Vor Kurzem konnte man im Fachblatt Nature – und dann auch im Juni-Heft von bild der wissenschaft – etwas von einem magischen Winkel lesen, über den ich vor allem deshalb staune, weil er ein Thema betrifft, mit dem ich vor einem halben Jahrhundert in meiner Diplomarbeit beschäftigt war. Beim Physikstudium hatte mich das Phänomen der Supraleitung fasziniert, das 1911 entdeckt worden war. Bei tiefen Temperaturen strömen Elektronen ungehindert durch einen Leiter, und eine Erklärung dazu wurde 1957 geliefert. Sie besteht darin, dass sich die negativen Ladungen durch Wechselwirkung mit einem Gitter zu Paaren zusammenfinden, was auf mehr oder weniger magische Weise ihr statistisches Verhalten ändert und sie verlustfrei fließen lässt. Diese zauberhafte Erklärung nennen die Physiker heute „konventionelle Supraleitung“, weil sie etwas noch Wundersameres beobachten konnten – nämlich Supraleitung, die durch einen magischen Winkel zustande kommt. Ausgangspunkt sind zwei Schichten aus Graphen, die dann, wenn sie um etwa 1,1 Grad gegeneinander gedreht werden, supraleitend werden. Man kann es nicht glauben: Man dreht einfach an einem Teppich aus Graphen, und schon nehmen seine Elektronen einen neuen Zustand an. In diesem „topologischen Quantenzustand“, wie die Physiker sagen, verfügen alle Ladungsträger über dieselbe Energie, was es ihnen erlaubt, sich auf die verlustfreie Reise durch das Kohlenstoffgerüst zu machen.





