Wer den Plan der Gräber studiert und den angestückelten Sarg im Historischen Museum der Pfalz betrachtet, erahnt die Hast der Bestattung. Als strahlender Held ging der Letzte seines Geschlechts nicht in die Geschichtsbücher ein. Die Vorfahren standen noch für Größe. Der Dynastiegründer Konrad II. (1024–1039) hatte dem Reich Burgund erworben und im Neubau des Speyerer Doms eine einzigartige Grablege geschaffen. Heinrich III. (1039–1056) ließ auf Synoden in Sutri und Rom gleich drei Päpste absetzen und deutsche Bischöfe auf den römischen Stuhl des Apostels Petrus erheben. Selbst Heinrich IV. (1056 –1106), der vom Papst gebannt nach Canossa gehen musste, zog in aller Tragik noch Glanz auf sich. Und am Ende Heinrich V.? Nach beherzten Anfängen erwies er sich für die Nachbarn als deutscher Tyrann. Sie erklärten Heinrichs Kinderlosigkeit als Strafe für das Wüten eines zweiten Judas, der seinen leiblichen wie seinen geistlichen Vater verraten hatte.
Natürlich fehlte Heinrich V. in den Geschichtsbüchern nicht. Seine Zeit war viel zu wichtig. Endlich wurde der Streit um die Investitur von Bischöfen beigelegt. Außerdem spülte der so‧ziale Wandel neue Gruppen wie die bislang unfreien ritterlichen Ministerialen oder städtischen Bürger empor. Doch der Kaiser ohne Kinder wirkte nur mittelbar in die Zukunft. Seine Neffen, die beiden Brüder Friedrich und Konrad, sorgten später für den Aufstieg des staufischen Kaisergeschlechts. Und seine Gemahlin Mathilde wurde in ihrer zweiten Ehe mit Graf Gottfried von Anjou zur Stammmutter des englischen Königshauses Plantagenet. Doch biologisch ging das alles an Heinrich V. vorbei. Erst sein kinderloses Absterben machte solche Entfaltung möglich.
Keine Lebensbeschreibung sorgte für Nachruhm. Selbst die emsige Mittelalterforschung, die seit dem 19. Jahrhundert fast jede Kaiserherrschaft dokumentierte, machte einen Bogen um Heinrich V. Seine Urkunden sind immer noch nicht in kritischer Edition gedruckt. Die umfassende Verzeichnung der Taten seiner Herrschaft (die sogenannten Regesta Imperii) wurde noch nicht einmal angefangen. 1992 schien sich die erste Speyerer Salier-Ausstellung Heinrichs fast zu schämen und unterschlug den Ausgang der salischen Epoche weitgehend. Erst die aktuelle Schau von 2011 greift im Abstand von 900 Jahren die Erinnerung an Heinrichs Kaiserkrönung und an seine Privilegierung der Speyerer Bürger 1111 auf. Doch Heinrich V. ist interessant. Hier werden drei biographische Wendepunkte mit wegweisenden Weichenstellungen vorgestellt. Wir beginnen mit Heinrichs Aufstieg zum Königtum, betrachten das Jubiläumsjahr 1111 und erkennen in der schwindenden kaiserlichen Gestaltungskraft den Aufstieg der Fürsten zur Machtelite der Zukunft.
Heinrichs Regierungsbeginn unterschied sich von früheren Thronwechseln. Dafür waren ungewöhnliche Zeitumstände verantwortlich. Der Vater Heinrich IV. kämpfte seit Jahrzehnten mit Päpsten, Bischöfen und Fürsten um die Rechtmäßigkeit seines Königtums. Zweimal verkündete Papst Gregor VII. den Kirchenbann über den Salier. 1077 gelang Heinrich IV. durch seine öffentliche Buße in Canossa noch die Lösung vom ersten Bann. Doch 1080 folgte die zweite, endgültige Bannung. Fortan fand der Kaiser keinen Frieden mehr. Die Konflikte spalteten Reich und Kirche, mündeten in Propagandafeldzüge und blutige Schlachten, entzweiten sogar die kaiserliche Familie.




