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Eine doppelte Überraschung
Ihre Spuren sind unübersehbar. Schon von der Alten Brücke aus erkennt man gefällte Weidenstämme, deren kahle Spitzen jetzt im Fluss liegen. Näher dran, am Ufer, gibt es weitere Hinweise: blank genagte Äste und grobe Holzspäne. Ihre blassgelbe Farbe steht in starkem Kontrast zum grauen Neckarwasser. Die Splitter sind…
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von KURT DE SWAAF
Ihre Spuren sind unübersehbar. Schon von der Alten Brücke aus erkennt man gefällte Weidenstämme, deren kahle Spitzen jetzt im Fluss liegen. Näher dran, am Ufer, gibt es weitere Hinweise: blank genagte Äste und grobe Holzspäne. Ihre blassgelbe Farbe steht in starkem Kontrast zum grauen Neckarwasser. Die Splitter sind zum Teil mehr als daumenlang und sehr frisch, der Baum daneben wurde offenbar noch letzte Nacht bearbeitet. Das Holz zeigt Kerben wie von einem schweren Meißel – da muss ordentlich Kraft im Spiel gewesen sein. Menschen indes waren hier nicht am Werk. Das ganze Bild verrät eindeutig vierbeinige Urheber. Denn er ist wieder da, einer der besten Baumeister und Europas größtes Nagetier: der Biber.
In der Heidelberger Altstadt haben die Heimkehrer sogar direkt am Neckarleinpfad eine Biberburg gebaut – mit bestem Blick auf das weltberühmte Schloss. Die Spaziergänger und neugierigen Hunde stören die Tiere kaum. Vor allem an schönen Sommerabenden lassen sich die Biber gut beobachten. Sie sitzen dann zwischen den Bäumen und knabbern genüsslich am saftigen Grün. Entgegen ersten Befürchtungen mancher Anwohner haben die Nager den Uferbereich auch nicht entwaldet. Ein paar besonders schöne, alte Weiden wurden von der Stadtverwaltung mit Manschetten aus Drahtgeflecht geschützt, und die Schwarzerlen schmecken ihnen eh nicht – zu viel Gerbsäure.
Dass sich die bis zu 35 Kilo schweren Vierbeiner so nah bei den Menschen niederlassen, überraschte auch Experten. Der Burgbau zu Heidelberg erfolgte bereits vor Jahren, und seitdem sind dort schon mehrere Würfe Jungtiere aufgewachsen. „Man hat die Anpassungsfähigkeit des Bibers früher falsch eingeschätzt“, sagt Ulrich Weinhold, Biologe und Biberbeauftragter des Regierungspräsidiums Karlsruhe. Die auch unter dem zoologischen Namen Castor fiber bekannte Art sei offensichtlich sehr flexibel. Sie galt einst als überaus scheu. Womöglich war das der gnadenlosen Verfolgung geschuldet. Denn Biber wurden jahrhundertelang intensiv gejagt. Ihr Fell, Fleisch und das sogenannte Castoreum oder Bibergeil, ein stark riechendes Duftsekret aus den keulenförmigen Beuteln unter dem Schambein der Tiere mit angeblich medizinischer Wirkung, erzielten gute Preise. Die Folgen waren verheerend. Mitte des 20. Jahrhunderts stand der Eurasische Biber kurz vor dem Aussterben. Es gab nur noch rund 1.200 wild lebende Exemplare, verteilt in isolierten Restpopulationen zwischen Frankreich und Zentralasien. Doch dann griff der Artenschutz ein.
In Deutschland, wo sie nach 1910 nicht mehr gejagt werden durften, hatten etwa 190 Biber in einem Refugium an der mittleren Elbe überlebt. Mit Tieren aus diesem Bestand plus Importbibern französischer, skandinavischer und russischer Herkunft wurden ab den späten 1960er-Jahren Wiederansiedlungen durchgeführt. Das gelang erstaunlich gut. Die Großnager fassten Fuß und breiteten sich weiter aus, vor allem in Bayern und dem Nordosten. Auch in anderen europäischen Staaten holte man Castor fiber wieder heim. Heute wird die Gesamtpopulation global auf über 1,5 Millionen Exemplare geschätzt, und ihre Zahl nimmt weiter zu. Ein Riesenerfolg.
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Naturschützer mögen des Bibers Rückkehr vielerorts initiiert haben, die großflächige Wiederbesiedlung jedoch nehmen die Tiere selbst in die Hand. Das war laut Stefan Merker schon vor Jahrzehnten der Fall. Überall, wo die Jagd gestoppt wurde, begannen verbliebene Biber sich langsam wieder auszubreiten. Ihre Anpassungsfähigkeit machte es möglich. „Sie brauchen keine natürlichen Habitate, die machen sie sich selbst“, so der Biologe vom Staatlichen Museum für Naturkunde in Stuttgart.
Welche Dynamik die Ausbreitung der Großnager entwickeln kann, zeigt sich gut am Beispiel Russlands. Die dortigen Restpopulationen sind selbstständig in riesige Gebiete zurückgekehrt. Im europäischen Teil der Föderation, mit Ausnahmen der Tundra und der südlichen Steppen, ist Castor fiber fast überall wieder präsent. Aus Moskau und Sankt Petersburg werden Stadtbiber gemeldet, und in Sibirien dringen die Biber jährlich um bis zu 40 Kilometer vor. Knapp die Hälfte des Gesamtbestandes an Eurasischen Bibern lebt derzeit in Russland. Die Tiere dürfen dort inzwischen wieder legal gejagt werden.
Molekulargenetische Siedlungsstudien
Zurück nach Deutschland, wo Stefan Merker und seine Kollegen die Wiederbesiedlung im Südwesten vor einigen Jahren mithilfe der Molekulargenetik untersucht haben. Das Team analysierte dazu das Erbgut mehrerer Hundert Biber aus Baden-Württemberg. Die Ergebnisse zeigten ein interessantes Muster. Viele Exemplare aus der Main-Tauber-Region im Norden des Bundeslandes sind recht nah mit ihren Artgenossen von der Elbe verwandt. Merker vermutet, dass es sich hierbei um Nachkommen von einst im Spessart ausgewilderten Elb-Bibern handelt. Die Main-Tauber-Population weist allerdings zusätzliches Erbgut aus anderen Quellen auf. Wahrscheinlich haben sich die Tiere mit Bibern aus Bayern, die westwärts gezogen waren, gekreuzt. Der Studie zufolge wanderten Letztere offenbar auch in den Osten Baden-Württembergs ein – aus dem Donau-Einzugsgebiet quer über die europäische Hauptwasserscheide hinweg. „Das passiert häufig“, sagt Merten. „Es ist keine große Grenze für sie.“
Die weitere Ausbreitung gen Westen ging schnell. „Der Untere Neckar ist schon durchbesiedelt“, berichtet Biologe Weinhold. Die Biber folgten einfach dem Fluss stromabwärts und haben derweil den Rhein erreicht. Dort warten, im Gegensatz zum Neckar, viele Auwälder und Altarme auf die Heimkehrer. Erstklassige Lebensräume. Denn trotz ihrer Anpassungsfähigkeit finden die Tiere anderswo in Südwestdeutschland nicht immer geeignete Reviere. Viele Gewässer sind laut Weinhold zu stark verbaut oder haben in Ufernähe zu wenig Gehölze. Und in den Bachoberläufen sei das Gefälle oft zu steil. Wenn aber ein Mindestmaß an Voraussetzungen erfüllt ist, machen sich die Vierbeiner an die Arbeit. „Sie können einen Wasserlauf komplett umgestalten“, so Weinhold. Meistens profitiert die Natur davon in mehrfacher Weise, doch nicht jeder ist darüber erfreut.
Ärger auf dem Acker
Wie Castor fiber in die Landschaft eingreift, lässt sich geradezu mustergültig an einem Bach rund zwölf Kilometer südöstlich von Heidelberg bestaunen. Das Gewässer ist nur zwei, drei Meter breit und größtenteils eingerahmt von Ackerflächen. Der Landwirt hat eine Vernässung seiner Felder gemeldet. Jetzt soll Weinhold zusammen mit einer örtlichen Biberberaterin den Schaden inspizieren. Weiden und Erlen säumen die Ufer, im Geäst wirbelt ein Zaunkönig herum. Obwohl die Burg knapp 600 Meter weiter stromabwärts liegt, ist hier schon ein erster Damm zu sehen. Das tierische Bauwerk wurde allerdings halbiert, den Rest hat jemand unerlaubterweise wieder abgetragen, damit das Wasser schneller fortkommt. Dann zeigt der Bauer auf ein seltsames Loch im Acker. Kristallklares Wasser quillt daraus hervor und fließt überirdisch ab. Eigentlich sollte das unter der Erde bleiben, meint der Landwirt. „Wenn unsere Drainagen nicht mehr laufen, haben wir ein grundsätzliches Problem.“ Der Boden kann dann kein Wasser mehr abgeben, Staunässe entsteht und gefährdet die Erträge.
Weinhold kennt die Ursache. „Die Biberdämme stauen nicht nur den Bach an, sie heben auch das Grundwasserniveau“, erklärt er. „Und die Drainageröhren liegen hier so tief, dass sie schon bei gering angestiegenem Pegel volllaufen.“ Der unterirdische Abfluss stockt. Doch die Umfelder von Gewässern seien ohnehin Retentionsräume, gibt Weinhold zu bedenken. Im Naturzustand speichern sie Wasser zeitweilig, was in Zeiten des Klimawandels wünschenswert ist. Dauerhaft trocken werden solche Areale nur durch menschliche Eingriffe.
Der Bauer indes fürchtet, das Feld bald nicht mehr mit dem Traktor bearbeiten zu können. Auch die Biberburg selbst scheint ihm ein Dorn im Auge zu sein. Ein paar dünne, am Rand aufgestapelte Stämme ragen in die Ackerfläche hinein. „Die kann man wegmachen“, sagt Weinhold. Aber der Bau selbst dürfe nicht angetastet werden. Streng geschützt. Der Landwirt schüttelt irritiert den Kopf und spricht von „Enteignung“.
Die positiven Auswirkungen des Biberfleißes zeigen sich wenige Schritte vom Familienwohnsitz der Großnager entfernt. Dort liegt der Hauptdamm. Das angestaute Wasser ist über die Ufer getreten und hat einen kleinen, bereits verzweigten Seitenarm gebildet. Es gibt Sandbänke, Rinnen und Gleitufer – wie im Lehrbuch für Gewässerökologie. Mittendrin mündet zudem ein Tunnel, den die Biber vom Bach aus hierher gegraben haben. Die Verbindung schafft zusätzlichen Durchfluss und erhöht damit die Dynamik.
Der Uferbereich ist an dieser Stelle komplett im Umbruch. Ließe man der Entwicklung freien Lauf, entstünde hier nach wenigen Jahren ein natürlicher Bach-Nebenlauf. Das wäre ein idealer Lebensraum für Fischbrut, bestimmte Wasserinsekten und anderes Getier. Sumpfpflanzen kämen auf, Röhricht würde sprießen. Die Geburt eines neuen Biotops sozusagen. Deutschland hinkt bei der Umsetzung der EU-Wasserrahmenrichtlinie gewaltig hinterher, und die notwendigen Renaturierungsmaßnahmen werden noch viele Millionen Euro kosten. Castor fiber indes macht das praktisch zum Nulltarif.
Biber und Biodiversität
Die wissenschaftliche Fachliteratur hält inzwischen diverse Studien zum Einfluss von Bibern auf Ökologie und Biodiversität bereit. So erhoben zuletzt 2022 Experten im Nationalpark Bayerischer Wald die Artenvielfalt im direkten Umfeld von Biberteichen, sprich der angestauten Gewässerabschnitte, und verglichen diese mit der Inventur weiter entfernter Bereiche. Die Ergebnisse zeigen klare Unterschiede. Zwar verfügen auch die anderen Wald- und Flussareale über eine reiche Biodiversität, doch von den insgesamt 1.166 erfassten Tier- und Pflanzenspezies kommen 196 ausschließlich in den bibergeprägten Biotopen vor. 76 dieser Arten stehen auf der Roten Liste. Völlig überraschend fanden die Forscher an den Teichen auch ein Exemplar des Blatthornkäfers Psammoporus sabuleti. Der gilt in Deutschland seit 1922 als ausgestorben. Ebenfalls bemerkenswert ist das Auftreten der Waldbirkenmaus (Sicista betulina), eines der seltensten Säugetiere Mitteleuropas, im Nationalpark. Die nur fünf bis zehn Gramm wiegenden Vierbeiner wurden dort nur in der Nachbarschaft der Biber angetroffen. Deren Renaturierungsarbeit scheint die Mäuse anzuziehen.
Den Bauer am besagten Bach bei Heidelberg lassen solche Berichte eher kalt. Er hat den teils beschatteten Feldstreifen neben dem Hauptdamm schon vorher stillgelegt, befürchtet nun aber, der Bereich könnte sich in einen „Naturraum“ verwandeln und ihm dann als Ackerland abgesprochen werden. Viele Landwirte kämpfen um jeden Quadratmeter Fläche. Ulrich Weinhold weist auf die staatlichen Fördermaßnahmen zum Schutz vor Biberschäden hin. Für Biotop-Pflege gibt es zusätzliche Mittel. Vielleicht könnte man das vernässte Areal offiziell zur Renaturierung umwidmen. Der Bauer wirkt noch nicht überzeugt. Er dürfe einige Nebendämme abbauen, erklärt Weinhold ihm. Damit die Drainagen wieder freikommen. Zusätzlich soll eine Abflussrinne neben dem Hauptdamm eine moderate Absenkung des Bachpegels ermöglichen. Soweit die Kompromisslösung.
Der Schaden sei eigentlich gering, resümiert Weinhold nach dem Treffen. Dass sich Landwirte trotzdem so oft über den Biber ärgern, habe wohl auch tiefere Gründe. Der Mensch meine, nur er dürfe in die Landschaft eingreifen. „Man möchte nicht akzeptieren, dass jetzt noch ein anderer Akteur da ist“, sagt Weinhold. In manchen Fällen könne es aber schon ernsthafte Probleme geben, berichtet er. Die Großnager lassen sich gern an Fisch- oder Angelteichen nieder. Wenn sie dort in den Deichen graben, drohen die künstlichen Gewässer mitunter leerzulaufen. Da müsse dann gegengesteuert werden. Auch sonst begegnen Angelvereine Bibern häufig mit Skepsis. Einige Angler befürchten gar, er würde Fische fressen. „Stimmt nicht“, betont Weinhold. „Biber sind reine Vegetarier.“ Auf ihrem Speiseplan stehen fast alle Arten von Grünzeug, vor allem während der wärmeren Jahreshälfte. Im Winter ernähren sich die Vierbeiner hauptsächlich von Rinde. Dafür werden auch ganze Bäume gefällt. Den bevorzugten Weiden schadet das übrigens kaum. Sie treiben immer wieder aus und bilden so dichte Büsche mit vielen frischen Zweigen.
Fische und Fischer brauchen also keine Angst zu haben. Im Gegenteil: Durch das Wirken des Bibers verbessert sich die Strukturvielfalt – wie der Beispiel-Bach bei Heidelberg zeigt. Und davon profitieren auch Forelle, Hecht und Co. Ihre Lebensräume werden regelrecht aufgewertet. Solche positiven Effekte wurden bereits wissenschaftlich aufgezeichnet. Die mitunter vorgebrachte Sorge, Biberdämme könnten die Durchgängigkeit von Fließgewässern unterbrechen und damit Fischwanderungen blockieren, scheint ebenfalls kaum gerechtfertigt. „In der Regel gibt es ein Umgehungsgerinne“, sagt Weinhold. Allerdings könne sich die Zusammensetzung der Fischfauna lokal ändern, weil Biberteiche als strömungsarme Habitate von manchen Arten eher gemieden und von anderen Spezies gezielt aufgesucht werden. Erfahrene Angler wissen auch: Gerade große Forellen kreuzen gern in tiefen, stillen Abschnitten herum. Die von Biberdämmen angestauten Bereiche können Fischen zudem als Rückzugsraum dienen, falls es in Trockenperioden mal wieder an Wasser mangelt. In Zeiten des Klimawandels ist das ein echter Vorteil.
Die Rückkehr der Fischotter
Quasi an der Seite des Bibers, aber viel heimlicher, kehrt derweil noch ein anderer Vierbeiner zurück. Der wiederum hat durchaus Appetit auf Fisch. Gemeint ist Lutra lutra, zu Deutsch der Fischotter. Die eleganten Wassermarder haben eine ähnliche Leidensgeschichte wie die Großnager hinter sich. Sie wurden gnadenlos verfolgt und in Teilen Europas ausgerottet. Nun erholen sich die Bestände. Die Fischotter konnten sich unter anderem in dünnbevölkerten Regionen der ehemaligen DDR halten und haben sich inzwischen in fast ganz Ostdeutschland ausgebreitet. Auch in Niedersachsen ist die Wiederbesiedlung schon gut vorangekommen. Süddeutschland bleibt dagegen noch weitgehend verwaist – mit Ausnahme des Bayerischen Waldes.
Am spektakulärsten verlief die Rückkehr in Österreich. Dort gingen die Tiere vom Grenzgebiet zu Tschechien aus auf Wanderschaft und kehrten inzwischen in fast alle Bundesländer heim. Bis nach Tirol hinein sei das Land wieder durchbesiedelt, erklärt der Grazer Wildtierökologe und Fischotterexperte Andreas Kranz. Die Alpen sind ihnen offenbar kein Hindernis. „Seit 2019 haben sich die Wassermarder in der Ostschweiz bei St. Moritz niedergelassen“, berichtet Kranz. Vermutlich folgten sie dem Inn stromaufwärts.
Neben dem Schutz und den damit einhergehenden Jagdverboten ist auch beim Fischotter die Anpassungsfähigkeit der Schlüssel zu seinem Erfolg. Ein internationales Forscherteam hat das räumliche Verhalten der Tiere im Alpenraum untersucht. Die Wissenschaftler statteten dazu mehrere Exemplare mit Peilsendern aus und konnten so deren Bewegungen in der Landschaft verfolgen. Keine einfache Aufgabe. „Otterreviere sind ziemlich groß“, wie Andreas Kranz, der maßgeblich an den Studien beteiligt war, erläutert. Weibchen beanspruchen Flussabschnitte von 10 bis 20 Kilometer Länge. Bei den Männchen kann der Aktionsradius sogar mehr als 50 Kilometer betragen. Den Menschen meiden die Tiere nicht unbedingt, solange es genug Ruheplätze gibt. „Bei uns in Mitteleuropa jagt der Fischotter hauptsächlich nachts“, sagt Kranz. Tagsüber werde geschlafen. „Dazu muss in Ufernähe eine gewisse Deckung vorhanden sein.“ Vor allem Brombeerdickichte seien ideal.
Interessanterweise zeigen die Tiere keine Präferenz für naturnahe Flussabschnitte gegenüber begradigten Strecken – eher das Gegenteil ist der Fall. Ein unerwartetes Ergebnis. Kranz und seine Kollegen sehen darin eine Orientierung am Nahrungsangebot. Die meisten österreichischen Alpenflüsse sind mehr oder weniger verbaut, und das wirkt sich stark negativ auf die Fischbestände aus. Zum Ausgleich führen Gewässerpächter regelmäßig Besatzmaßnahmen durch. Sie setzen dabei hauptsächlich Zuchtforellen aus. Solche künstlich aufgezogenen Tiere sind den Wassermardern leichte Beute. „Die kennen den Lebensraum nicht, haben keine Kondition, und kennen auch keine Fressfeinde“, so Kranz.
Den Fischottern ist das natürlich mehr als recht. Sie können sich dank Besatz ohne großen Aufwand die Bäuche vollschlagen. In den kanalisierten Flussstrecken fehlt es den Fischen zudem an Unterständen und Verstecken. Leichter kann man es den Ottern nicht machen. Renaturierung würde die Situation wahrscheinlich verbessern. Es gäbe mehr natürlichen Fischnachwuchs, Biodiversität und Strukturvielfalt. Vielleicht hilft auch da der Biber.
Fragwürdige Otterjagd
Der Anglerzunft ficht das alles kaum an. Sie ruft schon seit Jahren nach Schusswaffengebrauch und hat damit auch Erfolg. In den meisten österreichischen Bundesländern ist der Abschuss inzwischen legal. Für 2023 legten die Behörden eine Gesamtabschussquote von 224 Exemplaren fest. Die wurde jedoch nicht erfüllt. „Aber es kommt schon zu einem Rückgang“, sagt Wildtierökologe Kranz. So bremse zum Beispiel die Bejagung in Kärnten die weitere Ausbreitung der Fischotter nach Nordostitalien in Richtung Tagliamento aus – Europas letztem großen, fast unberührten Alpenfluss. Der wäre ein erstklassiger Lebensraum.
Ob die wieder aufgenommene Otterjagd gegen EU-Recht verstößt, wird gerade diskutiert. Und eine juristische Klärung ist langwierig, erklärt Kranz. Doch abgesehen davon sei der Abschuss auch nicht mit dem Tierschutz und waidmännischen Überzeugungen zu vereinbaren. Otterweibchen können im ganzen Jahr Nachwuchs bekommen. In freier Wildbahn lassen sie sich nicht von ihren männlichen Artgenossen unterscheiden. Wird so ein Muttertier erschossen, müssen ihre Jungen verhungern.
Ein immer wieder vorgebrachtes Argument für sogenannte bestandsregulierende Maßnahmen ist, dass Biber und Fischotter keine natürlichen Feinde hätten. „Für Erstere stimmt das weitgehend“, erklärt Ulrich Weinhold. Aber die Sterblichkeit im Straßenverkehr sei sehr hoch, vor allem bei abwandernden Halbwüchsigen. Der Biberbestand reguliere sich im Wesentlichen also selbst, betont der Experte. Die Tiere verteidigen ihre Reviere gegen fremde Artgenossen. Wer also keinen freien, geeigneten Platz findet, muss weiterziehen. Dies verhindert überhöhte Populationsdichten.
Ähnlich funktioniert das auch beim Fischotter. Er hat zwar Seeadler, Luchs und Wolf zum Feind. Aber die natürliche Bestandsregulierung findet fast ausschließlich über das Nahrungsangebot statt. Und auch Otter werden überfahren. In den Ostalpen leben derzeit bis zu vier Exemplare auf 100 Quadratkilometern. Vielen Hobbyfischern mag das zu viel sein, aber aus wissenschaftlicher Sicht entspricht diese Dichte ungefähr der Tragfähigkeit der dortigen Ökosysteme. Die Natur regelt das schon, wenn man sie nur lässt.
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