Das Zusammenleben der drei Religionen in Andalusien beruhte unter der maurischen Herrschaft auf der allgemeinen Lehre des Islam, nach der die beiden früheren monotheistischen Religionen, Judentum und Christentum, Vorgänger des Islam waren. Ihre Anhänger galten daher als „beschützte Völker“. Der Umstand, dass der Prophet selbst in seinen späteren Jahren in Arabien mit Juden und Christen verhandelt und Verträge mit ihnen abgeschlossen hatte, stützte diese Einschätzung. Doch „beschütztes Volk“ (mit Volk ist auch eine Religionsgemeinschaft angesprochen, wie im Alten Testament „das Volk Israel“) bedeutet nicht „gleichberechtigt“. Das auch in der Scharia verankerte islamische Recht sieht die „Geschützten“ nicht als Vollbürger an. Sie leisteten keinen Militärdienst und zahlten eine Sondersteuer, sie waren dem Staatsvolk der Muslime untergeordnet. Sie hatten jedoch ein Recht darauf, ihre eigene Religion auszuüben mit all ihren Bräuchen und Vorschriften.
Im gleichen Maß allgemeingültige Rechte gab es für die Juden und Muslime, die in dieser Zeit im christlichen Herrschaftsbereich lebten, nicht. Allerdings haben einzelne Herrscher bestimmten Gruppen und Gemeinden Handelsrechte und freie Religionsausübung als Privilegien verliehen. Die Toleranz der Muslime im Mittelalter hatte wenig mit dem späteren Toleranzbegriff zu tun, der mit der Aufklärung entstand. Es war keine gleichsetzende, sondern eine Stufentoleranz. Die Muslime standen auf der höchsten, die anderen Religionen „des Buches“ auf niedrigeren Stufen.
Der Begriff des geschützten Volkes (arabisch dhimmi) gibt jedoch nur einen allgemeinen Rahmen. Im Verlauf der Geschichte ist er in strengerer oder liberalerer Art und Weise gehandhabt worden, und auch in Andalusien hat es innerhalb der beinahe acht Jahrhunderte währenden islamischen Präsenz große Unterschiede gegeben. Generell war das Verhältnis der herrschenden islami-schen Macht zu den Juden ein gutes, gewiss weitgehend, weil die hispanischen Juden in der vorausgehenden Zeit der Westgoten (507–711) besonders brutal verfolgt worden waren und weil sie daher die neue islami-sche Macht auf der Halbinsel als Befreiung willkommen hießen.
Die christlichen Untertanen der neuen islamischen Herren scheinen, nachdem ihre ersten Erhebungen und Aufstände niedergeschlagen worden waren, in der Epoche des Emirats und des Kalifats von Córdoba (756–1013) mindestens teilweise von der damals offenkundigen zivilisatorischen Überlegenheit der islamischen Macht soweit beeindruckt gewesen zu sein, dass ihre gebildeten Schichten bereit waren, an dem kulturellen Projekt des Islam mitzuarbeiten. Der Name, den sie erhielten, mozarabes (von must’arab, einer, der gern Araber sein möchte, sich als Araber gibt), spricht dafür. Aber auch die berühmte Klage des Christen Álvaro: „Meine Glaubensgenossen lesen gerne die Gedichte und die Geschichten der Araber. Sie studieren die muslimischen Philosophen und Theologen, nicht etwa, um sie zu widerlegen, sondern um einen korrekten und eleganten arabischen Stil zu erlangen … Weh uns, alle jungen Christen, die sich durch Begabung auszeichnen, kennen nur noch die arabische Sprache und Literatur!“ Für viel Geld würden Christen große arabische Bibliotheken zusammenkaufen, klagt er weiter. Von den christlichen Büchern sagten sie dagegen voller Verachtung, sie seien ihrer Aufmerksamkeit nicht wert. Viele könnten kein Latein mehr, sprächen aber ein gewähltes Arabisch.





