von CLAUDIA EBERHARD-METZGER
Es sei für ihn ein Albtraum, würde man ihn nach einer Definition von Krebs fragen. Kein Geringerer als Rudolf Virchow hat das gesagt – dabei hatte der große deutsche Pathologe, der Ende des 19. Jahrhunderts an der Berliner Charité arbeitete, Tausende von Krebsfällen diagnostiziert. So vielfältig diese Erkrankungen waren, in einem war Virchow sich sicher: Krebs ist eine Erkrankung der Zellen.
Im menschlichen Körper sind über 1014 hoch spezialisierte Zellen zu einer gigantischen Kooperative zusammengeschlossen. Im Prinzip ist jede dieser Zellen ein einzelnes Lebewesen. „Wenn sich aber Zellen zum Aufbau eines komplexen Organismus zusammentun“, schrieb der in Ungarn geborene Krebsforscher und Nobelpreisträger Albert Szent-Györgyi, „dann muss ihr Wachstum im Interesse des Ganzen reguliert werden.“ Die Wachstumspolitik höherer Organismen ist kompromisslos: Normale Körperzellen können sich etwa fünfzigmal teilen. Dann ist Schluss, und sie gehen in einen Zustand über, den Wissenschaftler „Seneszenz“ nennen: Die Zelle lebt noch, sie teilt sich aber nicht mehr.
Krebszellen missachten alle wachstumsregulierenden Signale. Sie vermehren sich ohne Rücksicht auf ihr Ursprungsgewebe, sie klinken sich aus der geordneten Zellgemeinschaft aus. Dazu greifen sie auf ein Programm zurück, das jeder Zelle eigen ist: den Zellteilungszyklus, ein in periodischen Etappen ablaufender, streng kontrollierter Vorgang, der mit der Teilung einer Zelle in zwei Tochterzellen endet. Bereits kleinste Fehler im Ablauf können schwere Konsequenzen haben. „Aus jeder normalen, teilungsfähigen Zelle kann eine Geschwulstzelle hervorgehen“, schrieb Karl-Heinrich Bauer, der spätere Gründer des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg, im Jahr 1928 in seiner „Mutationstheorie der Geschwulstentstehung“. Und ergänzt einen wichtigen Satz: „Bei diesem Übergang hat die Geschwulstzelle ihren inneren Zellcharakter in grundlegender Weise verändert.“ Welche Charakteränderungen das sind, haben Krebsforscher in den vergangenen 100 Jahren bis aufs Molekül genau entschlüsselt.
Verursacher und Antreiber
Den Anstoß zur „Charakteränderung“ und zum anarchischen Wachstum einer Zelle geben zumeist „Karzinogene“, Krebs auslösende oder Krebs begünstigende Stoffe. Dazu gehören etwa die chemischen Substanzen im Tabakrauch, ultraviolette und ionisierende Strahlen oder spezielle Viren. Auch das Alter spielt eine Rolle: Je länger wir leben, desto wahrscheinlicher wird es, dass sich fatale genetische Veränderungen, sogenannte Mutationen, in kritischer Weise häufen, zumal die Kraft der zelleigenen Reparaturdienste mit den Jahren nachlässt. Nicht zuletzt spielt der Zufall eine nicht unerhebliche Rolle. Die eine Ursache von Krebs gibt es jedoch ebenso wenig wie den Krebs: Stets müssen mehrere schädigende Einflüsse zusammenwirken, damit eine Zelle aus ihrer Balance gerät. Jeder Krebs, so weiß man heute, weist eine einzigartige Kombination von Mutationen auf. Selbst in einem einzelnen Tumor findet sich ein Mosaik aus mutierten Zellen.





