Von BETTINA WURCHE
Eine violette Seegurke liegt auf dem hellen, schlickigen Boden des Marianengrabens. Nicht weit davon bläht sich eine weiße Plastiktüte im Rhythmus des Wassers wie ein lebendiges Wesen, ihr Knoten am oberen Ende wirkt wie ein Kopf. Die Kamera des Tauchroboters erfasst eine Bierdose, dann ein weißes Kunststoffseil. Zwischen Steinen, weiteren Seegurken und Fischen liegen noch mehr Dosen und Plastikverpackungen, die Aufschriften sind noch gut zu lesen. Der Marianengraben und andere Tiefseegräben sind voll Müll, darunter viele Kunststoffe aus synthetischen Polymeren auf Erdölbasis: Plastik.
Das beliebig formbare, haltbare und billige Material begann seinen Siegeszug nach dem Zweiten Weltkrieg. Seitdem hat die Plastikproduktion stetig zugenommen: In den 13 Jahren von 2003 bis 2016 wurde so viel Plastik hergestellt und weggeworfen wie in den 50 Jahren davor. 2016 wurden 335 Millionen Tonnen Kunststoff produziert, 2020 waren es 367 Millionen Tonnen.
Plastik ist das Material unserer Zeit. Es wird schnell produziert und schnell wieder weggeworfen und viel davon landet in den Ozeanen. Nach Schätzungen von Wissenschaftlern gelangen allein in Europa jährlich 307 bis 925 Millionen Müllteile ins Meer, 82 Prozent davon sind aus Plastik. Sie werden über Niederschläge in Flüsse gewaschen und dann ins Meer transportiert oder vom Wind gleich ins Meer geweht. Den meisten Müll verursachen Einwegverpackungen. Mindestens 22 Prozent des Meeresmülls stammen aus der Fischerei. Ein spezielles Problem sind die unzerreißbaren Leinen, Taue und andere Schnüre sowie Fischereinetze, die im Meer verloren gehen oder entsorgt werden: Meerestiere jeder Größe verheddern sich mit Flossen, Schwanz oder dem Körper darin und ersticken oder verenden oft langsam und qualvoll.
Die Qualle, die eine Plastiktüte war
Im Meer entfalten die Kunststoffprodukte ein Eigenleben: Schwerere Plastikobjekte sinken schnell nach unten, bis zum Meeresboden. Mit Luft gefüllte oder leichtere Stücke treiben zunächst an der Oberfläche, Strömungen tragen sie bis in abgelegene Regionen der Arktis. In manchen Meeresgebieten sammeln sie sich und bilden große Müllstrudel. Albatrosse und andere Seevögel fressen die bunten Objekte und verfüttern sie an ihre Küken. Bei den auf Hawaii brütenden Laysan-Albatrossen fand man bei 67 von 100 Küken Plastik im Magen – sie bleiben untergewichtig oder verhungern sogar. Im Meer schwebende Plastiktüten ähneln Quallen, sodass Meeresschildkröten sie fressen und daran ersticken.
Treibendes Plastik wird zunächst von Algen und Bakterien besiedelt, später von ganzen Kolonien von Seepocken oder anderen Tieren. Mit dem Bewuchs werden die Müllstücke schwerer und sinken bis auf den Meeresboden. Wie Sediment werden sie dort mit Strömungen weiter transportiert in immer größere Tiefen und landen schließlich in der Tiefsee. Manche tief tauchenden Wale scheinen Plastiktüten mit Tintenfischen zu verwechseln. Trotz ihres Sonars erkennen sie nicht immer den Unterschied und schlucken manchmal so viel Müll, dass sie mit vollem Magen verhungern –wie ein Cuvier-Wal, der vor einigen Jahren abgemagert und sterbend an der norwegischen Küste strandete. Der tief tauchende Meeressäuger hatte über 40 Tüten mit englischen und dänischen Aufschriften geschluckt.





