Aber kann sie auch als Protagonistin weiblicher Homosexualität gelten? Ihre Lebensführung scheint darauf ebenso hinzudeuten wie der Inhalt ihrer Gedichte, in denen so viel von Liebe unter jungen Frauen, von Tanz, Musik, Schönheit und Abschied die Rede ist. Inzwischen aber scheinen Historiker und Ethnologen das Rätsel gelöst zu haben: Man muß, so fordern sie, den Zeithintergrund berücksichtigen, vor allem die Bedeutung, welche die damalige Gesellschaft der Erziehung junger, adliger Frauen beimaß.
Über die Biographie der Sappho (die sich selbst im heimischen äolischen Dialekt Psappho nannte) ist nur wenig bekannt. Man ist auf Angaben in ihren Gedichten und auf spätere, häufig freilich legendäre Berichte angewiesen. Geboren wurde sie um 630 v. Chr., entweder in der Inselhauptstadt Mytilene oder in Eresos. Die Familie gehörte zu den reichsten von Lesbos. Die Welt der Sappho war daher die Welt des Adels. Von ihrem Äußeren war Sappho, die in ihren Gedichten nicht müde wurde, die weibliche Schönheit zu preisen, wenig angetan: Sie beschreibt sich selbst – vielleicht nur kokettierend – als klein, dunkel und unansehnlich. In ihren Gedichten erwähnt sie auch zwei Brüder. Auf den einen, Larichos, war die ganze Familie stolz, weil er bei offiziellen Veranstaltungen der Stadt Mytilene den Wein ausschenken durfte. Der andere Bruder hingegen, Charaxos, brachte die Familie in Verruf, weil er bei einer Handelsreise nach Ägypten eine Affäre mit einer Hetäre begann. Zu einem nicht näher bestimmbaren Zeitpunkt heiratete Sappho einen vermögenden Mann von der Kykladeninsel Andros. Aus dieser Ehe ging eine Tochter hervor, eine “schöne Tochter”, wie Sappho betont, die sie nach ihren eigenen Worten nicht einmal gegen das reiche Lydien – immerhin die Heimat des legendär reichen Königs Kroisos – einzutauschen bereit war.
Die Zeiten, in denen Sappho lebte, waren unruhig. Wie fast überall in Griechenland so gab es auch auf Lesbos soziale Spannungen und Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Adelsgruppen, die nicht selten in die Herrschaft von Tyrannen mündeten. Auch die Familie der Sappho wurde in solche Turbulenzen verwickelt, mit dem Resultat, daß sie für einige Jahre in die Verbannung nach Sizilien gehen mußte.
Das scheint der einzige Aufenthalt Sapphos außerhalb ihrer Heimat gewesen zu sein. Ansonsten widmete sie sich ganz der Lyrik und, damit zusammenhängend, dem geselligen Umgang mit jungen Frauen, die wie sie der Adelsschicht angehörten. Die Lyrik war damals eine noch relativ junge, aber schon sehr populäre Form dichterischer Rezitation, so benannt nach der Lyra, einem Saiteninstrument, mit der die Dichter ihren Vortrag, sei es im privaten Kreis, sei es bei öffentlichen Anlässen wie Hochzeiten oder religiösen Feiern, zu begleiten pflegten. Einige Jahrhunderte nach Sappho stellten Gelehrte aus dem ägyptischen Alexandria einen Kanon mit den Werken der von ihnen für am bedeutendsten gehaltenen griechischen Lyriker zusammen. Er bestand aus acht Männern und einer Frau – Sappho. Die Lyrik war bei den Griechen offenbar eine Domäne der Männer. Das bestätigt im 1. Jahrhundert v. Chr. der griechische Geograph und Historiker Strabon. Ein “wundersames Wesen” sei Sappho gewesen, und, so fährt er fort, “so weit die Erinnerung reicht, hat es meines Wissens keine Frau gegeben, die sich mit ihr in der Dichtung auch nur im Geringsten hätte messen können.” …





