Es ist am frühen Morgen um 6.15 Uhr; der Wecker klingelt, automatisch funktioniert man im Halbschlaf: aufstehen, waschen, anziehen, Sachen zurechtlegen, darunter Arbeitsunterlagen, Schreibzeug, Sonnenhut, Handy, Kamera, Flasche, Brotdose und was sonst für den Tag nötig ist. Das gemeinsame Frühstück ist bereits am langen Tisch gedeckt: Weißbrot oder grobe Fladen, Käse, harte, kochendheiße Eier, Tomaten, Feigenmarmelade, Tee oder Nescafé. Wer in Kairo eingekauft hat, genießt Müsli oder Nougatcreme. Die ägyptischen Kollegen bevorzugen Bohneneintopf (foul).
7.30 Uhr: Einstieg in zwei Minibusse mit den Fahrern Sobhey und Salama sowie zwei Polizisten in Zivil, die den ganzen Tag gut gelaunt mit uns verbringen werden, ihre Pistolenhalfter unter der Kleidung. Assiut, die alte mittelägyptische „Wächterstadt“, 375 Kilometer südlich von Kairo, strategisch günstig am Nil gelegen und Ausgangspunkt der Handelsstraße „Darb el Arba’in“ in die Sahara, wacht nicht mehr selbst, sondern wird bewacht. Aufs Dach der Busse kommt das sperrige Material: Holzkisten, breite Rollen mit Zeichenfolien, Stühle, Leitern, Schaumstoff, Zement … Eiskalte Wasserflaschen werden verteilt, dann geht es los, dem Polizeiauto mit ohrenbetäubender Sirene hinterher. Außer freitags wimmelt es von Schulkindern in verschiedenen Uniformen: Die Halbwüchsigen gehen allein, die Kleineren werden gebracht, zu Fuß, per Fahrrad, Mofa, Bus oder Taxi. Jeder hupt, klingelt, ruft und drängelt. An der neuen Ampel, die rückwärts die Sekunden der Rotphase abzählt, haben sich vier Fahrspuren in eine Richtung gebildet, wo eigentlich nur zwei gedacht sind. Und der Schulbus, der seine erste Fuhre geleert hat, will mitten im Getümmel auf der Straße wenden.
Im Hintergrund erscheint der Gebel Asyut al-gharbi mit seinen zahllosen schwarzen Löchern: Im 3. Jahrtausend v. Chr. wurde er zur Nekropole im Westen der Stadt, heute noch gibt es dort weit über 1000 Gräber, darunter monumentale Anlagen der Gaufürsten (um 2150 –1850 v. Chr.). Koptische Christen lebten hier als Eremiten oder in Klöstern, ein ausgedehnter islamischer Kuppelfriedhof liegt zu Füßen der kleinen Grabkapelle von Scheich Abu Tuq. Die Straße ist nun frei. Dienstags ist hier draußen Viehmarkt, ansonsten sieht man jetzt nur noch Überlandtransporter, Kleinbusse und Eselskarren.
Auf der ersten Anhöhe des Berges warten die etwa 50 Arbeiter, die aus verschiedenen Dörfern der Gegend kommen. Alle sind froh, aus den kleinen Bussen zu klettern, sebach el-cher, Guten Morgen, die Doktoren werden mit Handschlag begrüßt. Man sortiert sich, Ahmed, der Vorarbeiter, hakt die Anwesenheitsliste ab, die Materialien werden verteilt, der Anstieg beginnt. Zunächst in dichtem Abstand und schnellen Schrittes, bilden sich auf den steilen Fußpfaden und bei bereits über 30 Grad allmählich Grüppchen: Die Wissenschaftler mit ihren Bergschuhen lassen den flinken Arbeitern mit Plastikschlappen den Vorrang. Man unterhält sich und genießt von jeder Plattform die Aussicht, die man schon so oft schweißtriefend bewundert hat. Auf halber Höhe bei der Hauptarbeitsstätte angekommen, verschafft der stetige kühle Nordwind Erleichterung; Haut und Kleider trocknen. Die Arbeiter ziehen sich um, die Wasserträger müssen mit ihren Kanistern noch einmal nach unten – nicht das letzte Mal an diesem Tag. Die Werkzeuge werden ausgeteilt, die Arbeitsgruppen bilden sich und ziehen los. Obergafir Guraim und die anderen Grabwächter haben schon damit begonnen, Tee zu kochen und die Wasserpfeife vorzubereiten, als Einzige strahlen sie größte Gelassenheit aus, während sie die Schlüssel für die gesicherten Grabanlagen ausgeben. Wie geht’s? Alle gesund zu Hause? Auch die Familie?




