Seit 1732 trieb die Herrnhuter Brüdergemeine den Aufbau eines weltumspannenden Missionswerks voran, das die biblische Botschaft auf allen Kontinenten verbreiten sollte. Die Einrichtung einer Mission in den Distrikten Ladakh und Lahoul war zunächst nicht geplant und ergab sich eher zufällig. Mehrfach hatten die Brüder versucht, die Mongolen zu missionieren, doch alle Versuche, nach China und in die Mongolei vorzustoßen, schlugen fehl. Der Traum von einer Mongolenmission blieb in Herrnhut aber lebendig, und so nahm die Glaubensgemeinschaft zu Beginn der 1850er Jahre das Projekt erneut in Angriff. Nun versperrte jedoch die politische Großwetterlage den Weg über Sibirien nach China. Man entschied sich schließlich für die Anreise von Süden, über die britische Kronkolonie Indien. Im Juli 1853 wurden die Brüder Eduard Pagell, ein gelernter Klempner, und August Wilhelm Heyde, seines Zeichens ausgebildeter Steinmetz, auf diese Route entsandt.
Sie führte nicht zum gewünschten Ziel. Das weitgehend isolierte Tibet verweigerte den Missionaren den Zutritt. So blieben sie „vorerst“ auf der britischen Seite des Himalaja und nutzten die Zwangspause, um sich zu akklimatisieren und mit den lokalen Sprachen vertraut zu machen. Ihre Hoffnung auf eine baldige Weiterreise sollte sich als vergeblich erweisen. Im Lauf der Jahre geriet die Mongolenmission schließlich in Vergessenheit, Tibet allerdings blieb als Missionsgebiet weiter im Fokus der Herrnhuter. Doch auch diese Hoffnung blieb ein Traum. Realität hingegen wurde eine protestantische Mission unter den tibetischen Buddhisten von Ladakh und Lahoul.
Die Herrnhuter Missionare konzentrierten sich auf den Distrikt Lahoul, die Einreise nach Ladakh blieb ihnen zunächst verwehrt. 1856/57 entstand in Kyelang auf rund 3000 Metern Höhe eine erste Missionsstation, die den Ausgangspunkt aller weiteren Aktivitäten im westlichen Himalaja bildete. Bis der Erste Weltkrieg Indien für die deutschen Missionare zu „Feindesland“ machte, wurde die Herrnhuter Präsenz hier behutsam, aber kontinuierlich ausgeweitet. 1865 gründete Eduard Pagell die zweite Missionssta-tion in Poo, 1885 folgte die Station in Leh, der Hauptstadt Ladakhs. Das gerade einmal 3000 Einwohner zählende Zentrum, das nahe der tibetischen Grenze lag und ein regionaler Handelsknotenpunkt war, war von Anfang an Ziel der Missionare gewesen, doch konnte die Sta‧tion erst durch die Vermittlung des britischen Vizekönigs eingerichtet werden. Sie nahm bald eine recht positive Entwicklung und wurde zum Hauptsitz der Herrnhuter in der Region. Ergänzt wurde das Netz durch kleine Außenstationen, von denen allerdings nur Kalatse im ladakhischen Kernland Bestand hatte, sowie einige Schulen und zwei Hospitäler in Leh und Poo.
Wesentliche Voraussetzung für eine erfolgversprechende Mission war der Erwerb einer umfassenden Sprachkompetenz. Die Aneignung der zahlreichen lokalen Dialekte erwies sich als unverzichtbar, um Predigten verfassen und das Wort Gottes übersetzen zu können. Die zu Bekehrenden sollten in die Lage versetzt werden, die Heilige Schrift selbst zu lesen. Daher bildeten der Aufbau von Schulen und der Unterricht der Kinder eines der beiden zentralen Standbeine der Brüder-Mission. Das andere war die medizinische Betreuung der Einheimischen. Beides diente zudem langfristig dem Zweck, einen besseren Zugang zu den Ladakhi aufzubauen. All diese Aufgaben erforderten Personal. In die Region wurden nach und nach Brüder entsandt, welche die entsprechenden Kompetenzen mitbrachten: 1857 traf der Missionar und versierte Sprachforscher Heinrich August Jäschke ein; ihm folgte 1896 mit August Hermann Francke ein weiterer Sprachgelehrter. Bereits 1886 nahm in Leh mit Carl Marx ein ausgebildeter Arzt, der in Edinburgh studiert hatte, die Arbeit auf. Insgesamt hielten sich dort 1911 dauerhaft drei Missionarsehepaare auf.




