Delbrück glaubte, Wahrnehmung lasse sich in diesem Fall leichter analysieren, aber auch nach 20 Jahren Forschung kam er auf keinen grünen Zweig – und meine Doktorarbeit lieferte einen weiteren vergeblich bleibenden Versuch, Wahrnehmung auf den biologischen Punkt zu bringen. Wobei ich trotzdem am Ende genügend Daten gesammelt hatte, um meine Arbeit abzuschließen. Seit ich beim Pilz gescheitert bin, sinniere ich über die Frage, was an dem Ansatz falsch gewesen sein könnte, die Anfänge der Wahrnehmung an einer Zelle zu studieren. Und es könnte sein, dass mir ein Buch über Pilze nun den Hinweis gegeben hat, der mir fehlte. Es heißt „Entangled Life“, also „Verschränktes Leben“, und in ihm erzählt der junge amerikanische Mykologe Merlin Sheldrake von einer Welt voller Wunder. Wobei der Untertitel zu erzählen verspricht, „Wie Pilze unsere Welt machen, unser Denken verändern und die Zukunft gestalten“.
Das Buch ist eine Ode an die Pilze, und der Autor betont, dass wir Menschen ohne die Pilze nicht zu denken wären, weshalb wir über sie nachdenken sollten. Oft heißt es, dass Menschen Pilze ähnlich wie Hefe nutzen, um Aromen und Alkohol anzufertigen, die unseren Geist erfreuen. Tatsächlich ist es genau umgekehrt. Die Pilze nutzen uns aus, damit wir mehr von ihnen herstellen. Sie haben Geist ohne Hirn und verschränken die Welt und das Leben.
Es waren Pilze, die vom Meer aus das Land besiedelt haben, um dort Pflanzenwuchs zu ermöglichen. Pilze kommunizieren mit biochemischen Mitteln, so wie Menschen es mit Worten und Symbolen können. Tief im Erdreich schaffen Pilze nicht nur die beliebten Trüffel, sie verbinden sich auch untereinander und mit dem Wurzelwerk der Pflanzen und Bäume. Und Sheldrake scheut sich nicht, dabei von sozialen Netzwerken und von einem Internet der Pilze zu sprechen, wenn man die Metapher mag. Sie bilden ein wahrhaft verschränktes Leben außen, und man braucht nicht viel Fantasie, um ihnen solch ein verschränktes Lebensgewebe auch innen zuzugestehen.
Ich kann nicht glauben, dass mir das erst jetzt klar wird! Plötzlich verstehe ich – oder glaube es zumindest –, woran Delbrücks Ansatz mit Phycomyces gescheitert ist. Das war keine einfache Zelle, die er und seine Doktoranden untersucht haben. Das war ein höchst raffiniert verschränktes Innenleben. Wir hätten mehr Respekt davor haben und mehr Fantasie entwickeln sollen.





