Nixon war paranoid, er war vulgär, und er trank zu viel. Trotzdem war der Republikaner ein Politiker, dem auch ideologische Gegner inzwischen einige historisch zu nennende Erfolge nicht absprechen. Er war ein kalter Krieger, der – wenn auch zu spät und nach vielen, zu vielen weiteren Opfern – den unseligen Vietnam-Krieg beendete, den ihm seine Vorgänger aus dem demokratischen Parteilager hinterlassen hatten. Er war ein Antikommunist, der Beziehungen zu China aufnahm und eine Entspannungspolitik gegenüber der Sowjetunion einleitete. Im Jom- Kippur-Krieg von 1973, in dem arabische Staaten gegen Israel kämpften, zeigte er zunächst Festigkeit (zum ersten Mal seit der Kuba-Krise von 1962 wurde der Alarmzustand Defcon 3 ausgelöst), bevor sein Außenminister Henry Kissinger eine diplomatische Lösung erwirkte.
Nixon war wie praktisch jeder republikanische Spitzenpolitiker industrienah, unterzeichnete aber 1973 grundlegende Umweltschutzgesetze wie den „Endangered Species Act“ zum Schutz bedrohter Tierarten. Er machte antisemitische Witze und hatte in dem jüdischstämmigen Henry Kissinger einen seiner engsten Mitarbeiter.
Wer eine ausgewogene Betrachtung einer solch zutiefst ambivalenten historischen Persönlichkeit sucht, muss um das Buch des ehemaligen „New York Times“-Journalisten Tim Weiner einen weiten Bogen machen. Allein auf der ersten Seite findet man Formulierungen wie „von dunklem Geist beseelt“, „getrieben von Wut und Rachegelüsten“, „am Rand des Wahnsinns“, „arroganter Größenwahn“, „notorischer Lügner“, „ein Monster“. Bei diesem durchgängigen Tenor stellt sich schon lange vor der letzten Seite selbst bei einem hartgesottenen liberalen oder linken Leser Müdigkeit ein.
Weiners Werk ist keine Biographie, keine Historiographie einer Präsidentschaft in einem bewegten Zeitabschnitt (1969 –1974), dessen Folgen noch heute nachwirken, sondern eine Tirade. Selbst Nixons Erfolge werden auf seine abnorme Persönlichkeit, auf permanente Verschwörungen oder auf Rechtsbrüche zurückgeführt oder negiert. Viel Neues findet man entgegen vollmundigen Ankündigungen des Autors kaum. Eine Aktualität wohnt dem Werk vor allem deswegen inne, weil sich vielleicht manch ein Beobachter der Kandidatenriege, die zur Präsidentschaftswahl in diesem Jahr angetreten ist, die Frage stellt, ob solch problematische Charaktere ähnlich wie Nixons 1968 auch 2016 Chancen auf einen Einzug ins Weiße Haus haben.
Rezension: Dr. Ronald D. Gerste




