Der Kosmologe Gerhard Börner über Urknall, Naturgesetze und erkenntnisGrenzen
• 1934: Joachim Latacz wird als Sohn deutscher Eltern im oberschlesischen Kattowitz geboren.
• Ab 1946: Gymnasiast in Halle/Saale; Lieblingsfächer: Griechisch, Latein, Russisch
• 1953: Abitur und Beginn eines umfassenden Studiums der Altertumswissenschaften
• 1956: Flucht aus der DDR
• 1963: Promotion, 1972 Habilitation mit Themen zu Sprache und Dichtung Homers
• Seit 1981: Lehrstuhl für Griechische Philologie an der Universität Basel, Schweiz
• Ab 1984: Reisen zu den neuen Ausgrabungen bei Troja
• 2001: Lataczs Buch „Troia und Homer. Der Weg zur Lösung eines alten Rätsels” erscheint und wird innerhalb kurzer Zeit viermal neu aufgelegt.
bild der wissenschaft: Wie sicher ist unser Wissen vom sehr frühen Universum?
Börner: Das einfache Urknallmodell passt sehr gut zu einer Reihe kosmologischer Beobachtungen. Dafür ist das Modell so sicher, wie es die Keplerschen Gesetze sind. Die Physiker sind auch überzeugt, dass sie die Verhältnisse beim elektroschwachen Phasenübergang kennen und für das Quark-Gluon-Plasma mit dem neuen Relativistic Hadron Ion Collider Informationen sammeln werden. Das bedeutet: Einigermaßen verlässliche Aussagen sind bereits 10-12 Sekunden nach dem Urknall möglich.
bdw: Besteht überhaupt Hoffnung, den Ursprung von allem zu verstehen, oder können wir die beliebte Kinderfrage „Warum? Warum?” endlos fortsetzen?
Börner: Wir fragen nicht „Warum?”, sondern „Wie hängt dies mit jenem zusammen?”, „Wie verläuft dieser Prozess?” und so weiter. Das Bemühen, Zusammenhänge in der Welt aufzuzeigen und zu verstehen, ist bisher schon sehr erfolgreich gewesen, aber bestimmt noch nicht an seiner Grenze angekommen. Ich sehe das als einen Prozess der Annäherung an die Wahrheit, die wir nie vollständig besitzen werden. Doch jeder Erkenntnisgewinn ist wertvoll.
bdw: Manche Kosmologen beginnen mit einem Quantenvakuum oder materiefreien Universen. Hat es überhaupt einen Sinn, hier von Raum und Zeit zu sprechen?
Börner: Das Ziel solcher Überlegungen ist das Aufzeigen einer Grundstruktur, aus der unsere Welt und auch Raum und Zeit entstanden. Gegenwärtig können wir aber Quantentheorien nur in einer vorgegebenen Raumzeit formulieren.
bdw: Worin unterscheiden sich die aktuellen Versuche, den Urknall zu erklären oder zu hintergehen, von reiner Science-Fiction? Sind die kühnen Hypothesen überhaupt noch Wissenschaft?
Börner: Die Spekulationen über den Anfang des Universums sollte man wie eine Art Experiment sehen – Physiker probieren aus, wie verschiedene Ansätze grundlegender Theorien mit einem Modell des Universums in Einklang gebracht werden können. Dies unterscheidet sich mitunter nur wenig von Science-Fiction, manchmal aber doch sehr deutlich – je nachdem, wie überzeugend die theoretischen Grundlagen formuliert sind.
bdw: Setzt ein Erklärungsversuch der Entstehung des Universums mit Hilfe von Naturgesetzen voraus, dass diese Gesetze in gewisser Weise unabhängig von der physikalischen Welt bestehen, also gleichsam platonische Ideen sind?
Börner: Ja. Man kann natürlich auch fragen: Warum sind die physikalischen Gesetze oder die Naturkonstanten so wie sie sind? Und weiter spekulieren, dass sie sich vielleicht auch entwickeln und verändern.
bdw: Am Ende seines Buches „Die ersten drei Minuten” schrieb der Kosmologe und Physik-Nobelpreisträger Steven Weinberg: „Je begreiflicher uns das Universum wird, umso sinnloser erscheint es auch.” Läuft Kosmologie auf eine radikale Entzauberung der Welt hinaus?
Börner: Meiner Meinung nach ist dies nicht so. Die Erkenntnisse, die die Kosmologen gefunden haben und noch finden werden, deuten ja gerade auf einen tiefen Zusammenhang unserer eigenen Existenz mit dem gesamten Kosmos hin. Wir sind Resultat eines Entwicklungsprozesses, der von den einfachsten Anfängen im Urknall bis zu den komplexen Strukturen von Sternen, Planeten, Leben geführt hat. Die Elemente, aus denen wir bestehen – Kohlenstoff, Sauerstoff und so weiter – bildeten sich im Inneren von Sternen. Diese Entwicklung war möglich, weil die Naturgesetze viele sehr fein abgestimmte Beziehungen aufweisen. Schließlich ist im Menschen der Geist entstanden, das über sich und die Welt nachdenkende Subjekt – bis jetzt das komplexeste Gebilde im Kosmos.
bdw: Wenn eine allwissende Fee Ihnen drei kosmologische Fragen beantworten würde, welche würden Sie stellen?
Börner: Was war vor dem Urknall? Wie ist das Leben entstanden? Und woher wissen Sie das eigentlich?
Rüdiger Vaas





