Unweit des Trubels einer der großen Londoner Geschäftsstraßen an einem idyllischen innerstädtischen Square Garden gelegen, erstreckt es sich über drei Gebäude an den Lincoln’s Inn Fields. Das Museum weist schon von weitem eine architektonische Besonderheit auf, die bereits Teil seines Ausstellungskonzepts ist. Aus der gleichförmigen Fassadengestaltung einer typischen Londoner Häuserzeile des frühen 19. Jahrhunderts tritt bei Nr. 13 eine steinerne Veranda in Richtung des Gehwegs hervor, die mit zwei Figuren geschmückt ist. Sie erinnern an die Karyatiden in Athen, jene steinernen Säulen in der Form von Lastenträgerinnen, die das Erechtheion auf der Akropolis zieren. Hier befindet sich der Eingang. Sofort nach dem Betreten des Hauses findet man sich unvermittelt in einer Wunderkammer wieder. Auf engstem Raum bietet sich ein wahres Panoptikum an archäologischen und historischen Artefakten sowie Kunstwerken verschiedenster Epochen dar, das der Stifter des Museums, Sir John Soane, zusammengetragen hat.
Soane, 1753 als Sohn eines Maurers geboren, gelang es, nach seinem Studium der Architektur Karriere als Architekt und Raumgestalter zu machen; unter anderem zählen die Bank von England und Teile der Innengestaltung von Downing Street Nr. 10 und 11 zu seinem Werk. Nachdem er 1792 das Haus Nr. 12 Lincoln’s Inn Fields erworben hatte, ließ er das bestehende Gebäude abreißen und zog 1794 mit seiner Familie in den nach seinen Plänen errichteten Neubau ein. Im Lauf der Zeit kaufte er die Nachbargebäude 13 und 14 hinzu und veränderte das Ensemble so, dass es neben seiner Funktion als Wohnsitz und Büro auch als Ausstellungsraum für seine stetig wachsende Sammlung dienen konnte. Diese umfasste neben antiken Kostbarkeiten wie dem Sarkophag des Pharaos Setos I. und erlesenen Gemälden wie Canalettos Ansicht der „Riva degli Schiavoni“ in Venedig oder Werken des Malers William Hogarth auch zahlreiche Architekturmodelle und -zeichnungen sowohl antiker als auch zeitgenössischer Bauten.
Seit er 1806 zum Professor für Architektur an der Royal Academy berufen worden war, wollte er seinen Studenten die Möglichkeit geben, sich begleitend zu seinen Vorlesungen an den Objekten weiterbilden zu können. 1833 verhandelte Soane erfolgreich mit der britischen Regierung über ein Gesetz, das zum Ziel hatte, seine Sammlung inklusive der sie beherbergenden Gebäude nach seinem Tod in eine Stiftung zu überführen und auf dieser Grundlage auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Festgelegt wurde darin auch, dass die von ihm erarbeitete Gesamtkonzeption nicht verändert werden durfte.
Der heutige Besucher erhält also einen unverfälschten Einblick in die Lebens- und Gedankenwelt eines vielseitig gebildeten Mannes im England des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Im Gegensatz zur oft nüchternen Präsentation von Objekten in späteren Museen durchwandert der Betrachter im Sir John Soane’s Museum ein Labyrinth aus vielen kleinen Räumen, die miteinander durch Galerien und enge Treppen verbunden sind. Kunstvolle Oberlichter aus bemalten Glasscheiben setzen einzelne Stücke fast mystisch in Szene. Alles scheint bis in den letzten Winkel mit Artefakten und Kunstwerken gefüllt. Ist man heute gewöhnt, durch Vitrinen oder Absperrungen auf Distanz gehalten zu werden, so darf man sich hier durch oft recht enge, dicht mit kostbaren antiken Vasen, Friesen und Skulpturen gespickte Gänge schlängeln. Dies erlaubt es etwa, eine römische Kopie der ephesischen Diana aus nächster Nähe zu betrachten.




