Die Elbe gurgelt unter dem Balkon des kleinen Hotels. Schnell strömt das Wasser und lässt die Bojen der Fahrrinne schräg im Wasser tänzeln. Eine Mini-Fähre liegt am Ufer vertäut und wartet auf Radfahrer, die ihre Reise auf der anderen Seite fortsetzen wollen. Kein Mensch weit und breit hier, nur das kleine Hotel „Elbterrassen zu Brambach” inmitten der Natur, irgendwo zwischen Magdeburg und Dessau.
Dafür trällern Hunderte von Vögeln ein Morgenkonzert. Ernst Paul Dörfler könnte sie am Gesang unterscheiden, aber er ist noch nicht da. Ich bin gespannt, in was für ein Boot er mich auf unsere Elbtour einlädt. Nur eines weiß ich: „Wir werden uns treiben lassen”, sagte Dörfler am Telefon.
Plötzlich das Pusten einer Handpumpe hinter meinem Rücken. Ein Mann mit Schirmmütze beugt sich neben seinem kleinen Auto über ein Schlauchboot. Das muss er sein! Ein drahtiger Typ mit dichtem weißem Haar, der mich herzlich begrüßt. Boot auspacken, aufblasen, wieder einpacken ist für Dörfler Routine: So oft es geht, fährt er raus auf die Elbe. „Zu jeder Zeit und zu jeder Unzeit. Auch dann, wenn andere Menschen schon oder noch schlafen”, sagt der 62-Jährige.
Unser Bötchen kippelt, zu kentern wäre nicht ratsam: Die Elbe hat nur neun Grad. Mit zwei Stechpaddeln manövrieren wir uns in die Strömung. Dann wird mein Paddel nicht mehr gebraucht, Dörfler sitzt entspannt auf dem Bootsrand und muss nur noch lenken, wenn wir zu nah an eine Boje der Fahrrinne treiben. Zufrieden blickt er auf seinen Fluss: „Gerade die erste Morgenstunde am taufrischen Fluss ist ein Geschenk für den ganzen Tag. Und jedes Mal treffe ich eine andere Elbe.” Gezeiten gibt es hier nicht. Wer das tägliche Schauspiel von Ebbe und Flut bestaunen will, muss 350 Kilometer stromabwärts nach Hamburg fahren.
Stromabwärts durch Auenwälder
Auf der mittleren Elbe dagegen variieren die Wasserstände, unabhängig von den Gezeiten – zwischen einem und sieben Metern. Je nachdem, wie viel Regen fällt und wie viel Wasser die Pflanzen bei Sonnenschein aus dem Boden ziehen. Mal bleiben die Schiffe stecken, mal stehen die Weiden am Ufer tief im Wasser. „Ich liebe diese Extreme, das Hochwasser und noch mehr das Niedrigwasser. Dann laufe ich gern barfuß durch ihr Sandbett. Und kehre immer tief beglückt heim”, schwärmt Dörfler. Und zwar nach Steckby, rund zwölf Kilometer stromabwärts, wo auch wir in drei bis vier Stunden anlanden sollen. Dort lebt er seit 30 Jahren in seinem Haus mit Gemüsegarten, „vollkommen unabhängig”, sagt er. Und hier schreibt der Vogelexperte seine Bücher. Zuletzt erschienen „Die Liebe der Vögel” und „Was Vögel futtern”.




