Zwischen 1856 und 1860 intervenierten Großbritannien und Frankreich in China: Der sogenannte zweite Opiumkrieg gegen das chinesische Kaiserreich sollte ihren Einfluss in Ostasien ausweiten. Unter Führung Lord Elgins erfüllten britisch-französische Truppen nicht nur diese Mission, sondern verwüsteten auch den außerhalb Pekings gelegenen alten Sommerpalast: einen riesigen, von exquisiten Gärten umgebenen Komplex. Die Gärten wurden zerstört, die herausragenden kaiserlichen Kunstschätze, die man vorfand, geplündert. Europa lernte damals erstmals chinesische Kunstobjekte von höchster Qualität kennen (sie sind heute weltweit in Museen verstreut). Als die Macht der Qing-Kaiser – nach innen wie nach außen – immer mehr zerfiel, sorgten Verkäufe aus der Verbotenen Stadt für Nachschub.
Der erste, der systematisch eine Sammlung chinesischer Lacke aufbaute, war Fritz Löw-Beer. Als er zu Beginn des 20. Jahrhunderts Lacke als seine Passion entdeckte, gab es dazu noch fast keine wissenschaftlichen Arbeiten. Der 1906 in Swittawka (Mähren) in eine deutsch-jüdische Unternehmerfamilie geborene „richtige Dilettant“, wie er sich stolz bezeichnete, begeisterte sich vor allem für Schnitzlacke und trug über die Jahrzehnte eine bedeutende Sammlung zusammen – auch in der Emigration, in die ihn der deutsche Einmarsch in die Tschechoslowakei 1938 zwang. Er war sich bewusst, dass er eine einzigartige Privatsammlung besaß, und er hielt sie weitgehend zusammen. Bis auf wenige – allerdings herausragende – Einzelstücke hat sie das Stuttgarter Linden-Museum nach seinem Tod 1976 erworben.
Den Grundstoff von Lack bildet das milchige Rindensekret des Lackbaums, der vor allem in Südchina vorkommt. Das glänzende, gut trocknende Harz wird von etwa zehn- bis 15-jährigen Bäumen gezapft. Nach der Säuberung setzt man Pigmente zu: traditionell Ruß bzw. Zinnober (ein farbintensives Mineral), um eine Schwarz- bzw. Rotfärbung zu erreichen (andere Farben gelangen erst seit dem 19. Jahrhundert).
Lacke – deren Qualität beträchtlich schwanken kann – schützen das Holz, auf das man sie aufträgt, vor Feuchtigkeit und vor dem Holzwurm. Die meisten chinesischen Lackarbeiten bestehen in ihrem Kern aus Kiefernholz. Auf mehrere Lagen Grundierung trug man bis zu 200 hauchdünne Lagen Lack auf, was zu Schichten von mehr als einem Zentimeter Dicke führen konnte. Je weiter der Prozess fortschritt, desto höher wurde die verwandte Lackqualität. Jede Lage musste mindestens eine Woche an einem warmen, feuchten und möglichst staubfreien Ort trocknen. Dann wurde die Oberfläche sorgfältig poliert. War die letzte Lage aufgetragen, wurde sie mit Leintüchern, Rüböl und feinkörnigem Schiefer- oder Hirschhornpulver geglättet. Angesichts der aufwendigen Herstellung verwundert es nicht, dass Lackarbeiten bis zu zwei Jahren in Anspruch nahmen…




