als der Polarforscher Ernest Shackleton 1907 eine Mannschaft suchte, ließ er folgende Anzeige in die Zeitung setzen: “Männer gesucht für gewagte Reise. Wenig Lohn. Bittere Kälte. Lange Monate in kompletter Dunkelheit. Konstante Gefahr. Sichere Rückkehr ungewiss. Ehre und Anerkennung im Erfolgsfall.”
Solchen Anforderungen waren nicht viele gewachsen, und noch weniger hatten Lust, sich ihnen zu stellen. Scott und Amundsen schon. Ihre Expeditionen starteten im Sommer 1910. Schon während der Anfahrt in die Antarktis zeigte sich, aus welchem Holz die Männer geschnitzt waren. Hier der sture Offizier Scott, der auf seine Improvisationsfähigkeiten setzte, dort der skrupellose Perfektionist Amundsen, der alles seinem Plan unterordnete. Hier das Relikt eines Zeitalters, das sich auf den Glauben stützte, mit Disziplin und bester britischer Ausrüstung ließe sich alles erobern. Und dort der Macher, dem jedes Mittel recht war, um sein Ziel zu erreichen – auch wenn das bedeutete, seine Schlittenhunde zu essen. Zwei Prototypen von Expeditionsleitern – aber nur einer sollte seine Heimat wiedersehen.
Die Briten hielten sich für auserkoren, den Südpol als Erste zu erobern. Scott und sein Landsmann Ernest Shackleton hatten auf früheren Expeditionen den Boden bereitet. Und so brach Scott im Sommer 1910 siegesgewiss gen Süden auf. Der Norweger Amundsen machte sich ebenfalls 1910 auf den Weg. Allerdings spielte er ein falsches Spiel; er ließ alle in dem Glauben, er würde zum Nordpol fahren – für diese Expedition hatte er Gelder bekommen. Um dann die ganze Welt zu überraschen, indem er versuchte, den Briten den Südpol streitig zu machen.
Beide Expeditionen landeten am Rand der Antarktis und zogen nach Monaten der Vorbereitung im antarktischen Frühling 1911 aufs Eis, Amundsen mit Schlittenhunden und einem genau festgelegten Plan, wann er was an Ausrüstung und Proviant brauchen würde. Seine Männer waren kälteerprobt und hatten monatelang an ihrer Ausrüstung und ihren Fähigkeiten gefeilt. Für die Norweger war es fast ein Spaziergang, und ihr Einsatz hatte sich gelohnt: Am 14. Dezember 1911 stand das norwegische Team auf 90 Grad Süd. Amundsens Strategie war aufgegangen.
Scott war zu diesem Zeitpunkt noch Hunderte Kilometer vom Pol entfernt. Er hatte von Anfang an gleich mit mehreren Problemen zu kämpfen. Die Engländer setzten auf die vereinte Kraft von Motorschlitten, Ponys, ein paar Hunden und ihren Muskeln. Weil die Motorschlitten sich aber bald als untauglich erwiesen, die Ponys an Erschöpfung und Kälte starben und auch die Hunde nicht sinnvoll eingesetzt wurden, zogen die Männer ihre Schlitten schließlich selbst. Im Schneckentempo kamen sie vorwärts und verbrauchten nicht nur zu viel Zeit, sondern auch zu viel Proviant und Brennstoff.
Doch dank eiserner Disziplin und Durchhaltewillens gelang auch ihnen die beschwerliche Reise. Am 18. Januar allerdings war alle Hoffnung dahin: Sie stießen auf Ausrüstung und Zeltmaterial. Die Norweger hatten ihnen den Pol weggeschnappt! “Alle Gedanken, die in uns aufstiegen, alle Worte, die fielen – alles endete mit dem einen furchtbaren: zu spät!” notierte Scott und setzte noch einen geradezu prophetischen Satz darunter: “Mir graut vor dem Rückweg.” Die Kälte, der Nahrungs- und Brennstoffmangel forderten ihren Tribut. Am 20. März waren sie zwar nur mehr 18 Kilometer vom rettenden Depot entfernt, doch die Strecke war für die entkräfteten Männer trotzdem viel zu weit. Niemand weiß, wie die letzten Stunden von Scott und seinen zwei verbliebenen Begleitern ausgesehen haben. Wahrscheinlich sind sie nach den Qualen einfach eingeschlafen und vom Schlaf in den Tod hinübergesunken. Scotts letzter Tagebucheintrag irgendwann am 27. März 1912 lautete: “Kümmert euch um Himmels willen um unsere Hinterbliebenen.”
Hundert Jahre ist es inzwischen her, dass der Norweger den Südpol erreicht hat und sein Rivale dabei zu Tode kam. Aber die Antarktis hat nichts von ihrer Faszination verloren. Doch während der wagemutige Forscher früher die hohe Wahrscheinlichkeit des eigenen Todes einplanen musste, kann man heute diese hintersten Winkel des Planeten als Pauschaltourist besuchen. Die Wildnis lockt immer mehr Besucher an, die nichts als das reine Vergnügen in die Kälte treibt. Sie wollen nichts erobern, keinen Ruhm mit heimbringen, sondern allenfalls grandiose Fotos und einmalige Erinnerungen. Sie besuchen Pinguine und Robben, baden in Thermalquellen – und die ganz Mutigen tauchen auch schon mal in die eisigenWellen des Polarmeeres. Mehr als 30000 Touristen kamen allein 2010 in die Antarktis, viele von ihnen Deutsche.
Die Antarktis hat zwar ihre Exklusivität eingebüßt, ihre Faszination aber noch lange nicht. Forscher sind heute noch auf der Suche nach neuen Geheimnissen. Immer wieder hält der Kontinent Überraschungen bereit. Schon der Packeisgürtel hatte die ersten Besucher überrascht, genauso wie die Vulkane im ewigen Eis. Die ersten Landgänger und Entdecker stießen auf Pflanzen, denen niemand zugetraut hätte, dass sie in dieser Eiswüste überleben könnten. Immer wieder finden Wissenschaftler Unglaubliches: Algen, die tief im Sandstein geschützt gedeihen, und Seen, die seit Urzeiten unterm Eis verborgen sind. Der Wostok-See ist der bekannteste der mehr als 160 bislang entdeckten. Unter einer 3700 bis 4300 Meter dicken Eisschicht verbirgt sich diese Süßwasserblase seit mindestens 420 000 Jahren. Aufgrund des hohen Drucks des darüber liegenden Eises friert das minus drei Grad kalte Wasser nicht. Eine Zeitkapsel, vor Jahrtausenden verschlossen.
Im diesjährigen antarktischen Frühling ist wieder eine britische Expedition unterwegs, diesmal, um die unterirdischen Seen zu erkunden. Ihre Gerätschaften wie Heißwasserbohrer und Probenbehälter wurden dazu sterilisiert und keimfrei verpackt. Erst vor Ort, im quasi letzten Moment werden sie ausgepackt – zu leicht könnten eingeschleppte Mikroben ein einzigartiges Ökosystem unwiederbringlich zerstören.
Um die Jungfräulichkeit des Südkontinents zu erhalten, unterzeichneten am 1. Dezember 1959 zwölf Länder den Antarktisvertrag, der 1961 in Kraft trat. Er gilt als ein Meilenstein internationaler Diplomatie. Seit damals haben 33 weitere Länder den Vertrag unterschrieben, die DDR 1974, die Bundesrepublik 1979. Der Antarktisvertrag regelt im Grunde drei Dinge: Die Nationen stellen ihre Gebietsansprüche zurück. Militärs verzichten auf Kriegsspiele jeder Art. Und schließlich werden die Bodenschätze nicht an-gerührt. Zumindest bis zum Jahr 2041, dann kann mit Dreiviertel-Zustimmung der stimmberechtigten Unterzeichnerstaaten neu entschieden werden.
Im Laufe der Jahrzehnte ist der Umweltschutz durch weitere Abkommen verbessert worden. Aber trotz der vielen feierlichen Verträge leidet die Antarktis an Zivilisationskrankheiten. Ölfässer liegen herum, Fahrzeug-teile, Müll jeder Art (in der Nähe der McMurdo-Station fand man auf dem Meeresboden mehr leere Bierdosen als Schwämme!), Abgase und Abwässer – unberührt ist die Antarktis lange nicht mehr. Doch auf vielen Stationen hat immerhin ein Umdenken begonnen. Der Grundsatz lautet: “Lassen Sie die Antarktis so zurück, wie Sie sie gerne vorfinden möchten.”
Die Helden von einst sind längst gestorben, Amundsen ist im Nordpolarmeer verschollen. Scott blieb im Eis des Südens. Über ihm und seinen Kameraden wurde ihr Zelt zusammengefaltet, man häufte Schnee darüber und setzte ein Kreuz aus Skiern obendrauf. Irgendwann werden die Leichen mit dem Eis ins Meer driften und dort ihr endgültiges Grab finden. Charley Bentley, ein Glaziologe der Universität Wisconsin, schätzt, dass sie mittlerweile unter einer 23 Meter dicken Schicht Schnee liegen und fast 50 Kilometer mit dem Schelfeis gewandert sind. Bei diesem Tempo erreicht Scott das Meer in gut 265 Jahren. In einem Eisberg gefangen.
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