Wenn zwei sich vor Gericht streiten, werden immer wieder Klageschriften, Protokolle, Akten, Gutachten und Urteile produziert, die späteren Generationen als wertvolle Quellen der Rechts- und Sozialgeschichte dienen. Einen wichtigen Beitrag zur Erhellung der Geschichte des mittelalterlichen Judentums leisten deshalb die „Responsen“, rabbinische Rechtsgutachten zur Beantwortung von Anfragen aus den Gemeinden. Hinsichtlich ihrer Form sind sie der Briefliteratur zuzurechnen. Der brieflichen Einführung folgen die Schilderung des Falls und seine Erörterung auf der Basis der rabbinischen Traditionsliteratur. Hinsichtlich ihres Inhalts sind sie Entscheidungen in Gesetzesfragen auf der Basis der Bibel und der talmudischen Tradition, die sie in aktualisierender Weise auslegen und kommentieren.
Einen besonders ausführlichen Einblick in das jüdische Leben bieten die hebräischen Rechtsgutachten und -entscheide des Abraham ben David aus Posquières bei Nîmes (um 1125–1199), in denen er zahlreiche auswärtige Anfragen beantwortet, die sich allesamt auf konkrete Problemfälle des Familien- und Geschäftslebens innerhalb der jüdischen Gemeinden Südfrankreichs im 12. Jahrhundert beziehen. Rabbi Abraham ben David (von späteren jüdischen Autoren nach den Anfangsbuchstaben von Titel und Namen auch „RABaD“ genannt) lebte und lehrte im Languedoc und in der Provence, die seit 1112 großenteils an die Grafen von Barcelona gefallen war. Neben seinem „Brotberuf“ als Tuchhändler, der ihm zu beträchtlichem Reichtum verhalf, studierte er zunächst an den Talmudschulen in Lunel und in Narbonne, wo er die Tochter des berühmten rabbinischen Schuloberhaupts Abraham ben Isaak heiratete. Die Gelehrsamkeit dieser in der Provence lebenden und lehrenden jüdischen Weisen umfaßte die biblische und talmudische Tradition in all ihren Teilbereichen, aber auch die Philosophie, die Medizin und die Naturwissenschaften.
Seit etwa 1165 leitete Abraham ben David selbst eine Jeschiwa (ein rabbinisches Lehrhaus) in dem Städtchen Posquières bei Nîmes und stand aufgrund seines immensen Wissens, aber auch wegen seines scharfen und eigenwilligen Verstands in höchstem Ansehen bei seinen Kollegen und Schülern. Daneben fungierte er in der örtlichen Gemeinde als Richter und Rechtsgutachter. Mit zahlreichen bedeutenden Gelehrten seiner Zeit stand er in regem Briefwechsel. Zu seinem umfangreichen schriftlichen Werk, das von jüngeren jüdischen Autoritäten umfassend rezipiert wurde, gehören neben seinen gefragten Rechtsgutachten auch mehrere Abhandlungen zu religionsgesetzlichen und philosophischen Sachfragen. Hier erhält man interessante Einblicke in das jüdische Alltagsleben. So lesen wir in einer Abhandlung über das (ideale) jüdische Familienleben: „Es besteht der Brauch, seiner Tochter nicht viel Mitgift zu geben …, denn das Geld, das der Ehemann mitbekommt, ist nicht ganz rechtmäßig erworben … und von den Empfängern derartigen Geldes gilt der Ausspruch der Weisen: Wer eine Frau um des Geldes willen heiratet, verliert dieses Geld bald.“
Als Hauptwerk Abraham ben Davids gilt ein (leider größtenteils verlorengegangener) Kommentar zu den meisten Büchern des babylonischen Talmuds, der enzyklopädi?schen, bis ins 8. Jahrhundert hinein angewachsenen Sammlung von Lehren der rabbinischen Schulen Babyloniens, die auf den fünf Büchern Mose (Tora) aufbauen und für die jüdische Tradition bestimmend geworden sind.





