Mongolische Geschichte ist ohne Tschingis Khan nicht denkbar. Sein Aufstieg vom Stammeschef zum Weltherrscher ist gleichbedeutend mit dem Aufstieg eines kleinen zentralasiatischen Nomadenstamms zu einer Macht, welche die Herrschaft über die ganze Welt beanspruchte und weitgehend auch ausübte. Tschingis Khan war eine jener überragenden Persönlichkeiten, die nicht nur ihrer eigenen Epoche ihren Willen aufzwangen, sondern bis in eine ferne Zukunft hinein das politische Denken und Handeln wesentlich mit bestimmten und den Namen ihres Volkes lebendig erhielten.
Tschingis Khan ist heute noch Gegenstand politischer Diskussion. Gegenwärtig wird seine Person wieder mit der Frage der nationalen Identität und der politischen Verfassung der Mongolen verknüpft. Der Präsident des unabhängigen Staates Mongolei empfängt seine Gäste vor einer Statue Tschingis Khans. Und immer noch werden in einem großen Heiligtum in der chinesischen Inneren Mongolei für seine Seele Opfer dargebracht.
Die Quellen berichten zunächst stark legendenhaft über die Ahnen Tschingis Khans; mit seinem Ururgroßvater Tumbinai und dessen Sohn Chabul Khan führen sie aber in eine historische Zeit. Tumbinai schickte 1084 eine Gesandtschaft an den Hof des Kaisers der mächtigen Liao (einer nach ethnischer Herkunft und Sprache „mongolischen“ Fremddynastie in Nordchina). Und um 1100 regierte, wie es in Tschingis Khans zeitgenössischer Biographie, der „Geheimen Geschichte der Mongolen“, heißt, Chabul Khan „die ganzen Mongqol“. Die Mongqol (Mongolen) waren ein Stamm, der sich von einem blaugrauen Wolf und einer falben Hirschkuh herleitete. Einer seiner Klane waren die Bordschigin des Tschingis Khan. Historisch gesehen gehören die Mongqol zu einer Gruppe von Stämmen mit derselben Sprache, die man später als „Mongolisch“ bezeichnet hat.
Ob die Aussage, Chabul Khan habe die „ganzen Mongqol“ regiert, bedeutet, daß es bereits eine Art von mongolischem Staat gab, ist unklar. Als Temüdschin, der künftige Tschingis Khan, geboren wurde, war der Bund der Mongqol-Klane jedenfalls wieder zerfallen. Temüdschins Vater Yisügei, ein Enkel Chabul Khans, war kein Khan („König“), sondern nur der Chef des Bordschigin-Klans.
Das Geburtsjahr Tschingis Khans steht nicht fest, wahrscheinlich war es 1162. Der Ort Deliün Boldach, wo ihn seine Mutter Höelün zur Welt brachte, lag im Kentei-Gebirge, beim Berg Burchan Chaldun, an dem sich seine Urahnen, der blaugraue Wolf und die falbe Hirschkuh, niedergelassen hatten. Es sei dahingestellt, ob diese Angabe über den Geburtsort stimmt. Der Burchan Chaldun ist als Ursprungsort ihrer Herrscherfamilie der heiligste Berg der Mongolen. Tschingis Khan soll auf ihm auch begraben worden sein.
Es ist schwer zu entscheiden, wann die Quellen geschichtliche Tatsachen berichten und wann sie als literarische Fiktion zu verstehen sind. Vor allem die „Geheime Geschichte“ ist keine historische Quelle im strengen Sinn. Sie erzählt vielmehr die Geschichte Tschingis Khans im Stil des zentralasiatischen Heldenepos. Der Held ist Tschingis; ihn hat der Himmel beauftragt, die auf Erden verlorengegangene Ordnung wiederherzustellen und der ganzen Welt Ruhe und Glück zu bringen. Die epische Form schließt jedoch nicht aus, daß die Einzelheiten, die berichtet werden, richtig sein können.




