„Philippus Arabs, humili genere natus, superbus, qui se in novitate atque enormitate fortunae non tenuit“ – „Philippus war ein Araber, von nie?derer Abkunft, aber überheblich, und er begnügte sich nicht mit einem ungewöhnlichen und außerordentlich glücklichen Schicksal.“ Das Urteil, das die „Historia Augusta“, die spätantike Sammlung von Kaiserbiographien, über den einzigen römischen Kaiser fällte, den die Provinz Arabia je hervorbrachte, ist harsch. Gewiß, die „Historia Augusta“ gehört nicht zum Zuverlässigsten, was wir an antiker historiographischer Literatur besitzen. Und ausgerechnet die Biographie Philipps des Arabers ist verloren, wenn es sie denn je gab: Das Zitat stammt aus der Vita seines Vorgängers Gordian III., den Philippus aus dem Weg räumte. So müs?sen wir uns Informationen über den Herrscher, der während seiner nicht ganz fünfjährigen Herrschaft im Jahr 248 die Tausendjahrfeier der Stadt Rom begehen durfte, mühsam aus dürftigen Bruchstücken, aus Münzen und Inschriften sowie aus viel späteren Zeugnissen zusammenklauben.
Und doch ist die Kurzcharakteristik der „Historia Augusta“ von einigem Wert, illustriert sie doch, wie man in Rom über die Bewohner einer entlegenen Randregion des römischen Kaiserreichs dachte. Der Verfasser wußte offensichtlich wenig über Philippus, doch reichte das wenige, vor allem das Wissen um seine „orientalische“ Herkunft, um ihn als größenwahnsinnigen Parvenü abzustempeln, als unsympathischen Ehrgeizling aus der Provinz, dem es nicht genügte, als Prätorianerpräfekt in eine der Schlüsselpositionen imperialer Macht aufzusteigen, der schließlich selbst nach dem Purpur griff.
Über Philippus’ wirkliche Herkunft wissen wir so gut wie nichts, doch legen seine Karriere und die seines Bruders Priscus nahe, daß er nicht von so niederer Abkunft war, wie uns die „Historia Augusta“ weismachen will. Prätorianerpräfekten entstammten gewöhnlich dem römischen Ritterstand (ordo equester?), der zweiten Rangklasse römischer Aristokraten nach dem Senatorenstand (ordo se?natorius), und sie bedurften, um im Staatsdienst aufsteigen zu können, exzellenter Kontakte. Beide Voraussetzungen dürften also Philipp und Priscus, der gleichfalls als Prätorianerpräfekt diente, mitgebracht haben.
Der Karriere vom Provinz-Honoratioren zum römischen Kaiser, so sensationell sie anmutet, haftet etwas Urrömisches an. Septimius Severus (193–211) hatte als erster Nordafrikaner den römischen Kaiserthron bestiegen. Er stammte aus der einstigen punischen Pflanzstadt Leptis Magna im heutigen Libyen. Über seine Frau Julia Domna unterhielt Severus Beziehungen zu aristokratischen Netzwerken in Syrien. Mit Julias Großneffen Elagabal (218–222) residierte sogar der Priester einer lokalen syrischen Gottheit für kurze Zeit auf dem Palatin. Aber schon lange vor den Severern hatten Männer den Purpur getragen, die nicht italischem, sondern provinzialem Boden entstammten: Trajan (98–117) und Hadrian (117–138) waren aus römischen Kolonien in Spanien gebürtig.




