Herr Professor Röhl: Was fasziniert Sie an Wilhelm II., daß Sie ihm so viel Ihrer Zeit widmen wollten? Das ist natürlich ein sehr weites Feld, aber hier ein paar Hinweise: Ich habe früh festgestellt, wie mächtig seine Stellung im Entscheidungsprozeß des Kaiserreichs war. Zu mei-nem großen Erstaunen galt er in den 1960er Jahren bei den deutschen Historikern aber als Quantité négligeable, als Schattenkaiser, der nichts zu sagen hatte, allenfalls die Staatsmänner bei ihrer ernsthaften Arbeit störte.
Sie dagegen räumen ihm eine zentrale Rolle ein? Mit der Thronbesteigung Wilhelms II. am 15. Juni 1888 wird die Lebensschilderung dieses Mannes, der so energievoll, vielseitig und mächtig war, fast zwangsläufig zu einer politischen Geschichte des wilhelminischen Kaiserreichs. Ich halte ihn für den zentralen Gestaltungsfaktor der deutschen Politik in den Jahren bis zum Kriegsausbruch 1914 und alles in allem für ein Verhängnis für Deutschland und die Welt.
Unterwarf die Verfassung Wilhelm nicht klaren Beschränkungen? Die Rolle des Kaisers war nach der Reichsverfassung in der Tat beschränkt, aber Wilhelm war nicht nur Deutscher Kaiser, sondern auch König von Preußen, Oberster Kriegsherr und Summus Episcopus der evangelischen Kirche. Diese Rollen hat er nicht getrennt, sondern sich als halbabsolutistischer König und als Militär empfunden. Hinzu kommt, daß er nach 28 Jahren der Bismarck-Herrschaft die Vorstellung hatte, das Reich müsse von einem starken Mann geführt werden. „Einer nur ist Herr im Reich, und das bin ich“, sagte er 1891. Der Soldatenkönig, Friedrich der Große und sein Großvater „Wilhelm der Große“ (wie der Enkel es gern haben wollte) waren Vorbilder, aber auch Napoleon.
Neigen wir nicht zu sehr dazu, die bramarbasierende Art und Tonlage für das Fait accompli zu nehmen? Bei meiner Behauptung, Wilhelm sei von 1888 bis 1914 der entscheidende Machtfaktor gewesen, stütze ich mich natürlich nicht nur auf seine Selbsteinschätzung, die man vielleicht als übertrieben ansehen könnte, sondern auf zahllose Quellen aus dem Hoflager, dem Offizierskorps, den Reichsämtern und Ministerien, den Parlamentariern und Journalisten … Die Dokumente erzählen alle dieselbe Geschichte. Der zweite Band meiner Biographie trägt den Titel „Der Aufbau der Persönlichen Monarchie 1888–1900“ und zeigt detailgenau, wie Wilhelm in vielen Kämpfen und Krisen gegen erheblichen Widerstand seine persönliche Macht aufbaute.
Die Tonlage Wilhelms II. führte bekanntermaßen zu vielfältigen Irritationen, insbesondere im Ausland. Inwieweit folgten auf die wilden Worte aber auch Taten, die Wilhelm persönlich zu verantworten hatte? Ob auf die wilden Worte auch Taten folgten? Und ob! Die Entlassung Bismarcks, der Übergang zur Weltmachtpolitik und der fatale Schlachtflottenbau gegen England zählen in diesen Jahren zu seinen bedeutendsten Entscheidungen, aber ich könnte noch Dutzende aufzählen.




