Das Imperium, das Katharina II. über 34 Jahre lang regierte, erfuhr in ihrer Herrschaftszeit mancherlei Wandlungen. Dazu trug die umtriebige Reformpolitik der Zarin im Inneren bei, die darauf abzielte, die verschiedenen Säulen der Gesellschaft an den Staat zu binden, um im Sinn einer fruchtbaren Symbiose von Untertan – ob Bauer, Kaufmann oder Adliger – und Regierung zum Wohl dieses Staates zu wirken. Zu diesen Wandlungen trug auch Katharinas expansive Außenpolitik bei, die dem Reich in den beiden Kriegen gegen das Osmanische Reich und mit den Teilungen Polens gewaltige Gebietsgewinne bescherte. Das Ausgreifen an das Schwarze Meer und die Annexion der überwiegend ostslawisch besiedelten Gebiete des altpolnisch-litauischen Staates bedeuteten für das russische Imperium Chance und Hypothek zugleich. Mit den Gebietsgewinnen stieg die ohnehin wachsende Bevölkerung von etwa 19 Millionen 1762/1764 auf 36 Millionen im Todesjahr Katharinas. Ihre Regierung stand vor der Aufgabe, der neuen Größe und dem neuen Großmachtstatus auch im Inneren Rechnung zu tragen.
Man wird sicher nicht sagen können, daß Katharinas Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik im gleichen Maß von den Bedürfnissen des Krieges diktiert war wie jene Peters des Großen, auf dessen politisches Erbe sie sich immer wieder berief. Peters Wirtschaftspolitik hatte unter dem Eindruck der Notwendigkeiten gestanden, die der Große Nordische Krieg (1700 – 1725) dem Land auferlegt hatte. Manufakturen sollten Waffen und Textilien für die Armeen produzieren; eigene Werften sollten eine den europäischen Mächten konkurrenzfähige russische Flotte hervorbringen. Bergwerke im Ural sollten die Rohstoffgrundlage verbreitern. Zwar führte Katharina mehrere Kriege, ihre Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik war freilich sehr viel mehr auf den zivilen Bereich des Staatsaufbaus und den Wohlstand ihrer Untertanen ausgerichtet. Katharinas Wirtschaftspolitik gehorchte zwar nicht einer durchgängigen Systematik, war aber doch weniger aus dem Augenblick geboren und sehr viel stärker der staatspolitischen, aufgeklärten Literatur der Zeit verbunden als die ihres großen Vorgängers.
Dabei war es für Katharina als aufgeklärt denkende Autorin – aber realpolitisch handelnde Herrscherin – wichtig, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sozialer und wirtschaftlicher Veränderungen ins Kalkül zu ziehen: Hier ist zunächst die Leibeigenschaft, die rechtliche Bindung der Bauern an das grundherrliche Land, zu nennen, die den Alltag der bäuerlichen Bevölkerung bestimmte. Dies waren immerhin über 90 Prozent aller Untertanen der Kaiserin. Mehr noch: Über das gesamte 18. Jahrhundert hinweg läßt sich festhalten, daß etwa die Masse derjenigen, die in den Manufakturen und Bergwerken des Urals, in denen das Gros des russischen Eisens gewonnen wurde, arbeiteten, Bauern waren. Sie hatten als leibeigene Bauern eines unternehmenden Adligen in dessen Betrieben zu arbeiten, oder aber sie waren als Staatsbauern einem bestimmten Betrieb zugeschrieben und verrichteten dort ihre Arbeit unter oft unmenschlichen Bedingungen.




